Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 6 (1865)
- Issue
- Heft 15 (5.4.1865)
- Date
- 1865-04-05
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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202 uns verloren, und geblieben sind uns nur Maz-! zoth und Merorim, das Brod des Elends und die! Bitterkräuter. Seitdem wir unser Vaterland verloren,! haben wir den Kelch der Leiden bis auf die! Hefe geleert; seit achtzehn Jahrhunderten ist unsere Geschichte eine fast ununterbrochene Leidensgeschichte, die Jeden mit Grauen und Entsetzen erfüllt. Aber eins ist's, das wiederum erhebend und beglückend aus der Geschichte der Verbannung heworleuchtet; das ist die Treue und Hingebung Israels an seinen Gott inmitten all der Leiden, all des Grauens und Entsetzens .Und jetzt, da die Zeiten milder geworden, da der Druck und die Verfolgungen großenteils aufgehört haben, da Israels Söhne wieder als freie Männer ihr Haupt erheben dürfen — soll da die alte Treue und Hingebung, die so lange unser Stolz und unser Trost gewesen, aus unserer Mitte schwinden? I — Nimmermehr! Und mögen noch so Viele im Ad-! falle sich brüsten, und mögen sie prangen mit Fortschritt und Intelligenz, mit Macht und Reichthum —! wir, wir wollen festhalten an unserm Gotte, wollen! zum Peßachfeste alles Gesäuerte und mit ihm alles! Sündhafte Hinwegräumen ganz und gar und wollen! danach ringen, jenes wahre Glück und jene echte Frei-! heit wiederzugewinnen, deren Symbol uns das Peßach-! opfer ist; und muffen wir auch noch das Brod des I Elends essen und die Bitterkeiten der Verbannung kosten,! es wird doch wiederkommen die Zeit, in der, wie der-! einst, die ungesäuerten Kuchen und die Bitterkräuter! nicht der Wirklichkeit entsprechen, sondern in einer glücklichen Gegenwart led glich die Erinnerung an eine j trübe Vergangenheit wachrufen. Bis dahin gilt es, i auszuharren in der Treue und im Glauben, "1-121 Timm p)' wL". „Und die von Gott Befreiten! werden zurückkehren nach Zion mit Jauchzen, während! ewige Freude ihr Haupt verklärt; Wonne und Freude > werden sie erreichen, und Kummer und Seufzen^weri den entfliehen!" — (Jes. Cap. 35, V. 10.) Ein Lesebuch für jüdische Schulen (Fortsetzung.) Obwohl nun das Lesebuch des Herrn Ol. Adler! in zahlreichen Aufsätzen jüdische Anschauungen vorwali Len läßt, so hat es sich doch nicht frei von einem lei- I sen Anfluge von Nihilismus gehalten. Es will uns! bedünken, als wenn es unvorsichtig von einem Land- ' rabbinen wäre, in dem „Segen der Arrnuth" von Salomon, den Ausdruck: „jüdisches Orakel," wie das : ra genannt wird, beizubehalten, da dieß bei der j Jugend, vielleicht auch bei manchen Lehrern, Anlaß zu Mißdeutungen geben könnte. Ebenso hätten wir lie-! ber gesehen, die Andeutungen der messianischen Zeit in Nr. 47 wären weggeblieben, oder es wäre dieselbe in einer Weise besprochen worden, wie sie genau mit den Lehren des Judenthums übereinstimmt. Auch Neologen — zu welchen Herr Landrabbiner vr. Adler gewiß nicht gezählt werden will — sollten religiöse Streitfragen und die Keime der Zweifelsucht von der Jugend fern zu halten bemüht sein, die früh genug an den Mann herantreten, und bei voraussichtlichem Mangel an gediegener jüdischer Bildung ost von trauriger Wirkung sind. Warum so früh den innern Frieden stören? — So wissen wir auch nicht, warum der frei denkende Geist des Aben Esra (S. 32) hervorgehoben, und der scharfsinnige Kritiker wiederholt (S. 32u. 33) betont wird; auch das könnte leicht falsch gedeutet werden, wenn man weiß, wieder Mißverstand den CommenLar des Aben Esra auf die hl. Schr. als Gewähr für die Berechtigung der historischen Kritik und als Stütze für ihre vermeintlichen Resultate ausgeschrieen. Solche Dmge gehören in kein Lesebuch. Ueberhaupt ist der Herausgeber nicht ökonomisch genug mit dem Kaum verfahren; es ist Vieles vorhanden, was für die Kinder zu schwierig oder unnütz ist, wie Nr. 187 (Ueber den jüdischen Kalender). Nr. 39 spricht von der Ausgabe des Handwerkers, soll aber von der des israelitischen Handwerkers sprechen. Nr. 40 soll auf die Predigt vorbereiten, der ein außerordentlicher Werth beigelegt wird. — Wenn in Nr. 118 der Schüler lesen oder auswendig lernen muß: Herr Gott, wenn einst mein Leben stirbt Und seine letzte Ruh' erwirbt, Laß mich m meiner letzten Wiegen Daheim im Heffenlande liegen, so wird er diese Nothwendigkeit schwerlich einsehen. Einige Gedichte von Stein, wie „die Namenlose", „das Opfer" (Nr. 41) haben durchaus keinen pädagogischen Werth. Der Dichter unterscheidet in dem ersteren Engelmenschen. Mittelmenschen, Teufelmenschen j und namenlose Menschen; in dem zweiten die treue j Liebe zwischen Wasser und Milch! Was sollen solche Phantasiegebiloe der Jugend? Dagegen sind einige an sich fchwungreiche Gedichte von demselben Verfasser, wie Nr. 34 „die. Begrüßung des Frühlingsthaues" (dco) und „die Begrüßung der winterlichen Regenzeit" (ui), ausgenommen, bei welchen jedoch die hinzugefügte Vorbemerkung auffallend erscheint; denn dem ersten Gedichte hat Herr Or. Adler Vordrucken lassen: Vorzutragen am ersten Tage des Peßach fest es vor dem Musaph-Gsbete; dem letzteren: Vorzutragen am Beschlußfeste vor dem Musaph-Gebetek Ein weiteres Eingehen auf den Inhalt des Buches müssen wir uns versagen: es würde uns zu weit führen; und wollen wir nur noch einige Bemerkungen hinsichtlich der Form und des Stils einzelner Ar-