Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 6 (1865)
- Issue
- Heft 32 (9.8.1865)
- Date
- 1865-08-09
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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416 gleicher Höhe den Stengel umgeben. Diese Art ist die wahre Hadassah oder Hedaß, welche für den religiösen Gebrauch vorgeschrieben ist. Der Gärtner zieht diese Art an niedrigen Pflanzen in Mistbeeten, wobei sie besonders schöne schlanke Zweige mit großen Blättern bildet, so daß man sie eher für die großblätterige Myrte hält, als für die gemeine Myrte, Ll^rtus «owwunis. Der Gebrauch verlangt, daß ein schöner Zweig des Akoth mindestens drei Hand breit an Länge haben soll, und ein solcher wird gern mit einem Drittel Thaler bezahlt. 2. Neben dem wahren Hedaß sprossen viele Zweige, an welchen nur zwei Blätter beisammen, das dritte aber höher steht — oder an welchem überhaupt alle Blätter abwechselnd höher stehen; kolis. altervanlia, wie die Kunstsprache dies bezeichnet. Eine solche Myrte ist aber zum religiösen Gebrauch völlig untauglich und wird mit dem Namen Hedaß Schoteh, d. i. der „Thörichten Myrte", bezeichnet. 3. Bei der dritten Art stehen immer zwei Blätter einander gegenüber, tolia oxxoaiia; es ist dieses die gewöhnliche oder normale Blatlstcllung der Myrte. Diese Art darf im Nothfalle gebraucht werden, steht im Preise jedoch weit hinter der wahre» Hadassah zurück. Fragen wir nunmehr nach der symbolischen Bedeutung der Myrte, so kann dieselbe bei dem Hütlenfefte nur im Zusammenhänge mit den drei übrigen Bestandtheilen des Feststraußes verstanden werden, und wir begegnen hier einem überraschenden Neichthum symbolischer Vorstellungen, die nicht weniger als sechs Gruppen bilden. Erstlich ist das Ethrog (Paradiesapfel) eine wohlschmeckende Frucht von wunderbarem Wohlgeruche; die Dattelpalme bringt süße Früchte, ist aber geruchlos; die Myrte duftet angenehm, ist aber nicht genießbar, und die Weide hat weder Frucht noch Geruch. Hierin sollen nun vier Vertreter der Gemeinde Israel gegeben sein, denn manche Israeliten zeichnen sich aus durch Kenntniß der Gotteslehre (symbolisirt durch den Wohlgeruch), sowie durch gute Thaten (symbolisirt durch die wohlschmeckende Frucht); andere zeichnen sich nur durch gute Thaten aus, andere nur durch Wissen, andere endlich weder durch Thaten noch durch Wissen, doch Alle sollen sich einen im Preise ihres Schöpfers. Wir entnehmen also hieraus, daß der Duft der Myrte als Symbol der Wissenschaft und zwar der heiligen Wissenschaft gilt. In weiterer Bedeutung stellt aber der Fcststrauß des Hüttenftstes den menschlichen Körper dar. Das Etbrog gleicht dem Herzen, der Palmzweig dem Rückgrat, die Blätter der Myrte gleichen den Lippen und die der Bachweide den Augen. „Weihe, Israelit, Dein Herz, Dernen Mund, Deine Augen und Deinen übrigen Körper nur dem Dienste Deines Gottes!" Auch betrachtet man die vier Bestandtheile des Fcflstraußcs als Symbol der vier Patriarchen: Abraham, Isaak, Jakob und Joseph. Hier gilt die Myrte als das Symbol Jakobs, der von Kindern so reich umgeben war, wie die Myrte von Blättern. In ähnlicher Weise wird Beziehung genommen auf die vier Stammmütter: Sarah, Niwkah, Leah und Rachel, und wird die Myrte als Symbol der Leah ausgefaßt. Man bringt ferner mit den genannten vier Symbolen die vier Ströme in Verbindung, von denen in der Genesis erzählt wird, daß sie dem Paradiese entfließen, und es entspricht in diesem Falle die Myrte dem Flusse Gichon. Sodann wird jedes der vier Symbole als ein unmittelbarer Hinweis auf Gott aufgefaßt, und zwar die Myrte in Anlehnung an Zacharias Cap. 1, V. 6: „Und Er süht zwischen den Myrten". Endlich wird durch den Feftstrauß die ganze Körperwelt dargestellt: durch das Ethrog der mathematische Punkt, durch den Palmzweig die Linie, durch zwei Bachweiden die Fläche (zwei Ausdehnungen), und durch drei Myrten der Körper (mit drei Ausdehnungen); denn der Festflranß besteht ans einem Ethrog, einem Palmzweig, zweien Bachweiden und dreien Myrten. Wir müssen gestehen, daß einige dieser Symbolisirungen durch ihre Kühnheit uns lebhaft erinnern an manche der Phanthasiegebilde der deutschen Naturphilosophie!*) Schließlich werde noch bemerkt, daß die Myrte öfter in der heiligen Schrift angeführt wird und daß insbesondere Hadassah, die Myrte, auch der hebräische Name der Königin Esther war. Gewiß gewinnt aber die „liebliche Myrte in den Locken der Jungfrau" für diese und uns Alle ein erhöhtes Interesse durch die Kenntniß der vielfach sinnigen Bedeutung, welche sie bereits bei den Hebräern hatte, einem Volke von so tief religiöser Empfindung, in welcher ja die christliche Gottcsanschauung mit ihren ersten Anfängen und Vorstellungen unverkennbar wurzelt. *) Herr Sobödler, der berühmte Verfasser von „das Buch der Natur", ist Christ und Direktor der Realschule zu Mainz. Hierzu eine Beilage. Verantwortliche Reoaction: vr. Lehmann. — Verlag der Le Roux'schen Hof- .chhandlung. — Dampf-Sämellprefsendruck von I. Gottsleben in Mainz.