Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 6 (1865)
- Issue
- Heft 15 (5.4.1865)
- Date
- 1865-04-05
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Beilage zu Nr. 15 des Israelit. Zeitungsnachrichten und Correspondenzen. Hamburg. An das Vorsteher Collegium der Hamburger deutsch-israelitischen Gemeinde hat das jüdische Armen-Collegium vor einiger Zeit eine Denkschrift gerichtet, die (als Manuskript gedruckt) uns vorliegt. Dies sehr klar und eindringlich geschriebene Aktenstück weist nach: 1) daß die Prinzipien, von denen die christliche Armen-Anstalt bei der Armenpflege ausgehl, durchaus von denen verschieden sind, welche die jüdische Armen-Anstalt befolgt. Die christliche darf nur da helfend cinschreiten, wo bereits die äußerste Noth eingelreten, die jüdische will die Selbstständigkeit erhalten und der Verarmung durch frühzeitiges Einschreiten Vorbeugen, 2) daß aus dieser tief eingreifenden Verschiedenheit eine sehr verschiedene Behandlungsweise entsteht. Die christliche Armenpflege strebt danach, durch strenge Maßregeln von dem Zudrang zur Armen - Unterstützung abzuhalten, und sie kann nicht anders, weil sie sehr Viele zu versorgen hat. Die jüdische Armenpflege aber wendet, da sie nur verbältnißmäßig Wenigen zu helfen braucht, eine ganze Reihe von Präventiv-Maßregeln an, ehe sie den Armen in das letzte Stadium, das der Einzeichnung, eintreten läßt. Besonders die israelitischen Schulen werden als einer der bedeutendsten gegen die Verarmung wirkenden Factoren hervorgehoben. Die dort erzogenen Kinder machen zu sehr großem Theile ihren Weg gut durch's Leben, und selbst Kinder der ärmsten Eltern brachten es nicht um dahin, sich nach wenigen Jahren selbst zu ernähren, sondern die Eltern ans der Armnth zu reißen und Contribuenten der Gemeinde zu werden. Es wird 3) hervorgehoben, daß unter den jüd. Armen kein Proletariat existirt. Die Armuth erlischt unter den Juden meistens in der Generation, in der sie begonnen, sie wird nickt erblich. Das ist durch Zahlen zu beweisen. Im Jahre 1817 befanden sich unter 65li0 Juden 310 eingezeichnete Arme, im Jahre Id60 aber unter 12,000 Juden nur 2/4 und 1861 reducnten sich diese gar auf 262. Von diesen sind 19 Leute von 80 Jahren und darüber, 63 von 71 — 80, 75 von 61 70, 56 von 51—60, also nur 49 unter 50 Jahren, darunter 8 Wütwcn und 3 von ihren Männern verlassene Frauen. Dann folgt 4) die Bemerkung, daß konfessionelle Verschiedenheit gewisse Rücksichten erzeugt, durch welche eine doppelte Armenpflege entstehen muß. Daraus geht hervor, daß die Ucbernahme der Armenpflege durch den Staat fast illusorisch wird. Endlich hebt man 5) hervor, daß die politische. Gleicksüllung der Juden keineswegs das Ausgcben von Verschiedenheiten bedingt, welche nicht auf dem Gebiet der Politik, sondern auf dem I der Humanität vorhanden sind. Der Staat möge daher — so wünscht das jüdische Armen - Collegium —! dis jüd. Armen der Spezial-Pflege überlaffen und die i Verpflichtung gegen dieselben durch eine einfache Subvention erfüllen (Die inhaltsreiche Schrift wird jetzt auch dem christl. Armen - Collegium vorgelegt werden und vielleicht nicht wirkungslos bleiben.) Aus dem Kurfürstenthum Hessen. Wenn auch schon mehrmals Correspondenzen über „Kurheffen und kurhessische jüdische Zustände" in Ihrem geschätzten Blatte erschienen, so betrafen solche doch entweder nur die ,.Hauptstadt des Landes," oder doch die Kreise „Fritzlar und Melsungen" während die andern Theile des Landes ganz unberücksichtigt geblieben find. Sie erlauben mir, geehrter Herr Redakteur, gewiß daher, wenn ich für dieses Mal den geehrtem Lesern Ihres geschätzten Blattes etwas Näheres über die jüdischen Bewohner des Kreises Schaumburg mittheile. Die Grafschaft Schaumburg liegt wie bekannt ganz rsolirt, 24 Stunden vom Mutterlande Hessen getrennt und gehört zum Rabbinate des Landrabbinen Dr. Adler zu Cassel. Es wohnen etwa 70 -75 jüd. Familien in diesem Kreise, die in den 5 Synagogen-Gemeinden: Nodenberg, Obernkirchen, Sachsenhagen, Oldendorf und Rinteln zerstreut leben. Betrachten wir diese Gemeinden etwas näher, so werden wir sogleich einen großen Unterschied zwischen den drei erstem und den 2 letztem wahmehmen, ja, man darf und kann mit Recht sagen, daß sie untereinander so verschieden sind, wie Tag und Nacht, Nord und Süd, Ost und West. Denn während wir in den drei ersten Gemeinden wahres Judenthum, fromme Religiosität, starkes Festhalten an unserer angestammten unverfälschten Religion — kurz — antreffen, finden wir dieses in den beiden andern nicht, vielmehr den größten Abfall; während wir dort an Wochen- und Sabbattagen einen zahlreich besuchten Gottesdienst antrcffen, finden wir hier kaum an den Sabbat- und Feiertagen die nöthige Anzahl beisammen, und wird gar manchmal die Synagoge aus Geschäftsrücksichten leer gelassen, da man sich ja mit den Worten zu trösten weiß: „Der kommt wieder -— aber nicht die Kunden!" Während dort Vereine zur Wohlthätigkeit und zur Anhörung des Wortes Gottes bestehen, kennt man hier solches nicht, und besucht lieber in den der Andacht geweihten Stunden die Hotels und öffentlichen Plätze der Stadt. Während wir dort die religiös so wichtigen Neinigungsbäder antreff.n, suchen wir hier vergebens darnach, ja, der Jndifferentismus ist vielmehr hier so groß, daß die heiligsten jüdischen Vorschriften und Lehren nicht nur übertreten, sondem alles Jüdische, Erhabene und Göttliche vielmehr bespöttelt und in den Staub