Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 6 (1865)
- Issue
- Heft 21 (24.5.1865)
- Date
- 1865-05-24
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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302 wickelnden Judenthums gegenüberstellt, jenen die Fülle des religiösen Lebens und der religiösen Schätze, diesen Leere und Arnmth zuschreibt"; er citirt Herr K. nicht ganz wortgetreu, was seine Ursachen hat. Wir führen darum lieber die Broschüre wörtlich an. „W i r," sagt Herr K., „wir haben die tausendjährigen Gesetze und Principien, haben die tausendjährige Geschichte mit ihren Glanz- und Trauerperioden, haben die Offenbarung, haben die Propheten und Weisen, haben das schriftliche und das mündlich tradirte Gesetz, die tausendjährigen Gebräuche und Sitten, die tausendjährige Literatur in Religion, Moral und Sitten; haben die das religiöse Leben ordnenden und regelnden Codices, und dies Alles, Alles haben wir mit den Millionen unserer Glaubensbrüder in allen Ländern und Staaten, in allen Erdzonen gleich; haben die Gebete und Gesänge, haben die Millionen Gräber und heiligen Stätten; wir stehen im lebendiggeistigen, innigsten Zusammenhänge mit der entschwundenen Vergangenheit; wir haben uns in religiöser Beziehung nicht principiell geändert: Was seid Ihr und was habt Ihr, deren religiöse Meinungsrrchtung als geschichtliche Existenz kaum in das 18. Jahrhundert zurückreicht? Und wenn Ihr keine orthodoxen Juden seid, was seid Ihr denn?" u. s. w. Nun protestirt Herr PH.: „Wir erklären vielmehr Vieles von dem, was Sie aufzählen, als unser, die Thora, die Propheten, die Weisen sind auch unser, nur daß wir sie bester verstehen und ihr Wort und ihren Geist bester begreifen, als Sie und die Ihrigen, die 1000jährige Literatur gehört auch uns, nur daß wir einen klarern Begriff haben, während sie Ihnen und den Ihrigen ein wüster, todter Trümmerhaufen ist; selbst das mündlich tradirte Gesetz ist unser, nur daß, weil es eben mündlich tradirt ist, wir ihm keine Unveränderlichkeit und Unbedingtheit zuschreiben. Nur von den alten Sitten und Gebräuchen überlasten wir Ihnen Vieles." — Schönen Dank, Herr Or., für die großmüthige Gabe; doch, wer so reich ist, kann schon die Kleinigkeit entbehren. Doch, reiben wir uns den Sand aus den Augen, und sprechen wir ein offenes, klares, allgemeinverständliches Wort. Auch der Verf. des „Offen und ehrlich" hat gewiß i nicht geglaubt, daß Sie und die Ihrigen noch nicht den Blick in die schriftlichen und mündlichen Lehren geworfen, auch er wird Ihnen bereitwilligst zugestehen, i daß Sie Sich in der Literatur unseres Volkes umge! sehen, wenn er auch Ihre eitlen, hochmüthigen Be-! Hauptungen nicht zngibt. Aber ein Anderes ist es, s ein Kapitel Jesaias zu lesen wie eine Ode aus dem! Horaz, die Thora zu studiren wie die später niedergeschriebenen Gesetze Lykurg's, die Worte der gottbej geisterten Männer , der Weisen, wie etwa die entzis-! ferten Inschriften auf den ägyptischen Pyramiden, sie! zu betrachten als fragmentarische Gradmesser des Bilj dungsgrades längst entschwundener Culturepochen, und ein Anderes ist es, in diesem Schrütthum zu wurzeln, mit allen Fasern des Lebens mit der Vergangenheit zusammengewachsen zu lein, die ausgesprochenen Lehren noch immer als die Leitsterne des eigenen Lebens zu betrachten, hinzulauschen auf die Worte der Kehre und der Lehrer, um sie durch die kraftvolle frische That zu beleben, sich zu erbauen an dem Musterleben der frommen Dahingegangenen, zu erstarken an dem Verspiel der Aufopferung der Tausende von Märtyrern im Tod und Leben. Uns sind die Gräber der Vergangenen Wegweiser auf der Erdenpilgerschaft; Ihnen sind sie traurige Denkmäler der Phantasterei; uns sind die Ermahnungen der Propheten über verbotene Speisen, eheliche Reinigungsgesotze, Sabbat- und Feiertage, was sie ehemals unseren Vorfahren waren; Ihnen sind sie die verschollenen Worte verschollener Zeilen. Sie rangiren diese Bücher, je nachdem sie Ihrem ästhetischem Geschmack, Ihrem Kunstsinn, Ihrer Einsicht entsprechen, und weisen ihnen ein Plätzchen in Ihrer Bibliothek an; wir tragen Sie voran im Leben und bewahren sie im Herzen. O, wir würdigen auch die Literatur und Wissenschaft aller Völker und Zeilen; haben ebenfalls Empfänglichkeit für die duftigen Blüthen der Poesie wie für die goldenen Früchte der ernsten Forschung; aber uns gilt" doch als ganz etwas Anderes eine vom Hauche d<-r Dichtung durchwehte Novelle oder der Mcssiasglaube. Nicht "so „den Männern der Entwickelung, den Bekennern des geschichtlichen und geschichtlich sich entwickelnden Judenthums". Ihnen ist der Messiasglaube ebenfalls ein poetischer Gedanke, der von Zeit zu Zeit sich den Dichtern und Denkern verschieden darstellt. Mit jedem Jahr bringt Ihnen das Jahrbuch andere Novellen und auch andere Auslegungen des Meffiasglaubcns. 6624 gibt Prof. Grätz „die Verjüngung des jüdischen VolkSstommes" für den eigentlichen Messias ans; schiebt diesen Gedanken einem vorgeschobenen Jesajas dem Zweiten unter; 5625 ist Hr. Pr. Grätz nicht erschöpft und hat schon wieder eine andere Messiasidce zur Hand. Es ist dies die im Herzen lebende Hoffnung aus ein besseres goldenes Zeitalter. Was die Propheten überden Messias sagcn, ist ihm nur „ein schönerer Mythos als der griechische von der Pandorabüchse". *) Den Männern des geschichtlich sich entwickelnden Judenthums sind die 24 Herl. Bücher eben so viele Jahrbücher, die den verschiedenen Zeitepochen die hochdichterischen oder tiefphilosophischen Gedanken und Bilder der Empfindung oder Forschung der Dichter und Philosophen jener Zeiten enthalten. (Schluß f.) *) Jahrb. f- Israel. 5625. Wien 1865. Seite 1. Hier;« eine Beilage. Verantwortliche Redaktion: Vr. Lehmann. — Verlag der Le R ou x'schen Hofbuchhandlung. — Dampf - Schnellpressendruck von I. Gottsleben in Mainz.