Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 6 (1865)
- Issue
- Heft 6 (8.2.1865)
- Date
- 1865-02-08
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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76 Griechenland. Corfu. In früherer Zeit waren die hiesigen Israeliten den christlichen Bewohnern der Insel im Bezug auf Pflichten und Rechte vollkommen gleichgestellt. Nach dem Tode Carlo's III. kam Corfu unter die Herrschaft der Republik Venedig. Die Behörde, welche damals an der Spitze der Regierung stand, zählte 6 Personen, unter denen der vornehmste ein Jude, Namens David Desimo, war. Am Ende des 15. Jahrhunderts fanden viele jüdische Familien hier eine Zufluchtsstätte; durch sie wurde der Handel der Insel sehr gehoben; die meisten Aerzte waren Juden. Die Israeliten waren treue Anhänger der Regierung und zeigten sich stets als aufopferungsfähige Patrioten, indem sie mit Hingabe ihres Lebens und ihres Vermögens vielemale die Stadt vor dem Feinde schützten. In späterer Zeit übte, wie überall, so auch hier, die Intoleranz ihren bösen Einfluß aus. Verfolgungen, Bedrückungen, Ausnahmsgesetze erwirkten bald, daß die Juden verarmten und von ihren Mitbürgern gehaßt und verachtet wurden. Das währte so lange, bis am Ende des 18. Jahrhunderts die Insel an Frankreich kam, welches allen Bewohnern derselben die volle Freiheit brachte. Da erholten sich die Israeliten bald, und einige von ihnen nahmen hervorragende Stellungen ein. Als im Jahre 1815 die jonischen Inseln zu einer Republik vereinigt wurden, verloren die Juden die ihnen von den Franzosen ertheilte Gleichstellung, was um so schmerzlicher war, da sie jetzt das herrliche Gut der Freiheit gekostet hatten. England, unterdessen Protectorate die jonischen Inseln standen, schützte uns zwar vor jeglicher Unbill; nichtsdestoweniger war die Ausnahmsstellung eine drückende. Neuerdings, da wir mit Griechenland vereint worden sind, erfreuen wir uns wieder der der Verfassung dieses Landes entsprechenden Gleichstellung. So viel von unsern politischen Zuständen. In religiöser Beziehung wurde früher die Stadt Corfu „klein Jerusalem" genannt, weil das Thorastudium mit außerordentlichem Fleiße gepflegt und die Gottesgesetze mit großer Sorgfalt beobachtet wurden. Leider heben sich diese Zustände im Laufe der Zeit bedeutend verändert; die Trägheit, die Unwissenheit und die Thorheit haben hier ihren Sitz aufgefchlagen, so daß es bald nicht mehr möglich war, einen Einheimischen mit dem Rabbineramte zu betrauen. Der erste, im Jahre 1820 hierher berufene Rabbiner war Rabbi Scheintod Amarilio ^>"i; im Jahre 1831 trat an seine Stelle mein hochverehrter Lehrer, Rabbi Jehuda Bibas 8"'. Derselbe war vom heiligsten Eifer beseelt, die Kenntniß der Thora zu verbreiten, Lehrer für die Jugend anzustellen und die v'vnm zu beaufsichtigen. Da, als er hierherkam, kein Sopher in Corfu existirte, so lehrte er seine Schüler die Bereitung des Pergaments und die zum Schreiben von nwwi riniri 'iro nothwendigen Fertigkeiten und Kenntnisse. Viele seiner Schüler aßen an seinem Tische und schliefen in seinem Hause; auch schenkte er ihnen die werthvollsten Werke: vor Allem aber war er ihnen ein Musterbild in Frömmigkeit und Gottesfurcht. Durch den Erfolg seiner Wirksamkeit ward die Thorakenntnik wieder heimisch auf Corfu. Im Jahre 1854 zog er nach dem heiligen Lande, woselbst er auch starb. In seinen Fußtapfen wandelte sein Nachfolger Rabbi Moses Israel Chasan 8":; auch er bemühte sich sehr um den Unterricht der Jugend und traf manche Einrichtungen, die ihm ein segenvolles Andenken in unserer Mitte begründet haben. Seitdem er uns vor 8 Jahren verlassen, gleichen wir den Schafen, die des Hirten entbehren. Neuerdings jedoch ist Herr Rabbiner Jizchak Aschkenasi aus Ancona vom Vorstande unserer Gemeinde hierherberufen, und werden wir hoffentlich bald das Glück haben, ihn hier bei uns zu begrüßen! In Corfu wohnen ungefähr 500 jüdische Seelen Wie überall in Israel herrscht hier ein reger Wohlthätigkeitssinn, der sich stets aufs Glänzendste bethätigt. Außer dem Almosenverein für einheimische Arme besteht hier ein auf Gegenseitigkeit gegründeter Krankenverein, ein Verein zur Unterstützung armer Wöchnerinnen, der zugleich für einen Sandek sorgt. Eine sehr hübsche Einrichtung besteht in dem Verein Gemilut-Chaßadim: ein Mitglied des Vorstandes desselben heißt sv-tt, Vertrauensmann; an ihn wenden sich die verschämten Armen, und er hilft der Noth ab, ohne daß ein anderer Mensch davon erfährt. Vor einiger Zeit sind hier 4000 Thlr. zu dem Zwecke gesammelt worden, um den Friedhof mit einer Mauer zu versehen, und 2000 Thlr. zum Zwecke der Ausbesserung der größten der vier Synagogen. — Seit vielen Jahren gibt die Regierung jährlich 150 L. St. zur Erhaltung der israelitischen Armenschule. Dieselbe wird von 200 jüdischen Knaben besucht, die hier außer dem Hebräischen, Italienisch und Griechisch (ehemals auch Englisch) lernen. — Unsere Gemeinde hier kann sich rühmen, daß ihre Mitglieder sämmtlich dem echten, unverkürzten und unverfälschten Judenthum angehören. Möge die Lehre Gottes niemals aus unserem Munde weichen, und möge die Ehrfurcht vor Ihm auf unserem Antlitze walten in Ewigkeit! Corfu, den 27. Kißlev 5625. Maimon ben Jizchak Ventura, Lehrer an der Talmud-Thora-Schule zu Corfu. (Hamagid.) Hier;« eine Beilage. Verantwortliche Redaction : vr. Lehmann. — Verlag der Le R ou x'schen Hofbuchhandlung. — Dampf - Schnellprefsendruck von I. Gottsleben in Mainz.