Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1865-02-22 · Heft 8 (22.2.1865) · page 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
6 (1865)
Issue
Heft 8 (22.2.1865)
Date
1865-02-22
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2446951-2447193-2447202--03207-2458593
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

3 entity mentions

98 stark genug wäre, um der Tradition und dem Glauben der Jahrhunderte widersprechen zu Wime«. Hätte Gott wohl eine Lehre besonders anzuempfehlen brauchen, welche allgemein verbreitet in dem Herzen aller Völker wurzelt und welche so innig mit der Wahrheit einer göttlichen Vorsehung verknüpft ist, daß ein Weiser des Alterthums sPlutarch^) mit Recht gesagt hat, es seien das zwei Wahrheiten, von denen man die eine nicht zerstören könne, ohne die andere zu leugnen? Aus welchen! Grunde nun könnte man wohl behaupten, daß diese spiritualiftische Lehre den alten Israeliten unbekannt geblieben wäre, die doch die reinsten und erhabensten Ideen von Gott, von Gerechtigkeit und Sittlichkeit besaßen, während sie nichtsdestoweniger anderen minder hochstehenden Völkern bekannt geworden war? Denn der Glaube an die Unsterblichkeit der Seele ist nicht, wie man hat behaupten wollen, ein Produkt der griechischen Philosophie, sondern es ist das ein Glaube, den fast alle Völker des Alterthums hegten, mochten sie civilisirt sein oder nicht. Schon lange, ehe die griechische Philosophie zu diesem Lehrsatz gelangt war, hatte Homer das Glück der Seligen in den elyseischen Feldern und die Qual der Verdammten im Tartarus besungen. Plato 2), Cicero 3) und Plutarch^) belehren uns, daß die Lehre von der Unsterblichkeit der Seele bis in's höchste Alterthum sich verfteigt. Bollingbroke 5), wiewohl er selbst nicht daran glaubt, sagt, daß sie älter ist, als all unser historisches Wissen. Der Verfasser 6) des „Systems der Natur" sagt, daß nichts verbreiteter sei als die Erwartung eines künftigen Lebens, daß auf diesen Glauben alle politischen und religiösen Verbindungen sich gründen „Man hat," sagt Bayle H, „Symbole und Proben dieser Wahrheit bei den Wilden gefunden, bei denen es kein anderes Zeichen eines öffentlichen Cultus gab." Herodot sagt, daß die Aegypter die ersten gewesen seien, welche die Unsterblichkeit der menschlichen Seele gelehrt hätten; bei ihnen nahm die Unsterblichkeitslehre die Form der Seelen Wanderung an. Herodot fügt hinzu: „Es gibt Griechen, welche sich diese Lehre angeeignet haben, die Einen schon längst, die Andern neuerdings. Ich kenne ihre Namen, aber ich schreibe sie nicht nieder". Er hatte sicherlich Thales, Pherecides und Pythagoras im Auge, von denen die beiden elfteren die Unsterblichkeit der Seele, der letztere sogar die Seelenwanderung glaubte, o) 1) 7r(>6s II. B. 2) Briefe. 3) rusoul. I. B. 4) Fragrn. über die Unsterblichkeit der Seele. 5) Bd. I. Cap. 15, p. 260. 6) Nachgelassene Werke, Bd. V. p. 257. 7) Oontin. äks pkllsövg üiverses H. 14. v) Euterpe Cap. 123. d) viearov. luseul. I. B. Herodot berichtet w) auch, daß die Thracier sich für unsterblich hielten. Der Verfasser des Lebens des Pythagoras^) Versichert dasselbe von den Thraciern. BalMms Maximus und Julius Cäsar^) erzählen uns dasselbe von den Galliern. Ihr Zeugniß wird durch das Strabos bestätigt. Dieser letztere erzählt von den Indiern daß sie die Dauer des irdischen Lebens als ein Embryoneuthum betrachten und den Tod als die wahrhafte Geburt, weil mit ihm erst das glückliche Leben für die Tugendhaften beginne. Ist es deßhalb nicht thöricht, der am meisten spiritualistischm Religion, dein Judenthum, das einzige spiritualiftische Dogma zu bestreiten, welches doch von allen andern Völkern einmüthig anerkannt wird? Aber in der That schweigen die alten jüdischen Bücher durchaus nicht über die Unsterblichkeit der Seele. Die Spuren dieser Lehre sind nicht so selten und nicht so schwer zu finden. Oder ist man etwa berechtigt, anzunehmen, daß, weil dieses Dogma nicht ausdrücklich verkündet wird, es den Hebräern unbekannt war? Auch die Unkörperlichkeit Gottes ist nicht ausdrücklich in der Bibel ausgesprochen. Wäre man nun zu behaupten berechtigt, daß die Israeliten an einen körperlichen Gott geglaubt hätten? Noch mehr, das Dogma von einer göttlichen Vorsehung ist nicht ausdrücklich in der Bibel empfohlen; die Bibel bietet uns nicht einmal einen Ausdruck dar, um sie zu bezeichnen; kann man nun sagen, sie existrre unter den alten Juden nicht? Wer möchte wohl solch' eine absurde Behauptung aufstellen? Der Gedanke an einen Gott, welcher Alles weiß, Alles lenkt, welcher der höchste Richter unserer Handlungen, der unabhängige Herr unserer Geschicke ist, geht mit solcher Klarheit aus jedem Blatte, aus jeder Zeile der h. Schrift hervor, daß den Glauben an die göttliche Vorsehung den Hebräern absprechen zu wollen einer Leugnung der Existenz ihrer Geschichte und ihres Glaubens gleichkäme. Und ist es mit der Lehre von der Unsterblichkeit der Seele wohl anders? Lasten wir all' die Aussprüche des Pentateuch, welche diese Wahrheit verkünden, denen man aber Gewalt anthut, um sie etwas Anderes sagen zu lassen, bei Seite; lasten wir bei Seite diejenigen Stellen, welche bloß darauf hindeuten; halten wir uns auch nicht an Hiob, dem Psalmisten, den Propheten u. s. w., welche klar, deutlich und unwiderlegbar davon sprechen: nehmen wir nur den Pentateuch zur Hand, um ihn mit ein wenig Aufmerksamkeit zu lesen, und sehen wir zu, ob diese Wahr heit nicht aus jeder Seite hervorstrahlt, ob sie ihn 10) Melpomene, 93, 95. ist Joseph, »äv. II. Valer. Max. B. I. Cap. 6. 1?) Buch U. Cap. 10. 13) Ü6 bell. Sali. lid. 6. 1ä) äe Nb. 6. iS) Itüä. 15. Buch.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.