Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 6 (1865)
- Issue
- Heft 25 (21.6.1865)
- Date
- 1865-06-21
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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352 ren, Avareu, Uguren oder Ungarn, hatten sich nach der Auflösung des Hunnenreiches an der Grenzscheide von Asien und Europa niedergelassen. Sie hatten ein Reich an der Mündung der Wolga (von ihnen Jtil oder Atel genannt) an dem Kaspi-See gegründet, wo jetzt Kalmücken Hausen, in der Nähe von Astrachan. Der Kaspi-See führte von ihnen den Namen: das Chazarenmeer. Ihre Könige mit dem Titel CHakane, Chagane, führten die kriegerischen Söhne der Steppe von Sieg zu Sieg. Den Persern hatten die Chazaren so viel Schrecken eingeflößt, daß einer ihrer Könige, Chosru, sein Reich vor deren ungestümen Einfällen nur durch eine feste Mauer schützen konnte, welche die Pässe zwischen dem Kaukasus und dem Meere verrammelte. Aber diese „Pforte der Pforten" (Rad al adwnd unweit Derbend) war nicht lange eine Schranke für den Kriegsmuth der Chazaren. Nach dem Untergang des persischen Reiches überstiegen sie den Kaukasus, machten Einfälle in Armenien und eroberten die Krimm-Halbinsel, welche davon eine Zeit lang CHaz arten hieß. Die byzantinischen Kaiser Merten vor den Chazaren, schmeichelten ihnen und zahlten ihnen Tribut, um deren Gelüste nach der Beute von Constantinopel zu beschwichtigen. Die Bulgaren und andere Völkerschaften waren Vasallen der Chazaren, die Kiewer (Russen) am Dniepr mußten den Chaganen jährlich ein Schwert und ein feines Pelzwerk von jedem Rauchsang liefern. Mit den Arabern, deren Grenznachbarn sie allmählich wurden, führten sie blutige Kriege. Neben den Kriegern gab es unter den Chazaren auch Ackerbauer und Hirten. Ihre Lebensweise war einfach; sie nährten sich von Reis und Fischen und wohnten in Zelten. Nur der Chagan hatte einen Palast an der Wolga. Die Macht desselben über sein Volk war unbeschränkt, weil er wie der Dalai-Lama abgöttisch verehrt wurde. Verhängte er Todesstrafe über einen seiner Unterthanen, so nahm dieser sich in ttefem Gehorsam selbst das Leben. Damit die geheiligte Person des Chagans nicht fortwährend in Berührung mit den Staatsangelegenheiten kommen sollte, hatte er einen Stellvertreter oder Unterkönig, der den Titel Peg oder Peh führte. Nach und nach kam es dahin, daß der Peg der eigentliche Regent des Chazarenreiches war, während die Chagane stets im Harem schwelgten. Die Chazaren wie ihre Nachbarn, die Bulgaren und Russen, huldigten einem groben Götzendienste, der mit Sinnlichkeit und Unkeuschheit gepaart war. Durch die Araber und Griechen, welche in Handelsangelegenheiten nach der Hauptstadt Balang'ar kamen, um die Produkte ihrer Länder gegen feines Pelzwerk umzutauschen, lernten die Chazaren den Islam und das Christenthum kennen. Auch Juden waren im Chazarenlande angesiedelt, ein Theil jener Flüchtlinge, welche dem Bekehrungseifer des byzantinischen Kaisers Leo (723) entgangen waren. Durch diese griechischen Juden lernten die Chazaren auch das Judenthum kennen. Als Dolmetscher oder Kaufleute, als Aerzte oder Nathgeber wurden die Juden am chazarischen Hofe bekannt und beliebt, und sie flößten dem kriegerischen Chagan Bulan Liebe für das Judenthum ein. Die Chazaren hatten aber in späterer Zeit nur eine dunkle Kunde von der Veranlassung, die ihre Vorfahren zur Annahme des Judenthnms bewogen hat. Ein späterer chazarischer Chagan erzählte die Geschichte ihrer Bekehrung folgendermaßen: Der König Bulan habe einen Abscheu vor dem wüsten Götzenthume seiner Vorfahren empfunden und eZ in seinem Reiche verboten, ohne sich einer anderen Religionsform anzuschließen. Durch einen Traum sei er in seinem Streben nach einer würdigen Gottesverehrung bestärkt worden. Ein Engel sei ihm erschienen und habe ihm Waffenglück gegen die Araber und Reichthum verheiheißen, wenn er sich znm wahren Gotte bekennen werde. Denselben Traum habe auch der Unterkönig gehabt. Als er dann einen großen Sieg über die Araber errungen und die armenische Festung Ardebil erobert hatte (731), hätten sich Bulan und der Peg entschlossen, das Judenthum öffentlich zn bekennen. Der Chalife und der byzantinische Kaiser hätten aber gewünscht, den Chagan der Chazaren für die Annahme ihres Bekenntnisses zu bewegen, und zu diesem Zwecke Abgeordnete mit Schreiben und reichen Geschenken, begleitet von Religionstuiwigen, an Bulan geschickt. Dieser habe hieraus einen Religionsdisput unter seinen Augen veranstaltet zwischen dem byzantinischen Geistlichen, dem mohammedanischen Religionsweisen und einem jüdischen Gelehrten. Die Vertreter der drer Religionen hätten aber lange hin und her disputirt, ohne einander oder den Chagan von der Vortrefflichkeit der einen Religion gegen die andere zu überzeugen. Da aber Bulan gemerkt, daß der Vertreter der Christusreligion und des Islam sich auf das Judenthum als aus den Ausgangspunkt und Grund ihres Glaubens beriefen, so habe er den christlichen Geistlichen unter vier Augen gefragt, ob er dem Judenthume oder dem Islam den Vorzug gebe. Und als dieser das Judenthum aus Kosten der Religion Mohammeds sehr hochgestellt, habe Bulan dasselbe auch mit dem mohammedanischen Weisen angewendct, um ihm das Geständniß abzulocken, daß das Jndenthum unendlich höher stehe als das Christenthum. Darauf habe Bulan den Gesandten des Chalifen und des Kaisers erklärt, da er aus dem Munde der Gegner des Judenthums das unparteiische Geständniß von dessen Vorzüglichkeit vernommen, so bleibe er bei dem Vorsätze, das Jndenthum als seine Religion zu bekennen, und habe darauf sich der Beschneidung unterworfen. Der jüdische Weise, der bei der Bekehrung Bulans