Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 6 (1865)
- Issue
- Heft 22 (30.5.1865)
- Date
- 1865-05-30
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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314 Aus Ungarn. (Schlu ß ) Am Komischesten nimmt sich Herr PH. am Ende seiner Expectoration ans.- nach allem Herumzanten schließt er so friedselig und behauptet, „daß von gar keiner Zerklüftung ja nicht einmal von einer Zersallenheit wesentlich die Rede sein kann." — Das ist eben die schwächste Seite der Neologie; sie kann sich in religiöser Beziehung nie auf eigene Fuße stellen; ihre negative Tbätigkeit läßt es nun einmal nicht zu, daß sie sich als eine besondere Partei gerire. Dieß hat Herr K. sehr gründlich bewiesen, und eben darum ist er nicht zu dem Resultate gekommen, das ihm Herr PH. andichtet, dases eine Schisma im heutigen Judenthum gebe, sondern lr hat vielmehr die Unmöglichkeit eines Schisma dargethan und sehr richtig dre Neologie im Gegensätze zu den Karaiten mit den folgenden Worten geschildert: „Wo beginnen und wo aufhören? sind die zwei großen Fragen, auf welche ihre beredtesten Wortführer keine klare deutliche Antwort haben. Die Karaiten haben die ganze schriftliche Lehre in ihrer Heiligkeit als unverletzbar angenommen, haben den bei weitem größten Theil der Tradition, ebenso wie die rabbinitischen Juden anerkannt. Aber j die Neologeu: welches sind die Grundprincipien, die - sie leiten? Welches sind die Mark- und Denksteine,! die den Weg ihres Jdeeuganges, die Richtung ihrer ' Gedanken bezeichnen? Wo weichen sie ab vom alten! Judenthume und wo hangen sie wieder im Begriff > und Gedanken, im Glauben und in der Hoffnung mit ihm zusammen? Da gibt es kein einziges Blatt > der heiligen L-Hre, das nunmehr gänzb.ck befolgt, kein einziges Gebot, das nicht durch die Willkür ihrer Auffassung, Deutung und Ausübung ihre Principlosigkeit darthun möchte. Sind sie, Ne Lehrer und > Prediger des neuen Juderthums, ans dem Wege der Forschung zu den Resultaten ihrer Lehren gekom-! men? Hat eine neue Offenbarung, eine göttliche Inspiraiion sie auf andere Wege gebracht? Welches sind überhaupt die religionsgesetzlichen Vorschriften, die! die Verehrer des neuen Judenthums beobachten? Sind es die eiugesührteu Gebräuche der Rabbincu? Sie sind perhorrcscirt. Sind es die traditionellen Vorschriften? Sie sind aniigmrt; und geht es etwa! den Speiseden N ein beits ge setzen oder anderer Vorschritten der schriftlichen Lehre besser? DievonNabbi Ji'erlus in Uebereinstimmung mit seinen vorzüglichen, raliLiuischen Zeitgenossen endgiltig getroffenen Best im- . muugen werden nicht leichtsinniger übertreten, als das sinaitische, schriftliche Gesetz dss v'ee >'7! r-siL'.-: und das vierte Gebot der Zehn, das Sabbat-Gesetz, erfreuet sich nicht größerer Achtung als! der jüngste §. im Schulchan Arnch. Die Neologie ist vom Standpunkte der israelitischen Religion ein wesenloses Nichts, der Nihilismus in seiner traurigi sten Nacktheit; die Neologen sind nach dem Morte > des jüdischen Gesetzes zur Ausübung einer jüdisch- I religiösen Funktion eines Cultusdienstes, überhaupt zu einer religiösen Handlung, die auch für Andere! Giltigkeit haben soll, unfähig*)". Freilich darf dieNeo- I logie dieses Geständniß ihrer eigenen Schwäche nicht! ablegen; aber es kommt Herrn PH. nicht zu, die Zerklüftung im Judenthume, die er in Deutschland > und Oesterreich so viel ihm nur möglich war, erweij tert, nun vollends abzuleugnen. — Als er im Jahr § 1844 zur jährlichen Nabbinerversammlung eingelaj den und die eitle Hoffnung hegte, der Neologie auch po- > sitive Grundlagen geben zu können, schilderte er die Lage wahrheitsgetreuer**): „D as Jud enthum ist geg enwärtig mächtigen Schw ankuu g en aus- - gesetzt; es sind nicht blos Parteien vor- Händen, sondern sie treten immer offener! und feindseliger einander geg : über — i noch eine kurze Zeit und der Bruch ist unheilbar und es sind Stellungen eingenommen, wo ein Ausgleich unmöglich wird." Ferner (wenn nämlich die projektirte Nabbinerversammlung den von Hr. PH. gewünschten Erfolg haben würde).***) „Eswird nicht mehr heißen, daß die deutschen Nabbinen nur zu zerstören vermögen, sondern daß wir auch aufzubauen verstehen/ Nur eine kurze Zeit ist vorüber, 2'l Jahre sind es nun, seitdem Herr PH. durch die Nabbinerversammlung eine deutsch-israelitische Kirche mit einem Episcopat, sich selbst an der Spitze, gründen wollte, damals gab es ein Schisma, damals sollte der Beweis geliefert werden, daß die neologen Nabbinen „nicht nur zu zerstören, sondern auch aufzubauen verstehen." Tie Nalbttlenoersammlungen haben bekanntlich, wie jeder verständige Mensch vorausstchen mußte, Fiasko gemacht und nachdem im Gegencherl der Beweis geliefert ist, daß die Partei Ph/s nur zu zerstören und durchaus nicht aufzubauen im Stande ist, will der altersmüde Redakteur der „Allg. Zeit. d. Jud" im Widerspruch mit sich selbst und seinen heiligsten Betheurungeu von vor 21 Jahren behaupten, „es gebe keine Spaltungen, ja es könne von Zersallenheit wesent ich gar n:cht die Rede sein" nnd bestätigt nur dadurch noch einmal den Ausspruch des Psalmisten ipm prn vzm-v rem — K Frieden. Holland. Amsterdam, 15. Mai. Am 27. v. M. hielt der hiesige Kirchcnrath, der aus 30 durch Stimmenmehrheit von allen contribuirenden Gemeindenntgliedern gewählten Männern besteht, eine Sitzung, iuwel- „Offen und ehrlich" S. 44, „Ällcp Z. d. I." 1844, Nr. 4. ***) daselbst Nr. 6.