Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 6 (1865)
- Issue
- Heft 24 (14.6.1865)
- Date
- 1865-06-14
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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342 daß unter seinen Mitgliedern fast alle Klassen der Gesellschaft, Gelehrte, Künstler, Industrielle und Handwerker vertreten sind, und daß derselbe — ein schönes Zeichen der wachsenden Toleranz — orthodoxe und Resormjuden, Protestanten nnd Katholiken als Veitrag- Spendende zählt. Auch die meisten übrigen jüdischen Vereine Berlins begehen in diesem Monate ihr Jahresfest verbunden mit musikalischen und deklamatorischen Abendunterhaltungen; ich will jedoch die Leser nicht mit Details ermüden, die nur für Nahestehende Interesse haben, und beschränke mich auf die Bemerkung, daß Gemei'nsinn und Humanität in schönster Weise durch dieselben gefördert werden. H. Jacoby. Berlin. Siman. 2^2. Gestatten Sie mir, verehrter Herr Redacteur, Ihnen eine Begebenheit mitzuiheilen, die zwar im Judenthum überhaupt nichts Seltenes mehr, aber in Preußen erst seil 1848 gesetzlich erlaubt ist. Vor etwa 9 Monaten befand sich ein hiesiger jüdischer Kaufmann im Bade und leinte daselbst einen ebenfalls in Berlin ansässigen jungen Mann christlicher Confession kennen- Eines Morgens, als der Crftere eben im Begriff war, pbsn zu legen, kam der Andere dazu und bat ihn um Aufschluß über die bis dahin ihm unbekannte Ceremonie. Seine Bitte wurde ilwr gern und in aller Ausführlichkeit bewilligt. Tie hierüber erlangten Ausschlüsse machten einen "solchen Eindruck auf den Hörer, das; er! auf einmal entschieden erklärte, er habe die feste Absicht, AUiir Jndernhuwe üNrzngel^'n. Nach Berlin zurückgetrhrt, that er die nächsten Schritte, sein Vorhaben anezuführen. Vergebens waren die pftichtmaßig ihm zu Thcil gewordenen Abmahnungen und Warnungen, vergeblich die Vorstellungen, daß er ein schweres Joch auf sich nehme, wodurch seine bürgerliche Stellung bedeutend erschwert würde, abgesehen von den opservollen, religiösen Verpflichtungen, die er durch seinen Uebertntt eingehe. — Der junge Manu, ein achtbarer Handwerker, ließ sich von seinem Plan nicht abbringen. Endlich wurde dem sehnlichsten Wunsche des eifrigen Sclbslbetehrtcn die Erfüllung zu Thcil. Durch den rühmlrchst bekannten Rabbiner A.M. Lichten st ein, der bisher in verschiedenen westpreußischen Gemeinden segensreich gewirkt hatte, fand die Beschneidung statt, bei welchem für einen Erwachsenen gewiß höchst schmerzlichen Act der junge Mann sich ausdrücklich jede künstliche Linderung wie durch Schwefeläther us. w. verbat, um ein wirkliches Opfer seiner Ueberzeuguug darzubririgen. Und siche da! welch' , seltener Anblick bot sich den erstaunten Blicken der from-! men Zuschauer dar: der war ein b'.-.Q j Hin.-iri'.-i — Wie zu erwarten, lebt der ->a > seitdem als wahrer '-ubn im wahrsten Sinne ) des Wortes. J....M. Berlin, 29. Mai. In der Petitionscommissiou der Abgeordneten wurde müder eine Petition des Oberrabbiners Sutro in Münster wegen der Nichtanstellung jüdischer Richter berathen und eine Resolution beantragt, welche die Venassungswidrigkcit des von der Regierung beobachteten Systems der Nichtanstellung ausspricht. Frankreich. Paris. (Jüdische Briese von Albert Cohn.) (Fortsetzung.) Michel Goudchaux, Finanzministcr im Jahre ibi-lc-h war es, der die «reisten Funktionen des sel. B. Werl übernahm, dessen Schwiegersohn, der sel. Benoit Eohen, später Präsident des Wohlthätigkeitsvereins und erster Director des Nothschild'schen Hospitals war. Die Pariser Gemeinde liebte es, das Gedächtniß derjenigen Israeliten, die sich um die Bildung der Gemeinde veroient gemacht hatte, in gutem Andenken zu erhalten und Gefühle der Dankbarkeit ge gen sie an den Tag zu legen. Nach und nach kam eine geregelte Ordnung in das Ganze. Da kam die Julirevolution ^830, die eine durchgreifende Umgestaltung in der Organisation des religiösen Lebens unserer Glaubensgenossen in ganz Frankreich, besonders aber in Paris, mit sich brachte. In den Jahren, die diesem beoentungSvollcn Ereigniß vorangingen, bildete sich in Paris ein „Verem der Arbeitsfreunde", der sich das Ziel vorgesteckt hatte, jungen Leuten unseres Glaubens Liebe zu regelmäßiger Arbeit durch das Erlernen nützlicher Handwerke und Interesse für das industrielle Leben bcjzubnngen. Nach einigen i Jahren ging diese Gesellschaft in dein „Eomita süv i Wohlthätigkeit" ans, welches jedoch in dieser Beziehung! vor dem Jahre 1840 keine geregelte Ordnung hatte.! Einige Monate nach diesen Ereignissen starb der Oberrabb.! Seligmann, welcher während eines Zeitraumes von mehr als 40 Jahren seine Functionen zu Paris verrichtet hatte. Er wurde durch den seligen Marchand Ennery ersetzt, der die Stühle des Departements - Consistoriums nnd > des Central Eonsistoriurns bis zum Jahre 1-^öL inne! hatte. Nach Verlaus dieses Zeitraumes begann ein! belebender Hauch die Gemeinde zu durchdringen. Ob-! gleich sie sich voreist in dem Terrain der politischen und legalen Lage beschäftigte und die eigentlichen inneren Gemcindeangelegenhciten ganz außer Acht ließ, kam es dennoch gleichsam von selbst, daß nach Verlauf einiger Jahre sich die Verhältnisse, die Bevölkerung und die Anstalten dieser Gemeinde ganz nnd gar ungestaltet hatten, die, mit London, eine Welt-Kehila, eine — Zufluchtsstadt — für alle diejenigen geworden ist, die durch unmenschliche Gesetze, Unduldsamkeit und Beschränkungen in gewissen Nachbarländern sich M ihrer Heimakh zu beengt suhlen, und in Frankreich, besonders in Paris, ankommen — die einen, um hier ihr