Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 6 (1865)
- Issue
- Heft 24 (14.6.1865)
- Date
- 1865-06-14
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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die Mühe des Einkaufs sparen wollte, theils aber auch, weil er in größeren Quantitäten und an einem und demselben Orte kaufte und also billiger wegkam. Dabei berechnete er auch den Umstand, daß manchmal das Geschäft schlecht ging, und er, um die drängendsten Bedürfnisse zu befriedigen, Credit beanspruchen mußte. Deßhalb mußte ^r se.ne beständigen Verkäufer haben, und diese gaben ihm iu der Thal ihre Maaren oft bis zu bedeutenden Summen in Credit. Oft sah man ihn am Sabbat und an Flsttagen mit einem Laib Brod oder mit irgend einem andern sorgsältig unter dem Rock verstecken Gegenstände durch die Gasse schleichen und im Thore eines Hauses verschwinden, wo sein aufmerksames Auge ein fastend feierndes Elend entdeckt batte. Zur sich selbst wollte Schimel Kaftan Nichts von Allem, er sah es für ein unberührbares Eigenthum der Armen an. So lange ihn die Kräfte nickt verließen, arbeitete er, wie bereits gesagt, Abends in der Tabaksfabrik und bestritt mit dem Erworbenen seine allzugeringcn Bedürfnisse; als er jedoch nicht mehr arbeiten konnte, fing der edle Sonderling an, sich durch Hunger zu peinigen. Reiche Israeliten boten ihm alsoann eine bestimmte Summe zu seinem Unterhalte, doch diese Gelder hielten sich bei ihm nicht, und man kann leicht crrathen, wohin sie stoffen. Endlich fand man die Auskunft, das; man ihm kein Geld mehr in die Hand gab, sondern ihn monatlich in Kost und Wohnung irgendwo eindingte. Jetzt konnte er nicht mehr helfen, er mußte d:s ihm Angeborene ganz annehmen. Ebenso ging's mit der Kleidung. Winters und Sommers sahen wir ihn immer in demselben grobleinwandenen Nock. Bekam er ein sauberes oder wärmeres Gewand zum Geschenk, verkaufte er's sofort, kaufte sich ein möglichst wohlfeiles, und der Ueberschuß floß in die Armcnbüchse. So hüllte sich diese edle Seele stets vor den Augen der Welt in Lumpen. Seine Bescheidenheit und Selbstvergeffcnheit trieb Schimel bis zur äußersten Grenze. In der „Teka Wilcr.sta" vom I. 1858 war einmal ein kleines Gedicht abgedruckt, dessen Stoff das Lebensbild dieser so erhabenen und so sorgfältig im Dunkel der Menge sich verbergenden Gestalt war. Wir erinnern uns, daß mau in Folge dessen allgemein neugierig wurde, Etwas von dem „alttestamentlichen Beitelmönch" zu erfahren, doch wars nicht möglich, von den hiesigen Juden den Familiennamen Echimels zu erfragen. Und dennoch waren ja ferne Handlungen Allen bekannt, und als jenes Gedichtchen besonders obgedruckt wurde, um den Erlös iu die Hände des Almoseniers zu legen, wurden die Abdrücke schnell vergriffen, und selbst in hebräischer Uebersctzung wurden jene Verse veröffentlicht. Wir würdcn's nicht geglaubt haben, wenn wir uns zur Zeit nicht selbst nach dem Familiennamen vergebens erkundigt hätten. Schimel endete würdig eines solchen Arbeiters, wie er war: er starb, seine Dienstpflichten bis zum letzten Augenblick erfüllend. Am Abend des 18. April war er in seiner geliebten Jeschiba, brachte den Knaben zum letzten Mal seine Unterstützung und verabschiedete sich von ihnen, indem er hinzufügte, daß sie ihn nicht mehr sehen würden. In seine Wohnung zurückgekehrt, machte er sich ein dünnes Strohlager auf dem Boden zurecht, wie die Juden für Verstorbene zu bereiten pflegen, legte sich aus dieses symbolische Belte, und - wurde am andern Morgen lodt gesunden. Am 18. April erfolgte die Verherrlichung der Selbstverleugnung des edlen Bettlers. Unermeßliche Schaaren gingen hinter der Leiche her und belagerten die ganzen Straßen vom Mittelpunkt der Stadt bis zum Friedhof hinter der weitentlegenen Vorstadt. Einer drängte sich vor den Andern um die Ehre, die Bahre berühren zu dürfen und sich sagen zu können, daß er die theure Leiche habe tragen helfen. Noch Nie vielleicht war die jüdische Bevölkerung in hiesiger Stadt so einmüthig, noch nie so ergriffen." Feuilleton. Nachruf an einen berühmten Augenarzt in Hamburg von 8. er. Ins Deutsche übertragen von Herrn Direktor Or. E. Liebrecht in Altona. rnin — l -ix' Zahlreich schenktest Du Leben und Licht der leidenden Menschheit, Welche mit nächtlich umhülletem Auge den Tobten vergleichbar. Scheinest Du uns auch todt, so wird die'^Quelle des Lebens Gnädig Dein Auge erleuchten, den Tod umwandAnd zum Leben. Hierzu ei«e Beilage. LeranUvortüche Nedaction: vr. Lehmann. — Aerlag der Le Roux'schen Hosbuchhandlung. — Dampf« SchneUpressendruü von I. GottSleben m Mainz.