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Der Israelit · 1865-03-22 · Heft 13 (22.3.1865) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
6 (1865)
Issue
Heft 13 (22.3.1865)
Date
1865-03-22
Page
– (sequence 2)
Language
German
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170 erreicht blieb. Welche Bildungsmomente vertraten nun bei den Juden die Stelle der griechischen, und war Malerei, Plastik bei den Juden so ganz und gar ausgeschlossen, daß der Kunstsinn bei ihnen nicht geweckt, das Schönheitsgefühl nicht erregt und keinerlei symbolische Darstellung gewonnener Erkenntnisse, erhabener Ideen zur Ausführung kam? War ferner das Selbstgefühl, das Vertrauen auf die eigene Kraft, ein Erzeugniß des Bewußtseins der hohen Menschenwürde und der hohen Befähigung desselben, welches im Schöpfer großer Kunstwerke den imponirenden Charakter schafft, jene höhere Würde und Anmuth hervorbringt, die wir als den erhabensten Typus des Menschenbildes, als das eigentliche Ideal desselben betrachten, in der äußeren Erscheinung des Volkes gar nicht zu Tage getreten? Anders war der Bildungsgang des Griechen, anders der des Juden. Sehen wir bei jenem den stufenmäßigen, natürlichen Gang, das allmähliche naturgemäße Fortschreiten in der Entwickelung der Dinge, wie sich dieß aus den Kunst- und Literaturprodukten der verschiedenen Perroden nachweißen läßt; sehen wir der jenem den Menschengeist in seinem gewaltigen Ringen mit den Hindernissen der Natur, dieselben mehr und mehr überwinden und so zur Erkenntniß der Ueberlegenheit des menschlichen Geistes allmählich fortschreiten; sehen wir bei jenem aus der Erkenntniß dieser gewaltigen und überlegenen Geisteskraft die Ahnung des Göttlichen im Menschlichen, freilich mit den der göttlichen Erleuchtung entbehrenden Gebilden einer jugendlichen Phantasie, hervortreten und so zur Vergötterung des Menschen selbst führen; so zeigt sich bei diesem eine unmittelbare Einwirkung des göttlichen Lichtes, welches nach kurzer Zeit daserreicht, was nach dem gewöhnlichen Gang der Dinge oft erst nach einem Jahrtausend erreicht wird, ja mehr erreicht, als der Mensch mit allen Hilfsmitteln der Kunst zu erreichen vermag. Die Summe der erreichten Kenntnisse eines Volkes, die Höhe der gewonnenen Cultur, der Höhepunkt des sittlichen Zustandes repräsentirt sich bei jedem Volke in den vorhandenen Denkmälern seiner Kunst- und Literaturprodukte. Diese Denkmäler sind auf der ersten Stufe die symbolisch bildlichen Darstellungen, durch welche die erlangten Erkenntnisse und Begriffe über gewisse Dinge festgehalten erscheinen. Die erreichte Höhe des geistigen Lebens stellt sich auf einer Hähern Stufe in dem Menschenbilde selbst, als dem geeignetesten Mittel zur äußern Darstellung der inneren Regungen dar. Die Erzeugnisse der Kunst, wie die der Literatur eines jeden Zeitraumes dienen für höhere Vollendung in dem nachfolgenden. Nach Schillers Wort: „Alles ist Frucht,, und Alles ist Samen," bilden die in den Kunst- und Literaturprodukten vorhandenen Denkmäler nicht nur die zeitweiligen Anschauungen in religiösen und bürgerlichen Dingen, sondern sie vermitteln auch de« «eiteren Fortschritt. Der Entwickelungsgang ist ein stufenmäßiger. In dem Maße, wie die Erkenntniß wächst, wächst auch die höhere Vollendung in den zu schaffenden Produkten. Für die bildende Kunst war die Natur selbst die erste Lehrerin des Menschen. Ihren Bildungen zu gleichen, soweit dieß menschliche Fertigkeit vermag, bildet den Höhepunkt der Kunst. Was bildet nun die Schönheit in den Werken der Kunst? Die Harmonie der Theile, der Reflex oder die Abspiegelung jener Harmonie, die wir in den einzelnen Werken der Natur, sowie in der Gesammtharmonie des ganzen Universums wahrnehmen. Was zweckdienlich eingreift in die Harmonie des Ganze«, was dem Schöpfungswerke förderlich ist, ist schön; was störend eingreift, kann auf diesen Namen keinen Anspruch machen. Dieses harmonische Zusammenwirken aller Theile des Universums zum Schöpfungszwecke vermittelst der Kunst in den menschlichen Geist zu verpflanzen, ist wohl auch — abgesehen von dem Genuß, den sie schafft — ihr eigentlicher Zweck. sriTi ^22 Pred. 5, V. 8. Der Vorzug der Erde wird jedoch nur in der Zusammenfassung des Ganzen wahrgenommen. Wer Einzelnes aus diesem großen Werke herausgreift, gelangt leicht zu Fehlschlüssen bezüglich der Beurtheilung seines Verhältnisses zum Ganzen. Der Mensch vermag jedoch — wie es die Geschichte der heidnischen Völker genugsam bestätigt — diese Gesammtharmonie, die natürlich auf das Wirken eines einzigen von dem Weltall unabhängigen Geistes hinweiset, ohne göttliche Erleuchtung nicht zu finden. Mit der plastischen Darstellung der Schöpfungen aus dem Reiche der Natur zogen darum auch jene Jrrthümer in die Herzen, welche einen Verfall der Sitten und in Folge derselben eine Auflösung der Staaten und ein Aufgehen und Verschwinden der Bewohner derselben zur. Folge hatte. Und die Juden? Sie erhielten diese aus der Betrachtung des Ganzen resultirende und in die Herzen zu verpflanzende Harmonie nicht durch die Kunstprodukte vermittelt. 1122 Q2LP 'il ^2"! O'ZS Vdi O'IS „VvN Angesicht zu Angesicht hat der Ewige auf dem Berge aus dem Feuer mit euch geredet." Eine unmittelbare Offenbarung leistete diesem Volke, was andere nach Jahrtausenden mit allen Kunstleiftungen nicht zu erreichen vermochten. Nicht ein einzelner Strahl des Lichts, sondern die vollereine Wahrheit drang zu ihrem Herzen; nicht einzelne Bruchstücke der Weltharmonie, sondern die Totalität derselben trat in dem Gotteswort zu ihnen.

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