Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 6 (1865)
- Issue
- Heft 35 (30.8.1865)
- Date
- 1865-08-30
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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cilage zu Nr. 35 des Israelit. Zeitungsnachrichten und Correspon- -enzen. Deutschland. Worms Die allgemeine Noth in Jerusalem hat auch unsere Gemeinde tief bekümmert. Wer könnte auch gleichgillig bleiben bei dem Bewußtsein, daß so viele Menschen mit Hunger und Noth zu kämpfen haben? gleichgiltig bleiben bei dem Bewußtsein, wie der geängstigte Vater zitternd seinen letzten Bissen hingibl, um seiner Kinder Hunger zu stillen? wie der verzweifelten Mutter thräinnvolles Auge vergebens nach Trost und Hilfe sucht? Und sind es nicht unsere Brüder, die da leiden? Unser Rabbiner, Herr Vr. Jastrow, hat mit Wort und Schrift, sowohl hier, wie auch in seinem ganzen Kreise kräftig gewirkt — als Diener des göttlichen Wortes hat er die Gefühle geweckt, und wahrlich nicht vergebens. Bereits Hai derselbe 700 fl. nach Amsterdam an die Pekidim und Amarkelim abgeschickt, und noch veröffentlichen unsere beiden hiesigen Zeitungen (deren Redactionen so menschenfreundlich waren, den Aufruf unentgeltlich aufzunehmen) täglich neue Gaben.*) Wir dürfen hoffen, daß auch jene Hartherzigen, deren Namen wir bis heute vergebens in der Liste der Geber suchten, daß auch sie sich Herbeilaffen werden, mitzuhelfen, die Noth so Vieler zu lindern; daß sie eingedenk sein mögen: daß jene gewaltige Hand Gottes, unter der unsere Brüder seufzen, auch über ihrem Haupte schwebt. M. R u ß l a n.d. Der Kaffer von Rußland erließ jüngst einen Ukas, in welchem er jüdischen Handwerkern und Künstlern die Erlaubniß ertheilte, sich überall im ganzen Reiche ansiedeln zu dürfen und dort ihr Geschäft zu betreiben. Daß man den Juden jetzt allmählich Freizügigkeit gestattet, ist ebensosehr dem wohlgesühltcn Bedürfniß nach tüchtigen Arbeitern, wie der religiösen Duldung zuzuschreiben. (Star.) Petersburg. Wenn die Missionsgesellschaften zu London, Berlin rc. sich seither darauf beschränkten, ihre „Boten des Heils" in entlegene, den Verkehrs¬ *) Herr Döninger, Redacteur des „Herolds/ verdient besondere Anerkennung, indem derselbe 25 Exemplare seines „Herold-," worin der Ausruf stand, dem Rabbiner, Herrn vr. Jastrow, unentgeltlich zur Beförderung der guten Sache zuschickte. wegen der modernen Civilisation fast unzugängliche Länder zu senden, um dort die „verirrten Schafe Is raels" in den Schooß der seligmachenden Kirche zu führen; oder wenn sie bis jetzt daraus gewartet haben, irgend einen von Nahrungs- und sonstigen Sorgen bedrängten, verlausenden Taugenichts aus Polen oder Rußland aufzuschnappen, und diesen, augenblicklich Bedrängten, so zu beschwatzen, durch Geldbelohnung und sonstige Anziehungsmittel dazu zu bringen, sein Jawort abzugeben, d. h. sich taufen zu lassen — so haben sie sich gegenwärtig in ihrem großen Eifer einen andern Zweig dieser säubern Industrie anzubahnen gewußt. Wahrscheinlich deckt der seitherige Import den Bedarf nicht, so daß diese Herren Seelenschacherer nicht umhin konnten, anderswo Factoreien und Depots anzulegen. Was wäre da ersprießlicher, als die Hauptbezugsquelle, das Czaarenreich, mit einem solchen Etablissement zu beglücken. Gesagt, gethan. Im Herzen des Landes, in der Hauptstadt selbst, wuroe eine solche Brücke zur Seligkeit, in der Gestalt einer Schule für jüdische Mädchen, errichtet — selbstverständlich, um sie ihrem Glauben abwendig zu machen. Die Ellern dieser Kinder haben natürlich die feste Überzeugung, alles Dies geschehe nur aus rein philanthropischen Zwecken, ohne irgend welche Nebenabsicht. Was jedoch der wirkliche Zweck ist, wissen unsere verehrt. Leser bereits. Wir copiren nur noch Folgendes, was eine dieser weiblichen Pontoniere zur Seligkeit ihrer Collegin, Miß Sisson, von der Londoner Missionsgesellschaft in einem Briefe mittheilte, und weiches wir dem „I. CH." entnehmen, in der Hoffnung, daß dasselbe von unseren Glaubensbrüdern in Rußland beherzigt werden möge: „Wir haben jetzt 60 Schüler; obschon wir uns bemüht haben, noch einige Zimmer zu unserer Schule zu erwerben, so sind wir doch so eingeschränkt, daß wir nicht mehr nehmen können; nur zehn von ihnen sind Pensionäre in unserem Institut. Die Eltern haben großes Zutrauen zu uns an den Tag gelegt; ihre einzige Besorgniß ist, daß unsere Speise nicht nach jüdischem Gesetze zubereitet sei. Dem geistigen Einfluß aus das Gemnth der Kinder legen sie weniger Werth bei, da sie nur die Taufe als den gefährlichen Schritt betrachten, nicht aber die Principien in Bezug aus den Glauben und die Wahrheit, die den wahren, bereits erschienenen Messias anerkennen. Darum, so lange sie noch nicht sehen, daß das Christenthum ihren Kindern durch äußere Formen aufgezwungen wird, sind sie unbesorgt um die Einwirkung ausis Gemüth." Möchten sich auch die in hebräischer Sprache erscheinenden Zeitungen in Polen und Rußland dieser wichtigen Sache annehmen, um den Blinden die Augen zu öffnen. —