Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 6 (1865)
- Issue
- Heft 30 (26.7.1865)
- Date
- 1865-07-26
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2446951-2447193-2447223--03546-2458953- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
416 dem sogenannten Fortschritte huldigend, gerirten sich doch in ihrem Amte so sehr als „kleine Herren", herrschten so unumschränkt, als hätten sie es niemals erfahren, daß schon fast sämmtliche deutsche Staaten sich ans der Basis der Constitution resormirt haben. Dem Gemeindebudget sieht man schon lange, doch vergeblich, entgegen; der vom Staate festgestellte Procentsatz für die in die Gemeinde Aufzunehmenden wird trotz Fortschritt und Aufklärung stets überschritten — kurz: es wird so willkürlich regiert, daß mancher absolut regierte Staat sich noch an unserm kleinen Staate im Staate ein Muster nehmen könnte. So traten denn nun, um diesen Mißständen adzuhelsen, vor einigen Wochen Männer zusammen, die einen Ausruf zur gemeinsamen Besprechung für die Anbahnung einer Reform der Gemeindeverfassung ergehen ließen, und diese Versammlung hatte schon sür's Erste den Ausfall der liberalen Wahlen zur Folge. Es sind nun auch noch weitere Schritte in Aussicht gestellt: zuerst will man sich in einer Adressen - Petition an den Vorstand um Reform des Gemeindestatuts wenden; fruchtet dies nichts, so will man mit einer Petition um Untersuchung der Gemeindeverhältnisse an den Senat gehen. Schon werden aber auch einzelne Stimmen laut, den Vorstand wegen Überforderung bei der Gemeinde-Aufnahme gerichtlich zu belangen und die Zurückerstattung des Zuviel mit den Zinsen zu verlangen. Warten wir einmal ab, es scheint manches Interessante an's Tageslicht zu kommen. Vorige Woche hatten wir auch das Glück (?), 16 fremde Rabbinen in unseren Mauern zu beherbergen. Sie waren alle gekommen, und mit ihnen Männer aller Stande, auf eine Einladung des Herrn Nabb. Dr. Geiger hier, um über die Interessen des Judenthums zu Lagen. Herr Or. Geiger, Präsident, Herr Dr. Philippson, Vicepräsident — das bedrohte Judenthum ist gerettet. Was die Herren m den fünf Stunden, die sie bessammen waren, gesprochen, darüber ist mir noch Nichts bekannt, vielleicht sind wir bald so glücklich, die Ergebnisse dieser Zusammenkunft durch das Organ des Herrn Philippson zu erfahren. Vergangenen Sonntag vor acht Tagen hat Herr Dr. Geiger seine Vorträge über die Pirke Aboth geschlossen. Bereits im vorigen Jahre hatte Herr Ör. Geiger allsabbatlich zwischen 222 und 2222 Vorträge über die 2',222 gehalten, und hat er solche nun auch dieses Jahr fortgesetzt. Jetzt aber hören Sie, wie es Herr Or. Geiger trotz „Urschrift" und Kritik versteht, „Wörtchen" zu sagen, welch' liebliche Speisen er seinen Zuhörern austischt, wenn es in den eigenen Kram paßt. Die letzte Mischnah des 3. Abschnitts, wo R. Eliesar Chisma sagt:;2;2 22) '2221 2222^ 21x2222 2121P2 2Ob2 erläuterte der gelehrte Herr folgendermaßen: N. Eliefar Chisma werde oft als bedeutender Naturforscher und Geometer genannt, wie soll also dieser der Kalenderberechnung und Geometrie, die doch auch so innig mit den religiösen Institutionen des Judenthums zusammenbingen, eine so untergeordnete Stellung angewiesen haben, daß er sie 21x2222 nenne, während er die verwickelten Halachahs von und 22^ als die Hauptsache des Gesetzes bezeichne. Um den Ausspruch des R. Eliesar richtig zu verstehen, müsse man den Satz als ironisch-fragend nehmen: nur >2221 das nennt ihr 21222 '21.1, und ^211 2121P2 das nennt ihr 21x2222 2222^, während es doch gerade umgekehrt ist!? — Ist Ihnen schon einmal ein polnischer „Wortchensager" mit einem bessern „Dreh" vorgekommen? Das soll Kritik und Wissenschaft sein! Wir werden bald noch Wunder erleben; man wird uns bald durch „Wörtchen" beweisen wollen, daß man eigentlich die ganze Thora nicht zu halten brauche, daß nur aus Mangel an Interpunktionszeichen das große Fragezeichen hinter ^22" b2 fehle und man solches hinzusetzen müsse; Hillel und Schammai werden bald zu Texteskritikern gedreht werden und Herr Or. Geiger wird uns bald bewiesen haben, daß er mit seinen Zerstörungsbestrebungen nur die Absichten des W12P2 W22 erfülle. Wie ist Herr Ov. Geiger schon so oft über die „Spitzfindigkeiten" der Rabbinen hergefallen, wie oft hat er schon über deren Wörterkürzungen die Achsel gezuckt, und jetzt, im Dienste der Reform — „Ja, lieber Freund, das ist etwas Anderes". Da ich gerade bei Herrn kr. Geiger bin, will ich Ihnen noch ein anderes Curiosum mittheilen. Die jüngst erschienene Zeitschrift des genannten Herrn enthält ein Gutachten über das Bedecken des Hauptes während des Gottesdienstes von Or. S. Adler in New- Uork. Bei Nennung dieses Namens werden Sie die Entscheidung gleich errathen haben: das Haupt zu bedecken ist ganz unnöthig, was aus so und so vielen Stellen der Gesetzbücher erwiesen ist. Ich will an dieser Stelle nicht auf das Gutachten selbst näher eingehen, was zu thun ich mir für einen besonderen Artikel Vorbehalte, ich null nur auf einen Punkt aufmerksam machen. Nachdem der Herr Vers, gesagt, daß nach unfern jetzigen Verhältnissen und Sitten das Haupt zu bedecken einen Mangel an Ehrfurcht beweise und unanständig erscheine, so fährt er fort, zu erzählen, daß in der Synagoge, in welcher er fungire, es vom Vorstande Jedem freigestellt worden, es mit dem Bedecken desHauptes nach Belieben zu halten. In einer Nachschrift wird alsdann bemerkt, daß in jüngster Zeit der Vorstand das Bedecken des Hauptes verboten habe, Jeder habe bei'm Gottesdienste das Haupt zu entblößen, nur Vorsänger und Rabbiner tragen ein zum Ornat gehörendes Barett. Wir erlauben uns nun daraufhin folgende mathematische Preisfrage zu stellen: Wenn es unanständig ist, vor Gott bedeckten Hauptes