Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 6 (1865)
- Issue
- Heft 6 (8.2.1865)
- Date
- 1865-02-08
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Feuilleton. Dir Londoner Juden. Aus dem Englischen übersetzt und bearbeitet von Hirsch Grünebaum. Unter diesem Titel enthält eine engl. Monatsschrift „Good Words" einen Artikel, verfaßt von einem gewissen vr. Gilbert, der den geschätzten Lesern des „Israelit" manches Interessante bieten dürste, indem er eine allgemeine Anschauung sowohl von de« religiösen als auch von den socialen Verhältnissen unserer Glaubensbrüder in Großbritanien ermöglicht. Ich erlaube mir daher, aus dieser umfangreichen Schrift einige Auszüge zu geben. — Die israelitischen Bewahr er Londons übertreffen, nach der Meinung des Herrn vr. G., ihre Glaubensbrüder im Osten hinsichtlich ihrer allgemeinen Bildung uud ihrer Erziehung ungemein. Das „I. Chronicle", welches diesen Artikel ganz wiedergibt, sieht sich jedoch im Interesse der Wahrheit veranlaßt, diese Angabe zu berichtigen. Die Neoaktion des genannten Blattes ist der Ansicht, daß man den Grad der Intelligenz der engl. Israeliten nicht mit der Bildungsstufe einer Bevölkerung vergleichen dürfe, die kaum angefangen habe, die Vortheile des geistigen Fortschritts zu genießen. Der Autor dieses Artikels bestreitet nämlich Disraeli's Behauptung, daß die wissenschaftliche Ueberlegenheit der jüdischen Studenten im Vergleiche mit ihren christlichen Collegen, dem der jüdischen Nation angeborenen Talente zuzuschreiben sei, indem er diese Wahrnehmung durch die unermüdlichen Studien der ersteren zu erklären sucht. Den Umstand, daß an der Londoner Universität vier jüdische Professoren wirken, und daß die Hörsäle dieses Instituts von einer verhältnißmäßig weit größeren Anzahl jüd.Stud«nten als solcher von anderen Consessionen besucht sind, schreibt H.vr. G. den besseren Vermögensverhältniffen der Israeliten zu, die ihnen das SLudiren eher ermöglichen. H. Or. G. weift auf den niederen Bildungsgrad der Juden in der Türkei und in Palästina hin, um seine Behauptung zu begründen. Hören wir das „Jew. Ehr." selbst darüber: „Wir behaupten entschieden, daß die Palme der wahren Intelligenz und der besseren Erziehung den Juden des Continents zuerkannt werden muß, besonders denjenigen Deutschlands. Jedoch haben wir diesen Einwurf nur in Bezug auf die deutschen Juden zu machen. Statistische Nebeneinanderstellungen haben zur Genüge bewiesen, daß eine weit größere Anzahl jüdischer als christlicher Kinder Schulen besuchen, und in den höheren Anstalten, in den Akademien und Universitäten hat sich dasselbe Phänomen bemerkbar gemacht, nur in noch weit auffallenderer Weise. Mir haben in England ohne Zweifel viele gut erzogene Damen und Herren. Manche können sich sogar einer wissenschaftlichen Bildung rühmen; nichtsdestoweniger erklären wir unumwunden, daß dieselben in ihrem Kenntnißreichthum als auch an Gründlichkeit von Vielen aus dem Mittelstände der deutschen Israeliten übertroffen werden. Es ist hier nicht der Ort, die Ursache dieser Erscheinung auseinanderzu setzen. Genügend ist, den Umstand darzuthun, daß unter den englischen Juden weniger Wißbegierde und weniger Achtung vor einem höheren Talente als unter den deutschen herrscht. Wenn wir uns unsere Religionsgenoffen von Bedeutung, deren sich Deutschland rühmen kann, vorführen wollten, so würde uns die Auswahl der Namen in Verlegenheit setzen. — Wir wollen nicht von den Mathematikern sprechen, denn in dieser Branche der Wissenschaft hat Israel zu jeder Zeit und in jedem Lande bedeutende Männer hervorgebracht. Wenden wir uns vielmehr zu den Naturwissenschaften. Hat England einen Botaniker auszuweisen, der sich mit Pfringsheim, früher zu Berlin, jetzt an der Universität zu Jena — messen könnte: oder einen Naturforscher wie Traube in Berlin, oder einen Physiologen wie Valentin und Lazarus in Bern? Ist in England ein Parlamentsmitglied, das dem großen Redner vr. Jacobi in Königsberg zur Seite gestellt werden kann? Der vorzüglichste Novellist Deutschlands ist der Jude Berthold Auerbach. Der dramatische Dichter Mosenthal nimmt einen bedeutenden Rang ein. Die Gedichte des Juden Beck haben in Deutschland Anklang gefunden. Wir könnten ganze Seiten mit dem Auszählen hervorragender Gelehrten der jüdischen Konfession anfüllen, die in den letzten dreißig Jahren in Deutschland geblüht haben. Wir glauben jedoch für den Beweis unserer Behauptung genug angeführt zu haben " Wir kommen jetzt zu dem letzten Punkte, in Bezug auf den wir eine Bemerkung zu machen haben. Herr Or. G. behauptet nämlicb, daß der Grund, warum der Handel mit alten Kleidern und Orangen von den Händen der englischen Juden in die der Irländer üöergegangen, in dem Mangel an der nothwendigen Befähigung dazu zu suchen sei, worin wir jedoch nicht mit ihm übereinstimmen. Wir glauben vielmehr, dieses seien die wohlthätigen Folgen der unaufhörlichen Bemühungen um die Verbesserung des Unterrichtswesens, welche die jüdischen Gemeinden zu London schon seit einer Reihe von Jahren gemacht haben. Die wohlthätige und denkende Klaffe der jüdischen Bevölkerung hat sich längst von der Unzulänglichkeit dieses Straßenhandels überzeugt und hat