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Der Israelit · 1865-03-01 · Heft 9 (1.3.1865) · page 8

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Journal
Der Israelit
Volume
6 (1865)
Issue
Heft 9 (1.3.1865)
Date
1865-03-01
Page
– (sequence 8)
Language
German
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120 versuchte. Die arme Frau kämpfte mit der bittersten Noth, und erwartete mit banger Sehnsucht stündlich die Ankunft eines Briefes von ihm, welche dann auch erfolgte. In diesem schrieb er ihr, daß er ziemliches Glück gehabt, daß er vor allen Dingen für sie gesorgt habe, indem er ihr die Kosten für die Ueberfahrt auf einem Schraubendampfer übersende, und daß sie alsbald England verlosten solle. Aber ach! er hatte falsch gerechnet; nicht genug, daß er unterlassen hatte ihr auch das zu. schicken, was sie zur Deckung einiger kleiner Schulden in England noch nöthig hatte — und diese konnte sie nicht eher tilgen, bis sie sich fast aller Kleider, die sie und ihre Kinder besaßen, entaußert hatte — auch die Differenz der Wechsel zwischen England und Amerika verkleinerte die Summe, die sie zu erhalten hatte, fast um dieHälfte und sie war genöthigt, ihre Reise in einem überfüllten Segelschiff anzutreten. Um das Traurige ihrer Lage noch^ zu Vergrößern, mußte sie nach dem natürlichen Laufe der Dinge, noch ehe das schwerfällige Fahrzeug den Ortseiner Bestimmung erreichen würde, Mutter werden. Es wurde ihr gerathen, vorderhand noch in England zu bleiben und in der Zwischenzeit ihrem Manne um mehr Geld zu schreiben; aber nein; sie hatte seine Einladung erhalten und war fest entschlossen, derselben Folge zu leisten; ohne irgend welche Vorkehr für das erwartete Kind, und mit nicht mehr Kleidern versehen, als sie und ihre Kinder an sich trugen, war sie schon im Begriff, an Bord zu gehen, — als einige mitleidige Israeliten, die von ihrer Lage hörten, eine Sammlung zu ihren Gunsten veranstalteten, deren Resultat eine bequeme lleberfahrt für sie und ihre Kinder ermöglichte. Welches ihr Schicksal gewesen, wenn sie in dem Zustande abgereist wäre, wie sie beabsichtigt hatte, ist nicht schwer vorauszusehen. Ebenso muß ich erwähnen, daß die Geldsummen, welche von Israeliten, die ansgewandert und in ihrer neuen Heimath glücklich gewesen sind, ihren verschiedenen Verwandten täglich geschickt werden, theils um sie zu unter stützen, theils um ebenfalls die Auswanderungskosten für sie bestreiten zu können, verhältnißmäßig bedeutender sind, als die der in Amerika lebenden Irländer, obgleich Letzteren und zwar mit Recht, uachgerühmt wird, daß sie ihre Angehörigen in der Heimath eifrig unterstützen. —Sehr gerne möchte ich im Stande sein, von der Dankbarkeit derjenigen Juden, die mit den nöthigen Reisebedürfnissen und mit baarem Gelde behufs ihrer Versorgung von den verschiedenen mildthätigen Vereinen in London unterstützt worden sind, zu berichten; aber unglücklicherweise scheinen sie ebenso gleichgiltig gegen diese Wohlthaten zu sein, wie die armen christl. Auswanderer, und betrachten die Unterstützung, die sie erhalten haben, wie eine Gabe, die keines Dankes bedarf. Einen mildernden Umstand, der das Elend der armen Londoner Israeliten in einem bessern Lichte erscheinen läßt, ist der fortwährende Einfluß der Femden. In Holland, Deutschland (?) und Polen haben nämlich die jüdischen Gemeinden die Gewohnheit, sich die allgemein bekannte Mohlthätigkeit der wohlhabenden Mitglieder der Londoner Gemeinden zu Nutze zu machen und alle, die ihnen durch ihre große Armuth oder unverbesserliche Neigung zum Umherstreifen zur Last werden, fortzuschicken. Die Folgen davon sind, daß, während die reichen englischen Israeliten bestrebt sind, ihre elenden oder unwissenden Mitbrüder zu besseren Menschen zu machen, der nachtheilige Einfluß dieser Fremden die eifrigsten Bestrebungen zu Schande macht, und zwar häufig in so starkem Grade, daß nur die unerschütterlichste Gewiffenh ftigkeit und Religiosität Ausdauer genug besitzt, ihm i>ie Spitze bieten. So oft sie auch von diesen Einwanderungen und deren beständigen Begleitern, Armuth und Unwissenheit, belästigt werden, so ist das Ueberschreiten ihrer gastsreundschaftlichen Schwelle dennoch niemals ihren armen Religionsgenossen untersagt, und sie beginnen das Werk der Milde immer von Neuem. Es währt nicht lange, so sieht der zufällige Beobachter den allmähligen Hang zum Guten auch da an das Tageslicht treten, wo er früher alle Hoffnung zur Besserung aufgegeben hatte. Wenige werden sich von der Armuth und Verwahrlosung dieser fremden Einwanderer eine richtige Vorstellung machen, noch Wenigere aber von ihrer Anzahl. Die ausländisch! n Eynagogengemeinden schließen oft mit den Echissskapitänen Verträge, worin Letztere sich verbindlich machen, für zwei Schilling per Kopf, diese Armen nach England überzusetzen. Auf drese Weise suchen sich die Israeliten des Continents ihrer , Poltergeister" ans Kosten Anderer zu entledigen. Diese bedauernswürdigen Geschöpfe kommen nun in England in elNrm Zustande der äußersten Noth an. Die reichen englischen Israeliten nehmen sich auf die edelmüthigste Weise dieser Hilflosen an, und beginnen ihr Werk sogleich wieder von Neuem mit der sorgfältigsten Unterstützung dieser Unglücklichen. Nochdem sie dieselben mit den nochwendigsten Bedürfnissen versehen haben, wird denjenigen, die schulpflichtige Kinder haben, jede fernere Unterstützung nur unter der Bedingung in Aussicht gestellt, daß sie dieselben anhatten, irgend eine Schule zu besuchen. Diese Philanthropen sind, und zwar mit Recht, der Ansicht, daß eS ihre erste Aufgabe sei, die Kinder von dem Weg, der ihnen durch ihre Eltern angebahnt ist, fernzuhalten. (Fortsetzung folgt.)_ Hierzu eiue Beilage. Verantwortliche Redaction: vr. Lehman». — Lerlag der Le Rour'schen Hosbuchhandlung. — Dampf - Schnellpressendruck von I. G,tt»lede» in Many.

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