Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 6 (1865)
- Issue
- Heft 6 (8.2.1865)
- Date
- 1865-02-08
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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70 dieselben natürlich auch kein Urtheil; wir fühlen uns aber gedrungen, den Vorwurf von uns abzuweisen, daß wir nur das Wort der Vertheidigung im Bezug auf die äußere Stellung der Juden ergriffen und die ungleich wichtigeren und gefährlicheren Angriffe auf unsere heilige Religion unbeachtet ließen. Es ist sonderbar, daß das „M. I." bei dieser Gelegenheit den „Israelit" ignorirt, während es doch bei einer andern Gelegenheit auf Ausdrücke, wie ^klerikal rc.", welche aus andern Zeitungen in diese Blätter übergegangen waren (s. Nr. 52 d. 3 Jahrg.), aufmerksam machte und so die Existenz dieser unserer Zeitschrift gar wohl beachtete. Man sollte doch mit Recht und Fug vermuthen dürfen, daß Demjenigen, welcher solch geringfügige Dinge aus den Spalten unserer Zeitschrift herauszufinden weiß, die Tendenz derselben nicht ganz und gar fremd geblieben sei. Ansichten, wie die nach dem Referate des „Mainzer Abendblattes" von Herrn vr. Eckardt geäußerten, zu bekämpfen und zu widerlegen, ist die erste und vorzüglichste Aufgabe unserer Zeitschrift. Solche verwerfliche Ansichten finden sich auch leider vielfach in jüdischen Kreisen, und die jüdische sogenannte Reform wirft uns bei jeder Gelegenheit vor, daß wir auf dem Standpunkte der unbedingten Stabilität ständen, während sie selbst das Judenthum als ein von Anbeginn an sich ständig entwickelndes betrachte und demgemäß denke, glaube und handle. Wir haben diese doppelt falsche Ansicht erst neuerdings (in Nr. 3 d. I.), wie wir hoffen, erfolgreich bekämpft und es sind uns dafür von bedeutenden Männern aus der Nähe und der Ferne ehrende und zustimmende Schreiben zugekommen. Die Personen sind in diesem Kampfe gleichgiltig, es handelt sich hierbei um die heiligste und wichtigste Sache, aber auch lediglich um die Sache. Mag der Apostel jener Entwickelungstheorie Eckardt oder Philipp son heißen, — die Art und Weise der Behandlung und Entgegnung bleibt dieselbe; es ist daher wohl unnöthig, daß wir direct gegen die Vorlesung des Herm Or. Eckardt polemisiren. Die israelitischen Zuhörer desselben können sich fast aus jeder Nummer des „Israelit" eines Bessern belehren. Daß wir es in dieser Beziehung an Nichts fehlen lassen, gestehen selbst unsere Gegner zu; so nannte uns kürzlich ein jüdisches Reformblatt (die Wiener „Neuzeit") den Veuillot der Israeliten und glaubte uns nicht wenig dadurch zu beschimpfen. Das Einstehen und Auftreten für die heiligsten Wahrheiten des Judenthums schließt jedoch das Einstehen und Auftreten für die äußere Stellung der Juden nicht aus. Und wenn wir wollen und verlangen, daß unsere heilige Religion von unseren Stammesgenossen geachtet, ihre Lehren beherzigt und ihre Gesetze befolgt werden, so wollen und verlangen wir auch, daß die Rechte unserer Religionsgenoffen von aller Welt anerkannt und geachtet werden. Wir werden das Schwert der Vertheidigung uns nicht entwinden lassen, gelte es nun, gegen die inneren Feinde des Judenthums zu kämpfen oder Angriffe von Außen abzuwehren! — Zeitungsnachrichten und Korrespondenzen. Deutschland. Kassel, im Januar. Die Orgelfrage. I. In den Annalen unserer Geschichte wird unsere denkwürdige Zeit eine der lehrreichsten Partien werden, auf welche eine spätere Zukunft einsi mit Interesse und Erregung zurückblicken wird. Wie unbehaglich auch immer, — großartig in der Erscheinung treten die inneren Kämpfe in der Gemeinde hervor; die Unzufriedenheit mit dem Bestehenden, die Furcht vor dem Bruche mit der Vergangenheit, der Widerstand der, um ein heilig gehaltenes Erbtheil sich Schaarenden, gegenüber den frivolen Angriffen der Unwissenheit und des Leichtsinnes; die Rathlosigkeit der Bessergesimften, wenn zeitgemäße, heilsame (?) Vorschläge zu gemeinheitlichen, rituellen oder gottesdienstlichen Einrichtungen gemacht werden sollen, dieß Alles kennzeichnet unsere Gegenwart, welche dm stillen Frieden entbehrt, den unsere Väter in gebildeten Gemeinden empfanden, und welche das süße Glück nicht kennt, das die Vergangenheit bei Einigkeit in den religiösen Angelegenheiten genoß. Dieser Kampf ist in der israelitischen Gemeinde zu Kassel nun bald zu Ende geführt; es scheint nicht mehr zweifelhaft, welcher Partei der Sieg wird, welcher die Zukunft zufällt. Aber so mannigfaltig sind die Bestrebungen der Menschen, daß dennoch die Ziele auseinanderlaufen, daß noch an keine Einigung zu denken ist, weil es noch immer nicht schlimm genug aussieht. Als in dem alten Rom unter zweihundertjährigen Reibungen die Macht der Patrizier allmählich gebrochen war, bildete sich doch wieder ein Optimatenstand; der Streit war geschlichtet, doch der Kampf hörte darum nicht auf. Und schon haben auch wir unsere Glaubens-Optimaten; und die Kämpfe haben sich auf ein anderes Terrain bereits hinübergespielt. Aber unbewußt den Kämpfenden. Denn wie in der Geschichte der Völker sehen wir auch über der inneren Entwickelung des Judenthums eine weise Vorsehung ruhig walten und die Gestaltungen der Herzen nach vorgezeichnetem Plan sicher lenken. Solche Reflexionen werden u. A. in dem stillen Beobachter der Entwickelung der Orgelfrage in unserer Gemeinde hervorgerufen. Einsender erinnert sich, daß man im Jahre 1835, als man den Riß zu unserer Synagoge entwerfen ließ, schon darauf Bedacht nahm,