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Der Israelit · 1865-06-07 · Heft 23 (7.6.1865) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
6 (1865)
Issue
Heft 23 (7.6.1865)
Date
1865-06-07
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Beilage z« Nr. 23 des Israelit. Zeitungsnachrichten und Correspondenzen. Rußland und Polen. Warschau, den 12. Mai. Die hiesige „Gazeta Warfzawska" enthält einen Aufsatz über das Leben eines über die niedrigsten Schichten gesellschaftlicher Abstufungen nicht emporgewachsenen Juden Schimon Jankielowicz Kaftan, den wir mit um so größerer Genugthuung gelesen haben, als die Würdigung eines einfachen armen Juden in unserem Lande nnd auch wohl anderswo noch zu den Seltenheiten gehört. Wir geben den Artikel hier in wörtlicher Ueberjetzung, jedoch mit Auslastung einiger unzutreffender Äußerungen des christlichen Schreibers über Talmud, Sabbatgebräuche re.*) „Vor einigen Tagen", schreibt der Wilnaer Korrespondent der „Gaz. Warfz.", „verschwand aus den Straßen Wilna's zu ewiger Ruhe im Jenseits einer der seltensten und allseitiger Verehrung würdigsten Menschen. Unzweifelhaft werden nicht bloß die auswärtigen, sondern auch manche Wilnaer Leser erstaunen, wenn ich ihnen sage, daß der Verstorbene, von dem hier die Nede sein soll, ein gewöhnlicher, in Lumpen gehüllter, unbeachteter Jude war, mit Namen Schimel (corrumpirt aus Schimon) Jankielowicz Kaftan. Aber das Erstaunen des Lesers wird bald einem weit tieferen Gefühle weichen müssen, wenn es mir nur gelingen wird, vor seinen Augen das Lebensbild dieses j scheinbar so alltäglichen und doch so außerordentlichen Mannes zu entrollen. Wenn jemals eine solche un-! ermüdlr'che, in einer langen Reihe von Jahren be- I währte Hingebung im Dienste der Menschheit neben vollständiger Selbstverleugnung als eine gewöhnliche Erscheinung gelten konnte, so mag das etwa in alten Zeiten tiefer Glaubencinnigkeit und glühender Herzensausbrüche gewesen sein. In unfern Tagen müßte, wenn nicht die Pflicht, dem redlichen Verdienste die Ehre zu geben, schon die bloße Sonderbarkeit der Erscheinung uns das Recht verleihen, dem Andenken dieses Lügenhaften einige Worte zu widmen. Schimel Kaftan, auch Schlisgol genannt, kam um's Jahr 1800 im Dorfe Naczuny, Kreis Oszmian, nicht weit von dem Stäbchen Soly zur Welt. Seine Familie hatte, wie dies zur Zeit noch üblich war, **) *) Anm. der Red.: Wir haben bereits in Nr. 7 des in Rede stehenden Mannes kurz erwähnt. Ein Ukas des Kaisers Nikolaus vertrieb später die Juden vom Lande und drängte sie in die Städte zusammen, wo sie meist im größten Elend leben. Anm. des Uebers. von Geschlecht zu Geschlecht einen Krug (Gastwirthschaft) in Pacht, zu dem auch eine Brennerei in Miniatur gehörte. Der wenig bemittelte Vater konnte Schimon keine ausgedehntere Bildung in jüdischem Sinne angedeihen lassen. Er lernte in Soly die täg- , liehen Gebete recrliren und die Bibel lesen, aber zu! einem Ausfluge auf das Meer des Talmuds fehlte j es an Zeit und Mitteln; so kam's dennj daß der junge Schimel kein Talmndist, sondern ein einfacher Branntweinbrenner wurde ... Wie's Schimel später bis zu seinem 35. Lebensjahre erging, konnten wir mit Gewißheit nicht in Erfahrung bringen; es ist § übrigens für uns auch glcichgiltig. Man sagt, er § habe sich im Kreise Oizmian mit Branntweinbrennerei beschäftigt. Nur schade, daß auch die Gründe nicht nnt Sicherheit bekannt sind, die ihn im Alter männlicher Reife bewogen, seinem alten Gewerbe zu entsagen und sich ausschließlich seinen Nebenmenschen zu Liebesdiensten hinzugeben. Eine Tradition behauptet, ein großes Farmlienunglück, der gleichzeitige Verlust feines Weibes und seiner Kinder, habe diese Sinnesänderung veranlaßt und den Lebensmüden in die neue Bahn gedrängt; doch das sind nur Gerüchte, er selbst nämlich sprach wenig über sich, und über diesen Punkt hat er Niemandem ein Wort anvertraut. Wie dem auch sein mag, mit dem Entschlüsse, dem Dienste der Menschheit sich zu weihen, kam Schimel kurz nach dem Jahre 1835 nach Wilna und machte sich bald an die Ausführung. Er sing damit an, daß er die leichte Arbeit in der Brennerei mit der schwereren in einer kleinen Tabakfabrik vertauschte. Den dort erworbenen > geringeren Verdienst verwendete er großentheils auf > Unterstützung der Armen und aus Sabbatlichte, die er in die Hütten des Elends und in die Bethäuser I allwöchentlich selbst besorgte. Nachdem er sich auf diese Weise mit den> lokalen Bedürfnissen vertraut gemacht und das Vertrauen der Wilnaer Gemeinde sich erworben batte, konnte er nunmehr seinen Wirkungskreis ungehindert erweitern, um nach Kräften den Bedürfnissen der Armuth abzuhelfen. Die jüdischen Vorsteher ertheilten ihm mit größter Bereitwilligkeit die erbetene Erlaubniß, milde Beiträge zu sammeln, und seitdem sah man ihn am Tage mit der Büchse umhergehen und am Abend in der Fabrik arbeiten. Schweigsam und schüchtern im gewöhnlichen Leben, war er, wie die hiesigen Israeliten allgemein erzählen, voll Beredsamkeit und Salbung, wenn er bettelt; es war, als ob er dies wie einen Priksterberuf betrachtete In der Regel sammelte er die Beiträge nur bei der jüdischen Bevölkerung, aber nicht selten floß auch aus christlicher Hand ein Groschen in die Armenbüchse. Er war Niemandem lästig, denn er wandte sich nie an einen Einzelnen persön-

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