Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 6 (1865)
- Issue
- Heft 10 (8.3.1865)
- Date
- 1865-03-08
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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131 Mutter, oder dein Sohn, oder deine Tochter, oder dein zärtlich geliebtes Weib, oder dein Freund, den du liebst, wie dich selbst, dich auffordert insgeheim und spricht: „„Wir wollen hingehen und dienen anderen Göttern!"" so willige nicht ein und höre nicht auf ihn; habe kein Mitleid, kein Erbarmen, keine Schonung; überliefere ihn der Todesstrafe; ja deine eigene Hand beginne die Vollziehung desselben, die das übrige Volk vollendet" Nun wohlan, ihr Alle, die ihr die süßen Gefühle der väterlichen Liebe empfunden habt, ihr Alle, deren Inneres beim süßen Namen „Vater" sich bewegt hat; ihr Alle, deren Herz jemals erwärmt worden von der h. Flamme ehelicher Liebe, ihr Alle, die ihr jemals empfunden das edle Glück einer aufrichtigen Freundschaft — ich frage euch: „Gibt es wohl einen Gesetzgeber, der Unterwerfung unter ein solches Gesetz erhoffen könnte, dem er keine andere Sanction zu geben vermöchte als Tod und Todesstrafe? Wer würde nicht eher den Tod vorziehen, selbst den Tod unter den schrecklichsten Formen, ehe er den Händen des H mkers überliefere — was sage ich — ehe er selbst der Ankläger und Henker eines der Theuersten seiner Angehörigen werden möchte?" Aber die Solidarität des Stammes? Männer wie Kodrus und Decius sind seltene Erscheinungen in der Geschichte; und noch mehr, Alles trägt dazu bei, zu glauben, daß diese Männer, welche sich so edelmüthig geopfert haben, auf die Unsterblichkeit der Seele hofften. Und außerdem bedürfte es in dem Falle, um welchen es sich hier handelt, unendlichmal mehr Muth und Selbstverleugnung, als die Kodrus und Decius bewiesen haben! Hier sind wir zu einem Einwurf gelangt, der zwar höchst unwichtig ist, den wir aber doch nicht mit Stillschweigen übergehen wollen. Man weiß, daß die Liebe zu einem Systeme übermäßige Forderungen und seltsame Ansprüche hat. Das System will, daß die Sache so sei, und sie muß so sein. Um das Judenthum zu verdächtigen, bezweifelt man nicht nur die Aechtheit mehrer Bücher der heiligen Schrift und bürdet ihnen spätere Daten auf, als ihnen einstimmig bisher beigelegt wurde; die Bosheit geht noch einen Schritt weiter und will sie zerstückeln. Das Alter eines solchen Buches kann nicht in Abrede gestellt werden; aber es enthält Stellen, welche das System geniren. Da das System nicht Unrecht haben will, nicht Unrecht haben kann, hält man sich mit solchen Lappalien nicht auf: die in Rede stehenden Stellen sind fremd, eingeschoben und erst später fälschlich, hinzugefügt worden. Doch diesem Verfahren werden wir bei anderer Gelegenheit Gerechtigkeit widerfahren lasten. Hier handelt es sich nur darum, die Aechtheit des 5. Buches Mosis nachzuweisen, da dieses, also auch die in demselben enthaltenen Stellen über die Unsterblichkeit der Seele in jüngster Zeit nicht als von Moses auf Befehl Gottes niedergeschrieben gehalten, sondern in eine spätere Zeit verlegt wird, wo die griechische Philosophie mit ihren Lehren bei den Israeliten schon Eingang gesunden hatte. Geben wir diese Behauptung, obwohl sie jedwenden Grundes entbehrt, einen Augenblick zu. Was für eine Beweiskraft soll sie hier haben, daß das Dogma der Unsterblichkeit der Seele bei den alten Hebräern nicht bekannt war? Auch ohne diese Stellen im 5. B. M. haben wir in Ermangelung der Argumentation durch Stellen eine bessere und kräftiger wirkende in dem, was aus der That erhellt. In dem 1. B. M. sagt Gott zu Abraham: „Nimm doch deinen einzigen Sohn, den du liebst, den Jizchak, und bringe ihn Mir zum Opfer auf einem der Berge, den Ich dir zeigen werde!" Und Abraham, dieser gefühlvolle, edle, liebreiche Mann, dessen Herz bei den Leiden Anderer in die größte Bewegung gerätst, bieser Mann nimmt seinen einzigen Sohn, den Gegenstand seiner innigsten Liebe, den mit so vielen Bitten und Thränen vom Herrn erflehten und so lange erhofften Nachkommen, bindet seine zarten Glieder, nimmt mit festem Vorsatz das Schlachtmesser in die sich sträubende Rechte, umden Befehl Gottes zu vollziehen und das Ganzopfer darzubringen, und das nicht in einem Augenblick der Ueberraschung und! Verzückung, sondern nach dreien langen Tagen voll Angst und Verzweiflung; -und obwohl er weiß, daß > der Arm, der die Tage des einzigen theueren Soh-! nes abschneidet, auch das Herz einer innig geliebten j Gattin brechen wird, die unter Thränen von ihm! das Blut ihres Sohnes, der Freude ihres Alters, I fordern wird — hat er doch kein Wort zum Gebete,! um die Angst wegen des Todes und der sichtbaren ' Vernichtung des Sohnes abzuwenden, er widerspricht! mit keinem Laute diesem Befehl, in keiner Falte! seines Herzens schläft Widerspruch gegen den Herrn und er wendet sich nicht an diesen mit! den Worten: „Nein, ich bin nicht so feig, daß ich ' mich solcheinem Befehl unterwerfe. Ueberhäufe mich mit ' Deiner Ungnade, erschöpfe all Deinen Zorn, und , wenn Dein Blitzstrahl mich nicht zerschmettert, soni dern Du mich zu langen Leiden aufbewahren willst,! so wird dieser Arm, der die Brust meines theuren - Sohnes durchbohren sollte, mich befreien von deinen; Qualen und Deiner Macht!" — — Er weiß ja, daß er den Sohn im Jenseits treffen wird und daß! es unmöglich ist, sich lebend oder todt der Macht des! Herrn zn entziehen. —! Die nämliche Beobachtung bietet sich uns bei der Gottergebenheit des Stammes Levi dar. Israel hat gesündigt; es hat Gott verlassen und sich das goldene Kalb gemacht. Da erbarmt sich der Lernte nicht seines Verwandten, nicht des Mannes, dessen