Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 6 (1865)
- Issue
- Heft 33 (16.8.1865)
- Date
- 1865-08-16
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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457 Lüo Lübeck, 1. August. Unsere alte Hansastadt prangt im festlichen Flaggenschmucke. Viele Tausend Gäste weilen hier, um dem zweiten niedersächsischen Gauturnfefle, das am 5., 6. und 7. d. M. hier begangen wird, beizuwohnen. Wie sich leicht denken läßt, befinden sich auch viele unserer Glaubensgenossen unter diesen Turnern. Am Sonnabend zogen die meisten fremden Gäste ein. Viele Israeliten aus Mecklenburg und Hamburg befanden sich unter ihnen. Was kümmerte sie der^Sabbat? Und fromm sind sie doch, diese jungen Herrchen, sie tragen ja das Turnerkreuz, das aus 4 k* besteht, wowon die zwei letzten „fromm" und „frei" heißen, an ihren Gürteln, Kleidern und Mützen. Gewiß eine recht sinnige Vertretung des Hier angckommcn, werden die Turner bei den Bürgern untergcbracht. Unsere Glaubensgenossen, obschon recht gut w ssend, daß hier in Lübeck auch Juden wohnen, daß koscheres Essen hier zu haben ist, lassen sich ganz ruhig bei den christlichen Bürgern zur Versorgung unterbringen. „Wozu auch noch,^ hört man sie sagen „jetzt noch sich selbst zurückziehen und absperren, da man uns so großmüthig ausgenommen, uns selbst die alten Ghettl's geöffnet und alle Schranken niedergerissen? Wir müssen uns der Freiheit würdig zu machen suchen, und dies können wir nicht anders, als, indem wir unsere alten, jetzt nicht mehr paffenden Gesetze bei Seite schieben." Unsere alte Nachbar- oder vielmehr Muttergemeinde nimmt immer mehr ab, und ist ihre gänzliche Auflösung in nicht zu langer Zeit vorauszusehen. Die so schöne Synagoge steht fast leer; an Wochentagen wird schon längst kein Gottesdienst mehr gehalten, weil keine zehn Mann zusammenzubringen sind, und auch an Sabbat- und Festtagen steht das Gotteshaus sehr vereinsamt, während die Lübecker Synagoge zu klein ist um allen ihren Besuchern an diesenTagen gehörig Raum zu gewähren. Altona, 5. Aug. Vor mehreren Monaten wandte sich ein österreichischer Militär Oberarzt, welcher den letzten schleswig-holsteinischen Krieg rnitge macht hatte, an den hannoverschen Ober-Rabbiner Mayer mit der Bitte, das Nöthige zu veranstalten, damit er in das Judenthum ausgenommen werden könne, da er fest entschlossen sei, seinen bisherigen katholischen Glauben mit dem jüdischen zu vertauschen. Nach den jüdischen Religionsgesetzen ist aber das Proselytenmacher! nicht nur streng verpönt, sondern alles Mögliche anzuwenden, einen zum Judenthum übergehen Wollenden von seinem Entschluß abzubringen. In dieser Hinsicht hatte der Ober-Nabbmer vr. Mayer und dem Vernehmen nach auch später der Altonaer Ober-Rabbiner Ettlinger den österreichischen Oberarzt deschieden. Trotzdem hat im Laufe der letzlvei stoffenen Woche die Tauffeierlichkeit nach jüdischem Ritus in! Hamburg stattgefunden, und ist der betreffende Arzt nunmehr in das Judenthum ausgenommen worden, da er sich durchaus nicht von seinem Entschluß abbringen ließ und fest und bestimmt erklärte, daß nur die reinste Ueberzeugung und durchaus keine Nebensache seinen Willen geleitet habe. Aus solche bestimmte Erklärung konnte der Aufnahme des Katholiken in das Judenthum kein Hinderniß mehr in den Weg gelegt werden, zumal der Betreffende den nöthigen Religionsunterricht inzwischen genossen hatte. (A. M.) Oesterreichischer Kaiserstaat. D. a. Ujhely, 23. Juli. Zur Erweiterung des hebräischen Sprachunterrichts an der k. israelitischen Musterhauptschule zu Temesvär hat der hochlöbl. ung. Stadthaltereirath die Bestellung noch eines Lehrers genehmigt und unter Zahl 45,582 vom 20. Juni den Concurs eröffnet. Bewerber haben ihre Gesuche bei der Großwardeinec k. Studien-Oberdirection einzubringen rnw Belege über Befähigung als Religionslehrer und Lehrer des hebräischen Sprachfaches, sowie ihre Befähigung als Hauptschullehrer bcizufügen. So weit haben wir die Concursdaten aus dem Amtsblatts in breitester Genauigkeit hier wieder gegeben, um es auch einem trefflichen Hebräer aus dem Lager des Israelit zu ermöglichen, daß er um einen Posten sich bewerbe, der ebenso ein ehrenhaftes Auskommen als eine Segen verheißende Tbätigkeit auf schulmänuischcm Gebiete in frohe Aussicht stellt. Und wir haben Ursache diesen Concurs als eine doppelt freudige Erscheinung zu bezeichnen, nachdem wir ementheilS darin die hohe Landesregierung den Intentionen einer jüdischgesinnten Gemeinde bereitwillig Rechnung tragen sehen und anderntheils auch einen nicht zu unterschätzenden Fortschritt auf pädagogischem Gebiete in der Art erkennen, wie dieser Lehrer des hebräischen Sprachfaches berufen wird. Reden wir früher von dir Intention jener echtjüdischen Gemeinde, um später den pädagogischen Fortschritt um so entschiedener hervorheben zu können. Also der wiedererwachte Geist des Glaubens und des religiösen Bedürfnisses ist es, welcher die Gemeinden zu dem eine Weile völlig vernachlässigten Studium der heiligen Schriften hindrängt. Weil ohne gründliche Kenntniß der hebr Sprache ein richtiges Auffassen der Thora nicht denkbar ist; weil ferner die jüngere Generation nicht mehr mit den schmalen Bissen sich begnügt, welche die Reform pur l'ores auf ihre gastronomischen Glaubenstische als Schauspeisen hinsUllte, deshalb sehen wir jetzt bereits die zweite Gemeinde, die sich eilerköniglrchen und mit königlicher Munificenz erhaltenen Musterhauptschule erfreut, bei der hohen Stadthalrerei um di Anstellung noch eines zweiten Lehrers pelitionüen, der mit dem bereits früher engagirten