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Der Israelit · 1865-03-08 · Heft 10 (8.3.1865) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
6 (1865)
Issue
Heft 10 (8.3.1865)
Date
1865-03-08
Page
– (sequence 2)
Language
German
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128 bilde Nebukadnezar's gebückt, weil sie an Ahasver's Tafel gespeist hatten". Nicht der scheinbar zufällige Umstand, daß Mardechai dem Haman die befohlene Verehrung verweigerte, führte das Unglück herbei; die Ursache lag tiefer; sie lag in den Israeliten jener Zeit selbst; sie lag darin, daß man die Gebote Gottes verletzt hatte; das Unglück mußte kommen, weil es verschuldet war; ohne den erwähnten Anlaß hätte irgend ein anderer Anlaß es herbergeführt. O, Ihr theuren Brüder und Schwestern in Israel, es ist ein großes, es ist ein furchtbares Wort, das wir eben niedergeschrieben haben : „das Unglück naht, sobald es verschuldet ist". — Ruhig und sicher wohnten unsere Voreltern im persischen Reiche; hochangesehen waren sie, wohlhabend, gleichgestellt den übrigen Völkern der Weltmonarchie, sie alle an Intelligenz und Einfluß überragend. Da zieht Ahasver seinen Siegelring und reicht ihn dem Haman — und das Unglück, das entsetzliche Unglück ist da. Im Südwesten Europa's liegt ein wundervolles, fruchtbares, köstliches, reiches Land: auf der pyrenäischen Halbinsel waren die Söhne unseres Volkes schon einheimisch, ehe die Väter der jetzigen Bewohner derselben dort Besitz ergriffen. Die Juden waren hochgeachtet im Lande; sie glänzten durch Cultur und Wissenschaft, thaten sich hervor in den Künsten; Viele von ihnen' waren sehr reich, zählten zu den adeligen Geschlechtern des Landes, saßen im Rathe der Könige. Während Don Jizchak Abarbanel Minister König Ferdinands ist, tritt Cardinal Limenes mit dem Bilde dessen, von dem man erzählt, daß ihn die Juden gekreuzigt hätten, vor das spanische Herrscherpaar — und unsägliches Elend: Verbannung, Feuertod, Wassertod, Krankheit, Armuth, Hunger wird das Geschick der Söhne Jakobs. Wodurch hatten die Juden Spaniens dieses Unglück verschuldet? Dadurch, daß sie vergessen hatten ihren Gott, daß sie vertrauten auf irdische Macht und irdischen Reichthum und den Geboten Gottes vielfach den Rücken zugewandt hatten. — Unsere Zeit ist eine Zeit des allgemeinen Fortschritts. „Bildung macht srei," ist der Wahlspruch des Jahrhunderts. Unsere Civilisation ist eine allgemeine und wird eine stets allgemeinere. An der Spitze der Civilisation steht Frankreich, das sich sogar eine civilisatorische Aufgabe vindicirt. Unsere Glaubens¬ und Stammesgenossen haben es gut dort. Die großen Ideen von 89 sind dort in Fleisch und Blut übergegangen. Unsere Brüder sitzen im Rathe des Herrschers, haben gewichtige Stellen in der Armee, in der Marine, in der Verwaltung, in der Justiz, im Baufach; sie sitzen im Parlament, sie lehren an der Universität und herrschen an der Börse. Auf dem Throne Frankreichs sitzt ein erleuchteter Monarch: ein weiser Regent und Gesetzgeber, ein Kriegsheld, ein genialer Erfinder, endlich ein Gelehrter, ein philosophischer Geschichtsforscher und Geschichtsschreiber. In diesen Tagen soll sein bedeutendstes Werk die Presse verlassen; die ganze Welt sieht demselben mit Spannung entgegen; die Pariser Zeitungen veröffentlichen die Vorrede, und der electrische Funke trägt sie sofort nach allen civilisirten Ländern der Erde; doch die erste Mittheilung, die wir erhalten, ist nur dazu angethan, uns höchst schmerzlich zu berühren. Die Vorrede des kaiserlichen Geschichtswerkes erwähnt der Juden in höchst betrübender Weise. Freilich nicht der Juden der Gegenwart, auch nicht der der Vergangenheit; denn die ganze dort erwähnte Thatsache ist, insoweit sie sich auf die Juden bezieht, eine solche, deren historische Wahrheit wir bestreiten. — Es ist Mitternacht, während wir dieses schreiben. Trübe Bilder steigen vor unserm geistigen Auge auf. Hier in Mainz — wie oft hat das unschuldige Blut unserer Väter die Straßen dieser Stadt geröthet! Hört Ihr den dumpfen Lärm, das Getöse wirrer Stimmen? Seht, da fliegen klirrend die Steine durch die Fenster der von den Juden bewohnten Häuser! Wilde Volkshaufen strömen herbei; drinnen zittern von des Todes Schrecken bleiche Männer, jammern die Weiber, wimmern die Kinder; schon dröhnen Abschläge gegen die Thür, und die Mörder dringen herein mit dem Schreckensrufe: „Tödtet sie, die den Messias gekreuzigt haben!" — Noch vor wenigen Tagen hat Kaiser Napoleon II!. bei Eröffnung des Parlaments den Satz ausgesprochen: „Alle Culte genießen eine gleiche Freiheit". Dieses kaiserliche Wort ist in seinem vollen Umfange wahr; warum aber sollen kaum erstorbene Leidenschaften auf's Neue aufgeregt werden? Man wird sagen, der in Rede stehende Passus aus der Vorrede zum Leben Caesar's sei nur eine Redefigur, nur ein Vergleich, der an eine Vorstellung anknüpft, die im Volke gang und gäbe ist — wohl wahr, allein es kann doch auch anders aufgefaßt werden, und schon das ist deßhalb sehr schlimm, weil der Schriftsteller, welcher es sagt, ein Kaiser ist, der an der Spitze Frankreichs, ja, in gewissem Sinne an der Spitze Europa's steht, und wenn in Frankreich die Bildung auch soweit vorgeschritten sein sollte, daß sich keine Befürchtungen daran knüpfen — welchen Wiederhall wird diese Redefigur, dieser Vergleich z. B. in den Donaufürstenthümern wecken? Wir wissen es: Intentionen gegen unser Volk liegen Napoleon 111. durchaus fern. Allein gerade deßhalb hätten wir gewünscht, daß eine Redeform weggeblieben wäre, die doch wenigstens mißdeutet werden kann. Wir aber wollen uns über das schmerzliche Gefühl durch den Gedanken an das bevorstehende Fest hinwegheben. „Es schläft und schlummert nicht der Hüter Israels," das ist die Devise dieses Festes vrrirr Aber

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