Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 6 (1865)
- Issue
- Heft 5 (1.2.1865)
- Date
- 1865-02-01
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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62 und unreeller Erwerb für nahe verwandt, und wenn auch von allen Seilen das Ungerechte und Lieblose dieser Bezeichnung schon längst anerkannt ist, so sitzt doch diese verrottete mit der Muttermilch eingefogene Lüge so lies in der Anschauungs- und Ausdrucksweise selbst liberaler Männer, daß der Abgeordnete Herrlein sich in einer Kammersitzung zur Aeußerung verflieg: Es scheine der Negierung bloß um die Abmessung der paar Groschen zu thun, welche die Juden den armen Leuten noch übrig ließen. Diese — im strikten Sinne genommen — urgemeine Aeußerung, fiel so wenig bei der ganzen liberalen Partei auf, wurde als gewöhnliche Redefloskel betrachtet, daß sich nicht eine Stimme dagegen erhob. Um so größer war die Entrüstung unter der jüdischen Bevölkerung, die durch diese ungerügte Aeußerung aufs Schwärzeste gebrandmarkt wird. Herr Landrabbiner Adler sah sich deßhalb veranlaßt, diese Verdächtigungen in folgender Abfertigung zurückzuweisen. „Der Landtagsabgeordnete Herr Herrlein erdreistete sich in der öffentlichen Sitzung der Kammer der Abgeordneten folgende zweifache unerhörte Beschuldigung auszusprechen: „Es scheine der Regierung um die wenigen Groschen zu thun zu sein, welche die Juden den armen Leuten noch übrig lassen." Die Regierung hat der Herr Landtagskommiffär sehr ernstlich dagegen verwahrt. Daß Jemand auch die Juden gegen die gegen sie gerichtete Beschuldigung verwahrt habe, davon hat nichts verlautet. Ganz natürlich! Sind ja die Juden nicht vertretey. Aber beruhigt Euch, meine Glaubensgenoffen! Es gibt noch ein anderes und höheres Forum, als das, vor welchem Herr Herrlein freilich leichtes Spiel hat, über einen Abwesenden zu sagen, was ihm beliebt — die Oeffentlichkeit. Vor diesem Forum klage ich im Namen von Tausenden, die allesammt, was Redlichkeit, Rechtschaffenheit und Bürgertreue betrifft, Herrn Herrlein um kein Haar nachstehen, vor diesem Forum klageich Hrn. Herrlein oer Verdächtigung und Verleumdung an. Diesem Forum können wir aber auch das Urtheil über ein solches' in den Mantel der Liberalität sich einhüllende, lieblose, der Wahrheit in's Angesicht schlagende Verhalten getrost überlassen. Or. Adler, Landrabbiner." Aus der folgenden Entgegnuug des Herrn Herrlein ersieht man leider die Wahrheit unserer obigen Bemerkungen, indem er nackt und klar eingesteht, er habe unter „Juden" kurzweg Leute verstanden, die den Ruin der Bauern herbeiführen: „Auf die „Abfertigung" des Herrn Landrabbinen Dr. Adler, in Nr. 1822 der „Morgenzeitung," in welcher er mich vor dem Forum der Oeffentlichkeit wegen einer in der Ständeversammlung von mir bezüglich der Juden gethanen Aeußerung der „Verdächtigung" und der „Verleumdung" anklagt und mir ein „in den Mantel der Liberalität sich einhüllendes, liebloses, der Wahrheit ins Angesicht schlagendes Verhalten" zur Last legt entgegne ich nicht des Herrn Dr. Adler wegen, der sich augenscheinlich im ersten Zorne die betreffenden Worte in dem allerübelsten Sinne zurechtgelegt und sich wahrlich mehr als zu viel Genugtuung selbst genommen hat, sondern meiner selbst wegen Folgendes: „Welche Stellung ich den Juden gegenüber einnehme. darüber ergeben die Landtagsverhandlungen aus der Hassenpflug'schen Zeit das Nähere. Dieselbe Ansicht und Stellung habe ich auch jetzt noch; ich erkenne, was die bürgerlichen und staatsbürgerlichen Rechte betrifft, zwischen Christen und Juden keinen begründeten Unterschied an. Bei der hier fraglichen Aeußerung, die sich so aus dem Zusammenhänge gerissen und gedruckt ganz anders ausnimmt, als sie sich dem Ohre des Zuhörers dargestellt hat, habe ich nicht entfernt daran gedacht die Juden zu beschuldigen; ich habe unter „Juden" kurzweg die Personen, einerlei, ob Christen oder Juden, verstanden, die den Landmann so weit bringen, daß er sich nur noch durch Dismembration seines Gutes zu reiten vermag. Und daß meine Aeußerung so zu verstehen war. ist schon von anderer Seite anerkannt." - Ich gebe diese Erklärung erst jetzt, weil ich nicht gern in erster Hitze in denselben Fehler fallen möchte, wie Herr Dr. Adler. Herr lein, Landtagsabgeordneter. Schließlich bestätigte Oetker noch in einem Inserate, daß auch er die Aeußerung des Herrlein als bloße Redefloskel genommen. Mögen unsere Herren Abgeordneten alten Vorurtheilen künftighin wenigstens von der Tribüne aus nicht mehr die Sanktion ertheilen! (Jeschurun.) Rußland. In Kowno hat sich unter den dortigen zahlreichen Juden ein Hilfsverein gebildet, der sich von anderen ähnlichen Unternehmungen dadurch unterscheidet, daß von den Hilfsbedürftigen kein Pfand oder sonstige Haftung abverlangt wird, es genügt das Ehrenwort. Seit dem Bestehen des -Vereins soll kein einziger Fall vorgekommen sein, daß ein Schuldner seiner Verpflichtung nicht nachgekommen wäre. Hierzu eine Beilage. Verantwortliche Redaktion: vr. Lehmann. — Verlag der Le Roux'schen Hofbuchhandlung. — Dampf--Schnellprefsendruck von I. Gottsleben in Main;.