Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 6 (1865)
- Issue
- Heft 18 (3.5.1865)
- Date
- 1865-05-03
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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260 heit immer aus ein fremde- Bruchtheil in ihrer Mitte ausübt, indem sie demselben solche Anschauungen und Begriffe aufdrüät, die mit seinen primitiven Meinungen divergiren, weshalb wir den heutigen Juden getreu den Typus jenes Volkes wiederspiegeln sehen, in dessen Land er sich durch Geburt und Erziehung zu Hause fühlt. Der englische Jude ist nicht allein durch Sitten und äußere Manieren zum Briten geworden, denn der ungarische Jude eignet sich nicht weniger, die edle Haltung des Magyaren an, oder mit einem andern Worte: aus dem hiesigen Juden puppt sich immer mehr der Ungar, dieser stolze Sohn der Pusta, heraus. Freilich kann die Nationalisirung des Juden in einem Lande, welches von verschiedenen Nacen bewohnt wird, wie das in unserm poliglotten Ungarn der Fall, nicht so leicht zum Durchbruche gelangen , als sonst in jenen Ländern, deren Staatsbürger, gleicher Abstammung, eine einzige Sprache reden. Aber i es geht doch. Wenigstens hat in den reinungarischen § Commitaten aus dem Lande so mancher Jude sich der-! art magyarisirt, daß er nicht allein die Sprache und! die unwesentlichen äußern Manieren seiner christlichen , Nachbarn, sondern selbst deren eigentlichen innern Kern! sich völlig eigen gemacht. Sagen wir, er hat sich in! ihre Denk- und Fühlweise hinein gelebt- Anders ist es in den gemischten Commitaten, in denen sich verschiedens Sprachelemente berühren und kreuzen und! die nationale Strömung eine getheilte oder gebrochene i ist, dort schwankt auch der Jude zwischen den Gegen-; sätzsn, kommt dab-ü nicht selten zwischen Zwei Stuhls zu sitzen, oder läßt sich von persönlichen Interessen nach einer entschiedenen Richtung hindrängen. Des-! halb sieht man hier neben solchen Juden, die, in pöl-! nischem Kaftan — Schubitzs — und Streimel, alles i cher als ihre ungarische Heimatb verrathend, wied r andere, die sich in den malerischen Gewändern de- Magyaren gefallen. Und wie der Eine sich von dem j Andern durch verschiedene Kleidung auszeichnct, so thellen sich auch deren Ansichten und religiöse An-! schauungen. Zu dem Chassidismus und seinen myfte- § riösen Observanzen bekennt sich der Polnischgekleidete; dem Rationalismus, öfter noch dem Jndisscrentismns,! huldigt der Nationale. Aber in dem echten nnver-! fälschten und orthodoxen Judenthume leben die We-! nigsten, die, nur mit seltenen Ausnahmen, der guten! deutschen Mode, mit Ausnahme des scharfveipönken! Cylinders, treu geblieben sind. Also constatiren sich hier religiöse Principien durch unwesentliche Kleidungsstücke, weil selbst die Principien als solche äußere Formen behandelt werden, welche man eben so gut oder so schlecht als das Kleid nach Zeit und Umständen zu wechseln vermag. Und darin liegt ein Bild unserer j Zustände, scharfgezeichnet aber im engsten Rahmen, i Verantwortliche Redaktion: vr. Lehmann. — Verlag der L k von I. Gottslc das wohl nur von demjenigen recht gewürdigt werden! kann, der sich die Verhältnisse aus nächster Nähe an-! geschaut. Aber auch jene in der Ferne, die des Spruches: " „Kleider machen Leute" eingedenk sind, werden zu dem- > selben etwas mehr als einen Commentar profitiren, i nachdem ihnen im Obigen gesagt wird, daß Kleider gar den intellectuellen Menschen oder so etwas machen. Und sie werden cs glauben, weil die heilige Thora approximativ dasselbe sagt. Genesis 3, 21 wird uns erzählt, der liebe Galt habe dem ersten Mcnschenpaar Anzüge aus Thiersellen -e>p gemacht, wogegen der Midrasch r. p. 20 (ch'82 n-iwnn) -ax mcw licst, demnach hätte Gott diesen Menschen Kleider aus dem reinsten Strahlcnlicht angefertigt. Und kündet das Kleid heutzutage weniger au, westen Geisteskind wir sind? Wir haben noch lange nicht die Schale überwunden, um endlich zu dem Kern gelangen zu können. Aber wir bleiben nicht bei dein Scheine stehen, sondern streben im Ernst danach, wcnn auch einstweilen nur aus kaufmännischer Speculation. bei uns die Volksausklärung ein bischen einheimisch zu machen. So hat der hiesige Buchhändler Herr Weiß unlängst die Concession zur Anschaffung einer Buchdruckerei erhalten, und darauf hin ein Wochenblatt zur Hebung der Agricultur gegründet, das unter der umsichtigen Redaction des Herrn Musterhanptschnllehrers N. F'scher seit seinem erst halbjährigen Bestehen viele Freunde in den verschiedensten Schichten der Bevölkerung sich mit Recht errungen hat, nachdem cs sich nicht auf seine eigentliche Tendenz ausschließlich beschränkt sondern erweckend und anregend nach allen Seiten zu wirken sucht, und wodurch es mit der Zeit nicht wenig zur Klärung der Ansiüten und Versöhnung der Gemüt der beitragen dürste. Ist das doch echtjüdische Weste, durch ein Organ zur Hebung der Oekonomie auf die geistige Veredelung des Volkes einzuwirken! Sind ja unsere Väter ursprünglich Landanbauer gewesen, die mit dem Schweiße ihres Angesichtes den hermathlichen Boden träi kten und damit die reinste Gotteserkenntwß als ein Palladium mit sich in die Welt hinaus trugen, um die heidnischen Völker für das Ewigwahre zu gewinnen, so möge denn jetzt im umgekehrten Verhält niß unser Volk durch die Gottesldce dem Landbau wieder zngeführt werden, um sich in dem modernen Staate eine würdige Stellung durch angestrengten Fleiß erringen und jenem Schwindel, der selbst heilige Interessen dem gleißenden Scheine opfert, noch früh genug die Spitze brechen zu können. (Forts, f.) Hierzu eine Beilage. R oux'schen Hofbuchhandlung. — Dampf - Schnellpressendruck ben in Main^