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Der Israelit · 1865-06-14 · Heft 24 (14.6.1865) · page 5

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Journal
Der Israelit
Volume
6 (1865)
Issue
Heft 24 (14.6.1865)
Date
1865-06-14
Page
– (sequence 5)
Language
German
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341 kaum dreißig Jahren noch auf dem Lande hausiren ging, es aber durch Klugheit und eisernen Fleiß dahin gebracht hat, daß sein Name jetzt zu den angesehensten unserer Kaufmannschaft zählt. Trotz seines Reichtbums lebt dieser Mann noch so anspruchslos wie in seiner früheren Carrier e, man sieht ihn fast nie anders als in abgetragenen Kleidern und mit zerbeultem Hute, böse Zungen behaupten sogar, es hätte der dringendsten Vorstellungen seiner Freunde bedurft, um B. zu bewegen, bei Hofe in einem neuen Anzuge zu erscheinen Diese Eigenheiten sind jedoch nichts weniger als Ausfluß von Geiz; ne beschranken sich nur ruf die eigene Persönlichkeit, denn seinen Kindern läßt B. eine ausgezeichnete Erziehung angedeihen; für sie bat er eine prächtige Villa im Thiergarten angekauft und führt darin die Haushaltung auf großem Fuße. Der zweite unserer zu Hofe geladenen Glaubensgenossen ist der Sohn eines Mannes, welcher seiner Sonderbarkeiten wegen in Berlin ebenso bekannt sein dürfte, als der vorhin geschilderte, zugleich aber auch als tüchtiger Industrieller und eigentlicher Begründer der Vaummollenmanufaktur in Preußen. - Bekannt und viel belacht sind die Worte, mit denen er sich und einige andere Fabrikanten Berlins bei Gelegenheit einer Audienz dem verstorbenen Könige Friedrich Wilhelm I V. vorgcst llt haben soll. Mit großem Selbstgefühle erklärte er nämlich: „Majestät, wir sind diejenigen, welche die Engländer vertrieben haben vom Continent!" Der joviale Monarch erkundigte sich unter herzlichem Lachen nach den näheren Umständen dieser Helderrthat, von der die Annalen der Geschichte nichts berichten, und zur allgemeinen Erheiterung stellte es sich heraus, daß cr die Emancipatron des continentalen Marktes von der englischen Kattun-Fabrikation meinte. — Doch genug von der Vergangenheit; der Kön'g sowohl wie die Königin haben sich bei der letzten Soiree den Vertretern unserer Gemeinde sehr freundlich gezeigt und sie ihres aufrichtigsten Wohlwollens versichert. Wie so oft beim Anblicke irdischen Glückes ein warnendes Moments an seine Vergänglichkeit mahnt, so ruft uns heute eine Pflicht der Pietät hinaus aus den Prunkgemächern des KönigSpalastcs zu jener Stätte, der wir Alle, König wie Bettler, tributpflichtig sind, zu denr Gefilde der Tobten. Ein Jahr ist nun vergangen, seitdem der Rabbiner vr. Sachs seiner trauernden Gemeinde entrissen wurde. Zar feierlichen Begehung dieses Tages versammelte sich eine große Zahl von Verehrern des Dahingeschiedenen im Beth Hammi- -rasch und lau'chte ergriffen den Worten, welche I)r. C. dem Andenftn des Mannes widmete, der wie selten einer die Liebr und Hochachtung seiner Gemeinde erworben hatte. Tags darauf murde der Denkstein auf dem Grabe des O,. Sachs errichtet. — Verhindert, der hiermit verbundenen Feierlichkeit beizuwohnen, benutzte ich einen der folgenden schönen Wintertage, um aus den Friedhof zu wandern und allem und ungestört das Denkmal zu besichtigen. Wie so anders erschien mir der Gottesacker, settdem ich ihn zum letzten Male betreten! Da prangte er im schönsten Frühlingsschmucke; der Dust der Blüthen, der Gesang der Vögel versöhnte und milderte die schmerzlichen Gefühle, welche der Anblick der Gräber wachrief. Jetzt herrschte tiefes Schweigen auf der weiten, weißen Fläche, nur die Bäume ächzten unter der Schneelast; ihre Zweige bogen sich schwer hernieder auf die Grabsteine, die in rhrer weißen Decke wie Betende mit verhülltem Haupt-' erschienen. Voll Wshmutb durchwanderte ich die Gräberreihen; aufgeschreckt erhob sich über mir ern Rabe mit schwerem Flügelschlage und stäubte glitzernde Schneeflocken herab; in der Ferne verhallte das Geräusch der Stadt und erhöhte noch das Gefühl tiefer Einsamkeit und gänzliche» Verlaffenleins, welches unwillkürlich über mich gekommen war. Aus dem unbewußten, dämmernden Sinnen erweckte mich ein Heller blendender Strahl und aufblickend gewahrte ich vor mir einen neuen Grabstein, dessen vergoldete Inschrift in der Sonne funkelte; der Zufall hatte mich gerade vor das gesuchte Grab geführt. Auf diesem erhebt sich eine sieben Fuß hohe abgestumpfte Pyramide aus hellgrauem schlesischem Marmor, deren Vorderseite die von Professor Luzzato in Pavua verfaßte längere hebräische Inschrift bedeckt. Auf der Rückseite erschienen in lateinischen Leitern das Geburt? und Todesjahr des Verewigten und in Hinweis auf seinen Beruf folgende zwei Verse aus Mall'ttchi: „Lehre der Wahrheit war in lein-m Munde, und Falsch wurde nicht gefunden auf seinen Lippen; in Frieden und in Redlichkeit wandelte er vor Gott, und Viele brachte er von Sünde zurück." „Denn die Lippen des Priesters sollen die Erkenntnis; wahren, und Lehre soll man suchen aus seinem Munde; denn ein Bote des Ewigen der Heerschaaren ist er." Lange noch weilte ich zwischen den Gräbern und studirte die Inschriften, welche von dem einstigen reichen Wirken der dort Nahenden Zeuaniß gaben, bis mich der hereinbrechende Abend zur Rückkehr mahnte. Gleichsam eine zweite Feier zum Andenken an Oe. Sachs bildete die kürzlich stattgefundene Jahresfeier eines Vereins, zu dessen eifrigsten Förderern der Verstorbene einst gehörte: es ist dres der Verein zur Unterstützung jüdischer Studirender, der hier berertS seit 24 Jahren bestcht. Männer, die heute zu den Zierden der Wissenschaft gehören, haben einst die Wohlthaten dieses Vereins genossen und stehen als Leiter an seiner Spitze, um seinen Segen in noch reicherem Maße, als cs früher geschehen konnte, E Heranwachsenden Generation zuzuwenden. Welch' reger Teilnahme sich dieser Verein erfreut, beweist der Umstand,

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