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Der Israelit · 1865-03-08 · Heft 10 (8.3.1865) · page 12

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Journal
Der Israelit
Volume
6 (1865)
Issue
Heft 10 (8.3.1865)
Date
1865-03-08
Page
– (sequence 12)
Language
German
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138 dem Ritus ihrer Synagoge scheint sie eine der vornehmsten Bestandtheile auszumachen. Bei keiner Familienangelegenheit, die dem Rabbi angezeigt werden muß, wird das Almosengeben unterlaßen. Eine Herrath, eine Geburt, eine Taufe (? soll wahrscheinlich Beschneidung heißen), ein Todesfall oder irgend ein anderes glückliches oder unglückliches Ereigniß im Kreise der Familie sind stets die Veranlassung, Almosen für die Synagoge zu geben. Alles dieses nimmt solche bedeutende Dimensionen an, daß es fast unglaublich erscheint, wenn man es mit der Art und Weise des Almosengebens unter uns vergleicht. — Die Liebe des Juden zu seiner Religion und ihren Vorschriften mag endlich noch von einem anschaulichen und klaren Uebersichtsvunkt aus betrachtet werden durch Beobachtung des Zeit- und Geldaufwands, den er bereitwilligst für dieselben macht. — Wenige unserer Leser, die sich über diesen Gegenstand noch nicht erkundigt haben, werden, ohne davon überrascht zu sein, die Feststellung der Kosten hören, die die Synagoge für den Juden erheischt. Wir wollen die Synagoge in der Margarethenstraße zum Beispiele anführen; wir müssen jedoch bemerken , daß die übrigen ihr in Bezug auf Wohlthätigkeit und Edelsinn m Nichts nachstehen. Die Sitzplätze 5ür Mann und Frau kosten jährlich ungefähr neun Guineen (108 Gulden rhein.), für einen einzelnen Mann oder eine einzelne Frau etwas mehr als die Hälfte. Der Raum der Synagoge, d. h. der Theil, der für die Gemeinde bestimmt, ist nicht größer als eine mittelmäßige Dissenter-Kapelle, und dennoch ist der Betrag der für die Sitzplätze eingehenden Summe nicht weniger als 1400 Pfund Sterling (10,8 .O st. rhein.) per Jahr. Wir erkundigten uns über eine Synagoge, die kürzlich in BayswaLer eingeweiht wurde, und wir fanden, daß die Sitze wenigstens ebensoviel eintrugen, wie in derjenigen in der Margarethenstraße. Man würde sich sehr täuschen, wenn man glauben würde, die Einnahmen der Synagoge seien nur auf den Betrag beschränkt, der für die Sitze und Synagogenplätze eiugeht. Ich habe die Almosen, die bei verschiedenen Ereignissen im Familienleben gegeben werden, bereits erwähnt; außerdem circulnen fortwährend Aufrufe in den Gemeinden zur Unterstützung für reisende unbemittelte Israeliten und zu noch manchen andern wohlthätigen Zwecken. Es würde vielleicht schwer fallen, sich einen richtigen Begriff von der Größe der Summe, auf die sich die Synagogen-Almosen belaufen, zu machen, darum habe ich mich auch bei zwei Rabbinen, mit denen ich mich über diesen Gegenstand unterhalten habe, erkundigt, und habe dadurch in Erfahrung gebracht, daß diese Summe im Allgemeinen zweimal so hoch sei als das. was die Sitzplätze kosten, so daß also, wenn Jemand jährlich neun Pfund für seinen Platz bezahlt, seine übrigen Ausgaben für den Gottesdienst mit Almosen kaum weniger als 27 Pfund (324 Gulden rh.) bt tragen werden. Obschon die Synagogen-Almosen einen großen Theil der Summe, die von der Gesammtheit des Mittelstandes der L. I für Wohlthätigkeit verwendet wird, ansmacht, so ist unter ihnen doch noch eine große Anzahl, deren Beiträge, die durch den Rabbinen und seine Beamten erhoben werden, weit geringer sind, als diejenigen, die sie zu wohlthätigen Vereinen beisteuern, oder privatim vertheilen. Man muß jedoch fast unwillkürlich die Frage aufwerfen, auf welche Weise vei emer so sparsamen und mäßigen Bevölkerung, wie die Londoner Israeliten, eine so ungeheure Summe für wohlthätige Zwecke erforderlich ist? Wir sehen keinen jüdischen Bettler in den Straßen. Die Jaden haben nach unfern Gesetzen dasselbe Recht, die Mildthätigkeit ihrer Mitbürger in Anspruch zu nehmen als andere Secten. Bei uns gibt es keine Bevorzugung irgend einer Religion. Der Jude, Türke, oder Heide hat dasselbe Recht, wie der frömmste und würdigste Christ. Ehe ich jedoch zur Beantwortung der obigen Frage übergehe, muß rch eine Bemerkung voranschicken. Nichts ist schwieriger als von den Juden eine genaue Statistik aufzunehmen. Es scheint ein gewisser Widerwille gegen diese Sache unter den Juden zu herrschen. So schnelle und sichere Rechner sie sonst sind, hält es dessenungeachtet außerordentlich schwer, einen genauen Bericht über die Anzahl der in London wohnenden Juden zu erhalten. Ob dieses Bedenken, das sie gegen eine Volkszählung tragen, noch ein Ueberkommen aus alter Zeit ist. können wir nicht sagen; das steht jedoch fest, daß diese Abneigung in dieser Zeit noch in sehr starkem Grade herrscht. Keinesfalls beruht dieses auf Ungefälligkeit, ihrerseits eine verlangte Aufklärung über einen Punkt zu geben; im Gegentheck muß ich ihre Höflichkeit und Bereitwilligkeit in dieser Beziehung yervorheben, mit der mrr bei meinen Erkundigungen, die ich über das jüdische Leben anstellen mußte, begegnet wurde. Noch habe ich aus die Verschiedenheit der Zahlen, die sich bei diesen Aufstellungen ergab , aufmerksam zu machen. Nur durch Vergleichungen, mit anderen Angaben ward es mir möglich, ein einigermaßen genaues Resultat zu erlangen. Uiv jeder Uebertreibung fern zu bleiben, habe ich von den verschiedenen Daten das Minimum angenommen, und sogar dann erscheinen die Londoner Juden noch als die wohlthätigften Menschen, denen ich je begegnete, und in keinem Welttheil, in keiner Religion werden sie erreicht, geschweige denn übertroffeu. (Fortsetzung folgt.)

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