Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 6 (1865)
- Issue
- Heft 10 (8.3.1865)
- Date
- 1865-03-08
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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187 die jeder Volksstamm in solcher Lage im Gefolge hat. „Mögen nun Eure k. k. Apostolische Majestät „diese von Hunderttausenden kummervollen Herzen „gehegte Erwartung in Erfüllung gehen lassen, und „mögen es die kommenden Geschlechter der Juden in diesen Kronländern bis in die spätesten Zeiten als ein heiliges Palladium bewahen, daß dieselben von ^einem so drückenden und verwahrlosten Zustande, „den sie durch Jahrhunderte als ein trauriges Ver- „mächtniß ihrer Vorfahren von einer Generation zur .andern übernehmen mußten, durch den Willen ihres „hochherzigsten Kaisers Franz Joseph i. für alle „Zukunft befreit worden sind!" In dieser beglückenden und hoffnungsreichen Erwartung verharrt in aller Ehrfurcht und treuester Hingebung Eurer k. k. Apostolischen Majestät allerunterthänigster Wien, 4. November 1864. Jg. Deutsch. Von der polnischen Grenze. Aus Warschau vernimmt man von einem Gesetzvorschlag, der in Polen von weitgreifenden Folgen werden dürfte Demülben zufolge sollen alle Aemter im Königreich Polen in Zukunft den Juden zugänglich werden. Nur ein Mitglied des Collegiums des Administration!-rathes, der als Judenfeind bekannte Kochanski, hat dagegen gestimmt. Es leidet demnach keinen Zweifel, daß dieses Gesetz demnächst in Kraft treten werde. Wenn man bedenkt, welchen großen Bruchtheil der Bevölkerung die Juden in Polen ausmachen und zugleich ihre praktische Thätigkeit in Erwägung zieht, so ist darauf zu rechnen, daß in nicht gar langer Zeit ein großer Theil der Aemter sich in den Händen von Juden befinden-wird, deren Gewissenhaftigkeit, Unbestechlichkeit und Fleiß dem Lande sicherlich zum Segen gereichen wird — Feuilleton. Die Londoner Juden. Aus dem Englischen übersetzt und bearbeitet von Hirsch Grünebaum. (Fortsetzung.) Man sollte glauben, es sei nicht schwer zu bewerkstelligen, daß die Kinder eine gute Erziehung erhielten, jedoch ist gerade das Gegentheil der Fall. Die niederen Klassen der ausländischen Juden scheinen in Bezug auf die Erziehung ihrer Kinder ganz indifferent zu sein. Sie betrachten eine regelrechte Ordnung dieser Art beinahe als einen Akt der Tyrannei und suchen sie durch alle in ihrer Macht stehenden Mittel zu umgehen. Nur der feste Entschluß der wohlthätigen englischen Israeliten allein ist im Stande, einige Wirkung in dieser Beziehung hervorznbringen. Gleichzeitig muß bemerkt werden, das der Widerwille gegen eine gute Erziehung sich mit den verschiedenen Nationalitäten zu vermindern scheint So sind die Holländer in diesem Punkte gefügiger als die Deutschen, und diese wiederum weniger halsstarrig als die Polen. Man kann sich leicht denken, daß der Nmgang mit Kindern solcher Eltern den armen, aller achtbaren Londoner Israeliten ein Gegenstand geworden ist, der zu Besorgnissen aller Art Anlaß gegeben hat. Es ist wahr, Alles, was menschliche Sorgfalt thun konnte, ist aufgeboten worden, um allen nachtheiligen Folgen des Zusammenseins dieser verwahrlosten Kinder mit denen der englischen Juden vorzubeugen; dessenungeachtet ist die Gefahr nichts weniger als beseitigt. Herr Angel, der talentvolle und energische Oberlehrer an der jüdischen Freischule in Whitechapel sagte mir, daß dieses der schwierigste Theil seiner Pflicht sei: darüber zu wachen, daß keine nachtheilige Wirkungen durch diese Mischung entstehen. Diese Befürchtung ist keineswegs unbegründet. Unter fast zweitausend Kindern, die unter seiner Aufsicht stehen, sind nicht weniger als sieben hundert Nachkömmlinge dieser ausländischen Juden. Auf ähnliche Weise haben sich auch die jüdischen Damen ihrer armen Religionsgenossen angenommen. Besonders wohlthätig haben sie auf die häusliche Ordnungsliebe und die Reinlichkeit der Armen eingewirkt, eine Erscheinung, die von diesen früher ganz und gar nicht gekannt war. Keine jüdische Dame, wie hoch auch ihre Stellung sei, betrachtet sich als zu hoch erhaben, daß sie ihre armen Religionsgenossen nicht besuchen und ihnen Lhätig b istehen dürfe. Die Damen haben auch verschiedene Vereine zum Beistände und zur moralischen Besserung ihrer Mitschwestern gebildet. Obschon alle in ihrer Organisation gleich bewunderungswürdig sind, so wollen wir doch nur diejenigen besonders namhaft machen, die unter der Leitung der Baronesse v. Rothschild, Frln. Lionel Lucas und der Gräfin d'Avigdor stehen. Gräfin d'Avigdor ist ebensowohl durch ihre literarischen Fähigkeiten wie durch ihre große Menschenliebe bekannt. Diese Vereine verleihen Geld an Verdienstvolle und unterstützen Arme und Kranke. Sie suchen, ihnen nützliche Fertigkeiten beizubringen und manche Industriezweige ihnen zugänglich zu machen. Sie haben ferner einen tüchtigen Stab von „Bibelfrauen", die den Unwissenden und Unfähigen vorlesen müssen; denn das Geistige ist bei der Sorgfalt für die zeitlichen Bedürfnisse durchaus nicht vergessen In dem jüdischen Gottesdienste ist die Praxis der Wohlthäligkeit so eng mit der Theorie verbunden, daß sie im wahren Sinne des Wortes Opfer genannt zu werden verdient. In der That in je-