Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 6 (1865)
- Issue
- Heft 7 (15.2.1865)
- Date
- 1865-02-15
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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89 Doch möge man uns verzeihen, wenn .vir es als einen Mangel an GottverLrauen bezeichnen, wenn man bei so heiligen Interessen, wie uns die Neubildung der Gemeinde doch sein muß, Gefahren fürchtet, weil dem Kalkül des berechnenden Kaufmanns die Erhaltung der jüdischen ripiL bedenklich erscheint. Noch nie wohl hat jüdisches Wohlthun es geschehen lassen, daß ein Armer in Israel verkommen, und wenn eine Stadt darin Großes leisten kann und leistet, so ist es Hamburg. Wie viele Vereine existiren, die mit dem Gemeindeverbande in keiner weiteren Beziehung stehen! Dieser private Theil der Hamburger Zedakah ist bewunderungswürdig wegen seiner Vielseitigkeit und Jntensivität zugleich. In gerechter Würdigung des Einganspunktes der Comprsmißpartei hat diese unter anderen einen sehr tüchtigen Kenner des Armenwesens, Herrn Philipp Simon, mit ausgenommen. Derselbe hat eine Broschüre über das jüdische Armenwesen verfaßt, in der er nachweist, wie erstens das Verhältniß der jüdischen Armen zur Gemeinde ein ganz anderes sei als das anderer Glaubensgenoffen. Das der jüdischen sei ein Familienverhältniß, während das der übrigen ein polizeiliches ist. Er zeigt ferner, wie sich trotz der Vergrößerung der Gemeinde die Anzahl der Armen stets verringert hat, wie von diesen die größte Zahl aus Alterschwachen bestehe oder aus Wittwen, und mit G. H. Aussicht aus eine glänzende Zukunft vorhanden sei. Der Mai'schen Broschüre geschah schon früher in Ihrem gesch. Blatte Erwähnung; wie weit die Compromißpartei sich dieser, die den Cultus von der übrigen Verwaltung ganz getrennt wissen will, nähert, darüber haben wir noch keine klare Anschauung erlangen können. Lasten Sie mich mit dem Wunsche schließen, Gott stehe uns bei unseren Entschlüssen und deren Ausführung bei, daß Halbheit nicht zu Niederlagen führt, sondern jedenfalls, welches der Programme auch durchgehen mag, die Frommen streng auf ihrer Hut seien! — I. Preußen. Berlin. Selten wohl hat ein Mensch wechselvollere Schicksale gehabt, als der kürzlich verstorbene L. I. Levinstein. Vom höchsten Wohlstände in tiefste Entbehrung gesunken, dann wieder emporgestiegen zu Neichthum und Ansehen, ein Günstling des Glücks und der Gunst der Mächtigen, mit seinen hohen Gönnern zugleich gestürzt und dennoch wieder von den neuen Günstlingen der Macht gesucht und gehoben, hat Levinstein bis zu den letzten Lagen seines Lebens eine zwar geräuschlose, aber rege Thätigkeit entfaltet L. I. Lev instein ist geboren zu Märkisch- Friedland 1804 und kam vor etwa dreißig Jahren nach Berlin, wo er eine großartige Kattunfabrik (wenn wir nicht irren, unter der Firma Pardow und Philipp) begründete und durch seine eminente Begabung die Aufmerksamkeit des Ministers Maaßen auf sich zog. Die Fabrik reüssirte nicht, ungünstige Conjunkturen und verfehlte Spekulationen brachten sie in Concurs und zwangen Levinstein , sich einen andern Erwerb zu suchen. Er wurde Pächter der Bahnhofs-Restauration zu Kohlfurth, wo er mehrere Jahre hindurch mit leidlichem Erfolge wirtschaftete und sich in den Mußestunden mit handelspolitischer Schriftstellerei befaßte. Eine im Jahre 1847 verfaßte Broschüre, in welcher Levinstein den Ausbruch der März-Revolution fast auf Tag und Stunde provhezeit hatte, lenkte im Jahre 1849 die Aufmerksamkeit des Herrn v. Manteufel auf den Halbvergeffenen. Levinstein zog wieder nach Berlin und stieg von Tag zu Tag in der Gunst des preußischen Premiers, der seinen Rath hörte und ihn mit verschiedenen, geheimen Missionen betraute. Levinstsm's Haus wurde bald der Sammelplatz von Diplomaten, Bankiers, Zeitungs-Korrespondenten und Bittstellern aller Art. Wohlthäthig, gefällig und uneigennützig, bot er Jedem, der an höherer Stelle ein Anliegen anzubringen hatte, gern die Hand. Die eigentümliche Stellung, deren er sich erfreute, führte ihm einträgliche Geschäfte zu: er wurde Agent fürstlicher Persönlichkeiten, für welche er großartige Güterkäufe, und Agent der Gebrüder Rothschild, deren finanzielle Operationen er vermittelte. (Er war es, der unter Anderm für den Vater des Augusteuburgers den Ankauf der mit dänischem Gelbe bezahlten Herrschaft Primkenau vermittelte) Mit der Macht des Ministeriums wuchs auch sein Ansehen und sein Vermögen. Er wurde Besitzer mehrer Häuser, kaufte das Terrain der Aktienbrauerei auf Tivoli und — erst im vorigen Jahre — die große Caserne in der Kommandantenstraße. Ueber die Rolle, die er als politischer Agent gespielt, wissen wir nichts Genaueres, doch steht fest, da^ man ihn zu solchen diplomatischen Sendungen, zu denen man einer nicht offiziellen Persönlichkeit bedurfte, benutzte. Zweimal wurde er in längerer Audienz vom Kaiser der Franzosen und zu wiederhrllten Malen von verschiedenen deutschen Höfen empfangen. Die ihm von Oesterreich angebotene freiherrliche Würde schlug er aus, wie alle Titel und Orden, die ihm von anderer Seite angelragen wurden. Er hielt es für ein Gebot der Klugheit, den Charakter einer Privatperson zu wahren und Alles abzulehnen, wodurch er die öffentliche Aufmerksamkeit auf sich gelenkt hätte. Die „neue Aera" setzte seiner politischen Thätiglkeit nur auf kurze Zeit ein Ziel; auch der Fürst von Hohenzollern beehrte ihn mit seinem Vertrauen,