Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 6 (1865)
- Issue
- Heft 28 (12.7.1865)
- Date
- 1865-07-12
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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396 Glaubensbrüder erniedrigt und verdirbt, muß ich mir die größte Mühe geben, ruhig zu bleiben. Destomehr aber, wenn man, um sich zu vertheidigen, den traurigen Muth hat, den modernen Völkern und den Regierungen unserer Tage, als Musterbild von Freiheit der Culte die beneidenswerte Lage unserer Brüder zu Nom anzupreisen. „Ditüeilv est von serideie." Es ist sehr schwer, kaltblütig zu bleiben und nicht in die beißendste Ironie zu verfallen, wenn man all den Hohn von Hoch und Niedrig, den unsere Brüder unter dieser väterlichen Herrschaft erdulden mußten, aufzählen soll. Denn wir Juden lieben mit Recht oder Unrecht die theologischen Fragen; von Jugend aus, als ein Volk des Glaubens, gewöhnt an ein aufrichtig religiöses Leben, ziehen wir eine gläubige Regierung jeder andern vor; aber zu Rom ist alles Edle und Menschliche an uns unaufhörlich den empörendsten und schmählichsten Demüthigungen ausgesetzt. O, ich wollte einmal sehen, wenn Herr Dupaloup, der Erzbischof inpartidus inückeliurn zu Constantinopel, anstatt friedlich in der Stadt Jeanne d'Arc zu wohnen, vom Munde des Sultans, des muselmännischen Papstes, eine Erklärung bekäme, ähnlich derjenigen, mit denen er uns über Freiheit der Culte beglücken will! O, wenn die Katholiken von den türkischen Behörden auf eine Weise behandelt würden, wie sie die Juden von demjenigen erdulden wüsten, der sich servurn sorvorum Domini, den Diener der Diener Gottes nennt, — welcher Schrei der Entrüstung würde da, und zwar mit Recht, von allen denjenigen ausgestoßen werden, die in den Kirchen und Sacristeien das Wort führen. Jedoch man ist am Bosporus rechtlicher, als an den Ufern der Tiber; denn, wenn man auch barbarisch oder selbst manchmal grausam ist, so sucht man wenigstens nicht die Gefühle der Dankbarkeit für Maßregeln zu erwecken, die der Gerechtigkeit und Humanität widerstreben. In Constantinopel ernennt man Christen zu Gesandten der ottomanischen Pforte in Wien und London, und man findet Mittel, die religiöse Empfindlichkeit sowohl der Katholiken, als auch der Griechen, der Juden und der Armenier nicht zu verletzen. Die Processionen durchziehen ruhig die Straßen der Stadt und finden seitens der ottomanischen Armee eine sympathische Stütze. — Doch von Rom will ich Dich, mein theurer Sohn, unterhalten und nicht von den Muselmännern, welche ich durchaus nicht, als mittelmäßige Regierung, mit den europäischen Staaten vergleichen will. Man muß gerecht sein, besonders aber seinen Gegnern gegenüber. Darum fühle ich mich verpflichtet, die Bemerkung vorauszuschicken, daß seit dem Anfang ihres Aufenthalts unsere Brüder nie aus Rom vertrieben worden sind, wie dies in anderen christlichen Neichen stattgesunden hat. Derjenige, der die Tiare trägt und das geistige Oberhaupt von hundert Millionen Katholiken ist, hat jedoch dem König von Spanien, wre auch seinem Nachbarstaate, dem Königreich Neapel, erlaubt, die Juden zu martern. Die Torquemada und Consorten sind niemals*) durch die Warnungen ihres Oberpriesters belästigt worden. Die Juden haben also zu jeder Zeit in Rom gewohnt, welcher Umstand auch die unvergleichliche Anhänglichkeit dieser Bevölkerung von mehr als 4000 Seelen an diese Stadt erklärt, die seit mehr als zwanzig Jahrhunderten die Gräber ihrer Vorfahren enthält. Es ruht in dem menschlichen Herzen irgend etwas Geheimes, das ihn zu dem Ort, wo er geboren und herangewachsen ist, hinzieht. Besonders aber die südlichen Völker beben die Sonne und das Licht ihrer Vaterstadt nnd entfernen sich nur ungern von dem Aufenthaltsort ihrer Väter. Ohne diese unerklärliche Seite der menschlichen Natur ist cs nicht zu verstehen, wie es Menschen, die eben so geschaffen sind w e wir, möglich war, alle zuweilen lächerlichen Beschimpfungen zu ertragen, welche die Herren von Nom erfanden. Nichtsdestoweniger gab es Momente, wo die Päpste, menschlicher als die Prmcipien, die sie vertraten, dazu beitrugen, die jüdische Literatur zu heben. Auf diese Weise brachte der berühmte Abraham-ben- Esra einen Theil seines Lebens in Rom zu. Rabbi Nathan schrieb dort den oder das talmudische Wörterbuch. Am Anfänge des sechszehnten Jahrhunderts veröffentlichte eine jüdische Buchdruckerei die merkwürdigsten Werke. Wir begegnen selbst unter den zahlreichen Päpsten, die in Rom auseinander folgten, den wohlwollenden Namen Martins V., 1429, und Pius IV., 1562, deren Herz sich über die vielen Leiden und Mißgeschicke der Israeliten ei barmte, und deren Gedächlniß bei den Bewohnern des Ghettos noch jetzt in gutem Andenken geblieben ist. Aber ihre Gedanken sind durch die obersten Maßregeln der Macht vernichtet worden; und, wenn man die Epoche von 1809 bis 1814, während welcher Zeit die Juden unter französischer Herrschaft wie andere Bürger behandelt wurden, abzieht, findet man nur Druck und Hohn. Man muß zu den beiden Namen noch den Anfang der Regierung des jetzigen Papstes hrnzusügen. In den ersten Monaten seiner Regierung führte er wohlwollendere Principien ein, welche unglücklicherweise nach seiner Rückkehr von Gaöta das Schicksal aller liberalen Ideen theilten, ohne daß man der jüdischen Bevölkerung selbst den geringsten Vorwurf machen konnte, daß sie sich dieser Güte oder vielmehr dieses Gerechtigkeitsgefühls des Papstes, seine Untertanen als Menschen — und das sind sie doch — zu behandeln, verlustig gemacht hatten. Wenn ich die Ideen, die unter der päpstlichen Regierung in Bezug *) Anm. der Red«: Das ist ungenau; die Päpste sind wied erholt zum Schutze der Juden eingeschritten.