Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 6 (1865)
- Issue
- Heft 11-12 (15.3.1865)
- Date
- 1865-03-15
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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150 Candidat die gediegenste Kenntniß des Talmud, soweit man sie bei seiner Jugend erwarten kann, theils besitze, theils durch fleißiges Lernen zu erweitern sich bestreben werde, wenn wir auch durchaus nicht verkennen wollen, daß die Vereinigung der allseiligen Bildung mit gediegenem jüdischen Wißen nur erfreuen kann und ihm wie uns hoffentlich zu Nutzen kommen wird. Eine andere Gefahr pflegt namentlich in indifferenten, gleichgiltigen Gemeinden solche Stiftungen ertödten zu wollen, man läßt sie nämlich durch Anstellung untüchtiger Kräfte mehr und mehr den Charakter von Wohlthätigkeitsanstalten annehmen. Auch dieser weiß unser ehrenwerther Stiftsoorstand dadurch zu entgehen, daß er, wie bei vorliegender Wahl sich zeigt, entschieden auf Befähigung gebührende Rücksicht nimmt. Daß er vielleicht die betreffenden Herren zur Erfüllung ihrer Pflichten .nicht so ängstlich anhält, wollen wir ihm auch zu Gute halten, denn erwachsene Lehrer sind eben keine Kinder, die der Aufsicht fortwährend bedürften. Aber anderseits bitten wir um Entschuldigung, daß wir den Wunsch anssprechen, die Gelehrsamkeit dieser Herrn möge sich doch nicht allzusehr in die vier Wände eines Jeden verschließen, und wenn sie auch keiner Controlle bedürftig sind, soviel Einsicht pflegen sich doch alle Gemeinden, die des Segens solcher Stiftungen genießen, in das Treiben ihres Gelehrten g»statten zu lasten und von demselben Nutzen zu ziehen, daß ein mehrstündiger Süiur täglich die Stiftsgelehrten vereinigt, von dem das Publikum nicht ausgeschlossen zu fein braucht. An Lokal würde es durchaus nicht fehlen, um so weniger jetzt, ha Herr Du Cohn als einzelner junger Mann gewiß von den großen Räumlichkeiten gern ein Zimmer zur allgemeinen Benutzung abzugeben im Stande ist und zum r>'2 einrichten wird. Wir erblicken, sagten wir oben, einen wichtiger Hinweis auf eine endliche Lösung des so oft halb aufgenommenen und dann wieder fehlaesch'.agenen Versuches der Verbesterung unseres für uns nicht sehr schmeichelhaften Zustandes der jüdischen Jugendbildung, die andere bedeutende Gemeinden gerade als den ersten Zielpunkt ihres vollen Schaffens und Wirkens allen anderen Pflichten voranstellen. An Material fehlt es nicht, um Hannovers Gemeinden wahrhaft groß zu machen: eine seltene Vereinigung vieler jüdischer Gelehrten sür die verhältnißmäßig kleine Gemeinde dürfte uns die drei Oificine der hiesigen jüdischen Druckereien, die des Herrn Senator Fr. Culemann die Telgnersche, und die des bisherigen Stifisgelehrten Adolph Frudberger, mit literarischem Vorrath versehen, sowie die Sammlungen hiesiger Privaten, unter denen sich die berühmte, in ihrer Art vielleicht bedeutendste Sepharimsammlung, (abgerechnet die welche auch öffentlich gehalten werden) des Herrn Stiftsgelehrten Rosenthal auszeichnet. (Sehr zu bedauern ist esum bei dieser Gelegenheit zu bemerken, daß die Fülle werlhvoller Notizen, die sich Herr Rosenthal über die Bücher seiner Bibliothek gemacht, nicht systematisch geordnet, zur Förderung der jüdischen Bibliographie in die Ocffentlichkeit gelangt). Das Bestehen einer guten jüdischen Bürgerschule in Hannover würde um so leichter ermöglicht werden, weil in dem Lehrerseminar stets eine Anzahl frischer Lehrkräfte heranwächst, und die Abiturienten des Seminars würden auf diese Weise eine sehr schöne, nützliche Einführung in die Praxis des Schullebens erhalten , ein Voriheil, den z. B. das Berliner Lehrerseminar vor dem unsrigen hat, während das hiesige sonst einen Vergleich nicht zu scheuen brauchte. Eine Hilfe erhielte die jüdische Schule ferner durch die vortreffliche Kräfte der hiesigen Bildungs- und Lehreranstalten. Den von jeher hat Hannover, obgleich es nie Sitz einer Akademie oder Universität war, reges Interesse sür Schul und Unterrichtswesen gezeigt, auch hier zeigt sich diese warme Theilnahme für alles geistige Interesse in der Gunst des Geschickes, das ihm das Glück gab, hervorragende Geister zu fernen Bürgern zu zählen. Hannover war die zweite Vaterstadt eines Leibnitz, die Geburtsstadt eines Herrsche!, und auch jetzt in unserer Zeit der materielleren Wissenschaften der Technologie, der Maschinenkunde und Baukunde haben wir einen Karmarsch und die anderen bedeutenden Namen der Lehrer unserer Polytechnischen Schule. Wir wollen nur sagen, daß wir uns freuen, an einem Orte unseres schönen Deutschlands zu leben, der des geistigen Anbaues nicht gerade unwürdig ist oder ihm undankbaren Boden bietet. Hoffen wir nun auch auf des Allmächtigen Hilfe, daß das für uns so gewichtige jüdische Gemeindeleben auch leinen vollständigen, religiösen gesinnungslüchtigen Ausbau erhält, und wünschen wir mit freudig bewegtem Herzen bei jedem Geschenk, das uns in dieser Beziehung die allgütige Vorsehung macht, uns weiter Glück, und wie unser Rabbiner den Frieden zu seiner Devise gemacht hat pini- 21^ 211P-1, bitten auch wir, daß vermehrte Kenntniß den wahren Frieden mehre: .'^2 21^ 211 ^1 '112bll Hierzu drei Beilage«. Verantwortliche Redaction: vr. Lehmann. — Verlag der Le Roux'schen Hofbuchhandlung. — Dampf-Schnellprefsendruck von I. GvttSleben in Mainz.