Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 6 (1865)
- Issue
- Heft 19 (10.5.1865)
- Date
- 1865-05-10
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2446951-2447193-2447212--03391-2458787- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
274 die isr. Glaubenslehre den Glauben an einen persönlichen Messias? Gibt es ein Schisma im heutigcn Judenthum?" hält sich mit Beziehung auf die bekannte Gerichtsverhandlung, die er nach der „amtlichen Wiener Zeit." bringt, in seinen Auseinandersetzungen, wie Jeder zugestehen muß, sehr objectiv. Wenn der Vers, in den beiden Anhängen, Zurückweisung und Berichtigung der Fasslichen Briefe in der „Neuzeit" (Nr. 6 und l2), etwas hitziger wird, io entschuldigt dieß die Thatsache, daß er bewerft und von Niemandem noch widerlegt werden konnte, daß Herr F nicht ein wahres Wort gesprochen, nicht ein Citat ungefälscht ließ und in allen seinen Schlußfolgerungen die krassesten Jrrthümer begangen. Wir möchten gerne den sehen, der gegenüber einem solchen religiös-literarischen Attentate kalt blrebe, und entschuldigt der Vers, seine in dieser Partie gebrauchte Ausdrucksweise selbst dahin. Wenn Herr PH. auf Maimontdes selbst, als den Feststeller der Glaubensartikel, nicht gut zu sprechen ist, ihn beschuldigt, daß er die Neigung gehabt habe, Alles in ein System zu bringen, so wundert es uns in Bezug auf den geistigen Antipoden desselben nicht; aber das ficht den Vers, der Broschüre wenig an. Der Einwurf, daß Maimonides sein berühmtes Werk „More nebuchim" nicht mit dem Glaubenssatz des Messias schließt, ist, gelinde gesagt — sehr dumm, und beweist Herr Di-. PH. damit nur, daß der dort so heiß ausgesprochene Wunsch O'mp -n u. s. w. auch noch nicht in Erfüllung gegangen sei. In Nr. 7 sagt Herr PH., daß die Orthodoxie ihre Berechtigung habe, „aber ganz verschieden traten und treten die Neuorthodoxen aus, sie, die Deutsch verstehen, reines Deutsch studirt haben, predigen und singen, kündigten ihre Existenz.mit Schimpfen und Lügen, mit Verleumdungen u. s. w. an". Herr PH. beschuldigt nicht den einen oder den andern der Männer der Partei, die er und seine Consorten die „Neuorthodoxen" zu nennen belieben; sondern die Geistes- und Religions-Richtung überhaupt ist es, auf die er die Schale seines Zornes sich ergießen läßt; er drückt ihnen allesammt das Kainszeichen ans: „das sind nämlich solche Menschen, die neben der Heilighaltung der Religion ihrer Väter, was sie gleich mit den Altorthodoxen haben, die Schändlichkeit begehen, deutsch zu predigen; sie verstehen wohl gar noch andere Sprachen und profane Wissenschaften". „Reines Deutsch," wie Herr PH. bitter klagt, und weil sie mit diesen schrecklichen Fehlern behaftet sind, „kündigen sie ihre Existenz damit an, daß sie sich durch die schändlichsten Laster geltend zu machen suchen und die edelsten Männer zu verunglimpfen streben". Es sage uns einmal der Herr Redakteur der „allg. Zeit. d. Judenth." welcher logisch vernünftige Zusammenhang zwischen diesen Eigenschaften und Lastern bestehe, welches ist das psychologische Moment, das die wissenschaftlich gebildeten Neuorthodoxen zu einer Schmack der Juden machen; ihre religiösen Grundsätze sind es nicht; die sind den Orthodoxen großmüthig vergessen und vergeben. Was denn? „Die Kultur, die Geistesbildung, deren sie sich befleißigen". Kann das wahr sein? Bricht Herr PH. nicht über sich selbst den Stab, indem er sich zurBundesgenossenschast der Zsikßoer Clique macht, die so schön poetisch in derselben Nummer geschildert wird. Ist es nicht außerordentlich lächerlich, wenn der alte Reform- Held, der angeblich für Fortschritt und Bildung das Banner erhob, nun mit Schwerd und Fackel durch die friedlichen Gauen Deutschlands und Oesterreichs ein Omar des neunzehnten Jahrhunderts ziehen und wo er den Talmud und eine deutsche Grammatik, den und eine übersetzte Bibel oder überhaupt ein Geistesprodukt der Wissenschaft beisammen findet, sengend und brennend Alles vernichten möchte? „Was gut ist in Kunst, Literatur und Wissenschaft, steht schon in der „allg. Zeit, des Judenth."; alles Andere ist ein Uebel, ist eine Schmach des Judenthums und führt zur DernoraUsation, zu Schimpf und Lüge, Verleumj duug und Verdächtigung, entfernt von aller Sittlichj keit und deren Forderungen". (Forts, s.) Lemberg. Hier erscheint seit Kurzem eine neue hebräische Zeitschrift „Jbri Anochi" unter der Re-! daction des Herrn Baruch Werber aus Brodi. Je-! denfalls ist das Austauchen 'o vieler Zeitschriften in j hebräischer Sprache ein Beweis, daß die jüdische Lite-! ratur sich guter Pflege erfreut. Möge die neue Zeitschrift ihrem Titel Ehre machen und ihm stets vollkommen entsprechen! Afrika. Der „Temps" hat traurige Nachrichten aus Marokko erhalten. Am 2. April wurden die zwölf Chefs der jüdischen Gemeinde von Tetuan verhaftet und in Ketten gelegt. Diese Maßregel war in Folge eines Befebls des Kaisers ergriffen worden, der darüber wüthend war, daß sie die Bezahlung einer Wache am Eingänge des jüdischen Viertels verweigert hatten. Die Cousuln reclamirten sofort die Juden, welche unter ihrem resp. Schutze stehen. Der Pascha gab sie auch frei. Die übrigen sollten aber zum Kaiser nach Mcquinez gesandt werden, wo sie gewisser Tod erwartete. Die Consuln erhielten jedoch Aufschub, und in Folge von Vorstellungen, die sie an den Minister des Aeußern richteten, wurden die verhafteten Juden ihrer Fesseln entledigt und dürfen provisorisch in Tetuan bleiben. Man hofft, daß sie ihre definitive Freiheit erlangen werden. Hierzu eine Beilage. Verantwortliche Redaction:'vr. Lehmann. — Verlag der Le R oux'schen Hofbuchhandlung. — Dampf-Schnellpressendruck von I. Gottsleben in Mainz.