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Der Israelit · 1865-05-24 · Heft 21 (24.5.1865) · page 5

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Journal
Der Israelit
Volume
6 (1865)
Issue
Heft 21 (24.5.1865)
Date
1865-05-24
Page
– (sequence 5)
Language
German
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L99 derselben als Redner bei Ihnen aufgetreten; es dürfte wohl nach aller Wahrscheinlichkeit bald zum Abschluffe der Wabl geschritten werden. Es ist dies ein entscheidender Moment im Leben der dortigen Gemeinde, denn es kommt viel, sehr viel darauf an, welchen Rabbiner eine Gemeinde hat, und welchem Geistlichen sie das Hirtenamt über ihre Seelen anvertraut. Darum mögen Sie, Glaubensbrüder, auch mir in der Ferne ein brüderliches Wort über diese so hochwichtige Angelegenheit gestatten, ein zwar nur bescheidenes, aber auch zugleich in der besten Absicht gesprochenes Wort. — Das geistige Interesse Ihrer Gemeinde, wie das unserer väterlichen Religion im Allgemeinen. fordert erstlich hier dringend zur größten Vorsicht und Ueberlegung aus. In einer Zeit, wo die Hähern Geistesgüter von allen Seiten angegriffen, ja bestürmt werden, in einer Zeit, wo Verlockungen in Fülle das Menschenherz umlagern, wo Sinnlichkeit und Materialismus die Oberhand errungen, und das Streben nach dem Ewigen, der Hinblick auf Wahrheit und Offenbarung, die Achtung vor der Tradition der Väter und das theuere Erbgut unserer Altvordern immer seltener und seltener werden, da, in solcher Zeit bedarf es eines sebr tief eingehenden und prüfenden Einblickes in einen Theologen, ehe man in dessen Hand das Amt der geistlichen Leitung und theilweisen Erziehung der Gemeinde zu legen wagt, ehe man ihn, den die Schule der Theorie gewöhnlich erst Verlassenden, an die Spitze Einer oder mehrerer Gemeinden stellt, damit er die Zügel des Ganzen ergreift und demselben in der Praxis als Musterbild vorleuchte. Von der Theorie zur Praxis ist noch ein weiter Schritt; es ist die Meisterschaft eines Geistlichen überhaupt, wie eines Rabbiners im besondern. nicht blos in Worten und Phrasen, sondern in Thaten zu suchen, in bereits ein geär irrster Erfahrung. Ich bitte Sie daher, werthe Glaubensgenoffen, schauen Sie Sich, ehe Sie einen Bezirksrabbiner fürKissingen wählen, im bayerischen Vaterlande wohl um. da werden Sie vielleicht tüchtige, bereits bewährte Männer finden, die sich bereits im Rabbinatsfache praktisch ausgebrldet; solchen Männern geben Sie vor allen erst aus der Schule der Lehre kommenden jungen Männern bei Besetzung des dortigen Rabbinatsstuhles den Vorzug Sollte jedoch Letzteres nicht angehen, so hören Sie zweitens wohlwollend meinen ferneren, brüderlichen Rath darin an, daß Sie diese Angelegenheit den achtungswerthen, wahrhaft frommen Rabbinern Bayerns vorzüglich dem Herrn Bezirks-Rabbiner Bamberger in Würzburg unterbreiten; legen Sie solchen würdigen geistlichen Hirten Israels das Verzeichniß der sich umJhrRabbinat bewerbenden Candidaten vor, bitten Sie jene Herren um Auskunft, um ihre gewiß nur gediegene Ansicht, und Sie dürfen sicher darauf rechnen, es wird dann um die Leitung der Rabbinatswahl aufs Beste gesorgt sein, und Sie gelangen zu einem gedeihlichen und glücklichen Ziel, wofür Ihnen Ihre Gemeinde stets dankbar sein wird. Können Sie jedoch aus mir jetzt unbekannten Gründen auch zu diesem letzteren Vorschläge sich nicht entschließen, so bitte ich Sie drittens, sich zuvörderst ein klares Bild von einem Rabbiner zu entwerfen, der in Wahrheit seinen Berufskreis ausfüllt, und dann mit diesem Ihrer Seele vorschwebenden Bilde vergleichen Sie die Persönlichkeiten, die sich Ihnen als Candidaten für Ihr dortiges Rabbinat präsentiren. Ein israel. Geistlicher oder Rabbiner muß vor Allem ein Mann sein, der unser heiliges Religions- Gesetz in allen seinen Theilen genau kennt, der kuese Kenntnisse auch vor tüchtigen, wahrhaften Talmudgelehrten gründlich nachgewiesen und so von i diesen mit der Autorisation zum Rabbineramt beklei-! det worden. Männer aber, wie wir ihnen leider so j oft heute begegnen, die wenig oder nur sebr dürftig sich mit rabbinischen Studien befaßt, die auf dem Gebiete des Talmud — diesem Hanptguell der Tradition! unserer Väter — fast Fremdlinge sind und sich dennoch! zum Rabbineramte orangen und durch ihre glatten Ma-! nieren und durch einschmeichelndes, modernes Beneh-! men, oder durch einige einstudirte Pastoraloorträge! sich bei Ihnen etwa Eingang zu verschaffen suchen, diese werfen Sie, Brüder, zurück; Ihr Seelenheil, wie das Ihrer Fainllien und das der aufblühenden Jugend! verlangt es von Ihnen, daß Sie Lehrer, wahre, tüchtige! Lehrer und Meister der Religion und nicht rabbinische! Dilettanten und Männlein schaler und leerer Wortklingelei bei Sich zu Geistlichen einsetzen. Sogenannte i salbungsvolle Reden sind darum noch nicht wirklich gehaltvolle, und wären sie auch dies Letztere, so ist — wie Sie wissen — des Israeliten Tisch ein Altar, sein Hans-, sein Ehe- und Fa-! milienleben ein Heiligth um, das P alladium der Religion, wo diese den größten Th eil! ihrer geosfenb arten Gesetze und Vorschrifi ten ausüben läßt, wogegen die Synagoge und die öffentliche Andacht der Eingang! und Porticus zu diesem innern Herligthume ist; in der Synagoge bereiten wir uns durch! Gemüthsstimmung, durch Gebet und Wort für das eigentliche handelnde, israelitische , Leben vor, und im Hause, in der Familie, am Heerde und Tische, kommt's zur Ausführung. Wenn nun rituelle Fragen sactisch zu entscheiden sind, was können nun Ihnen jene Helden des leeren Wortes nützen, die mitunter noch außerdem selbst das Prunkkleid ihrer theologischen Phrasen da und dort erborgt haben? Sollen jene sogenannten modernen Rabbinen durch die mit Unkrnntmß abgegebene, falsche Entscheidung etwa sich und die irre geleitete Gemeinde

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