Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 6 (1865)
- Issue
- Heft 4 (25.1.1865)
- Date
- 1865-01-25
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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blind sein gegen die Thatsache, daß der umfassende jüd. Unterricht, die beständige Aufsicht über Zöglinge dieses Alters in einer großen Stadt, die Anleitung zum Vorsängeramte immerhin große Vorzüge sind, welche eine jüdische Anstalt voraus hat, wenn auch das königl. Seminar alles Mögliche für seine israel. Zöglinge thut; die „a. Z. d. I." könnte überhaupt die Zweckmäßigkeit dieser Anstalt bestreiten, wie sie schon viel Wahres und Gutes bestritten hat; dieses Alles könnte, wenn auch nicht mit Logik, doch mit Anstand geschehen: aber über eine Sache schimpfen, die man kaum dem Namen nach kennt, zu deren Beurtheilung zugestandenermaßen alle Anhaltspunkte fehlen, das gehört in das Gebiet jener Gemeinheit, wozu nur die ausgeschrittenste Parteiwuth Hinreißen kann. Eben darum entschuldigen wir aber Herrn vr. Philippson, dx. Der Herr Doctor ist aufgeregt, mit Recht sehr aufgeregt. Wir wünschen ihm von Herzen, er möge als Privatmann noch viele heitere Tage haben — als öffentlicher Character, das ist heute klar, hat er Schiffbruch gelitten. Er hat sich — zwar nie ohne materiellen Nutzen und mit widriger Ruhm- und Selbstsucht auf geraden und krummen Wegen viele Mühen und Anstrengungen gemacht, das Judenthum zu vernichten, und eine Weile durfte er sich der Täuschung hingeben, das werde gelingen; aber mit verjüngter Kraft erhebt es sich wieder allenthalben. Während die Reform um keinen Schritt weiter ist, als zur Zeit, da Herr vr. Philippson sich zu ihrem Ritter aufwarf; ja, während sie an vielen Orten ^"2 wieder weit gegen jene Zeit zurück ist, steht heutzutage die Gesetzestreue kampfmuthig ihr gewappnet im Wege. „Die schönen Tage in Aranjuez sind nun zu Ende; wir sind vergebens hier gewesen." Seine Hochwürden können wahrlich nicht heiter sein, wir begreifen die Galle in des Herrn Doctors Feder. Wer hierüber im Zweifel ist, der lese den zweiten Leitartikel in Nr. 1 der „Z. d. I.". Dort zählt Philippson die Erfolge der Reform auf und das Facit seiner Rechnung ist: die Rabbinerversammlungen und der Hamburger Tempel! In der That große Erfolge. Wenn die hohlen Expektorationen einiger unberufenen Schreier einen Werth hätten, und die Gemeinden so thöricht gewesen wären, von den in Braunschweig, Frankfurt und Breslau gewechselten Phrasen sich beirren zu lassen, dann wären diese Versammlungen wirklich als Erfolge zu betrachten. Da aber deren Protokolle höchstens für Käsekrämer einigen Werth haben, und keine Gemeinde diese Beschlüsse durchgeführt hat, so sind diese Rabbinerversammlungen nichts Anderes als lächerliche Hanswurstiaden, die nur durch das skandalöse Gezanke unter den mitspielenden Harlequins, womit sie anfingen und endigten, etwas Pikantes hatten; die Geschichte wird einst mit Stillschweigen über sie Weggehen, wenn sie dieselben nicht als Beleg dafür benützen will, wie weit die Anmaßung und die hierarchische Herrschsucht der Reformritter es sauro dazumal zu treiben versuchte. Und nun gar der Hamburger Tempel, der doch längst nichts mehr ist, als ein Haufen symmetrisch behauener und gefügter Steine, ein außer Gebrauch gekommenes Schauspielhaus! Herr Philippson erscheint mit der Aufzählung seiner Erfolge, wie der Bettler, dem die gesammelten Pfennige nicht reichen, das Brod zu kaufen, nach dem ihm hungert, und darum immer wieder und wieder zählt, als könnte er sie dadurch vermehren, und am Ende, wenn das nichts nützen will, sich damit tröstet, daß sein College, der für seine Baarschaft gerade Brod gekauft hat, jetzt auch nichts habe. Der Hamburger Tempel — das ist etwas, aber > die Neligionsgesellschasten zu Mainz, Frankfurt rc. rc., j das ist Nichts. Die Religionsgenossenschaften zu Mainz mit 150, zu Frankfurt mit 200 Genossen (12-" mit trefflichen Schulen, herrlichen und — was die Hauptsache ist — auch besuchten Synagogen, mit der unbegrenztesten Opferwilligkeit und innerer Lebenskraft — das ist nichts, sagt Herr Philippson; mir aber behaupten, daß diese Religionsgenossenschaften mehr sind, nicht nur als der Hamburger Tempel, sondern auch mehr als die Hauptgememden, von denen sie sich mit größtem Rechte und zu Israels Heile separirt haben. Denn diese Genossenschaften leben aus sich selbst, aber diese Hauptgemeinden vegetiren nur noch und haben kein anderes Lebenselement, als die Opposition gegen die Separatgemeinden. Das weiß aber Herr Philippson recht gut, und da ihm der Kniff, die Fortschritte der Gesetzestreue herabzuschätzen — wohl gut genug, die Spalten seines Blattes zu füllen — keine innere Befriedigung gewährt, so tritt ihm manchmal die Galle über; ein Brausepulver kann gut thun, zu diesem Zwecke glaubten wir diesen Abstecher machen zu sollen, kehren wir wieder zur Hauptsache zurück. In Nr. 51 v. I. berichtet die „a. Z. d. I." auS Bayern, daß da so wenig geschehe, „daß in städtischen Gemeinden der »Dämon des Materialismus mit dem des Jndifferentismus verderbliche Bankhalter sind". „Sehr rührig," schließt der sonst völlig gehaltlose Artikel, „sehr rührig ist Herr Rabb. Bamberger in Würzburg; nur schade, daß sein Eifer für das Gute nicht einem höheren Geiftesziele dient; denn ob ein paar Gemeindemitglieder mehr gewonnen werden, das wvv über den Kopf zu nehmen oder nicht, darauf kommt nichts an". Diese Aeußerung ist eine gemeine, offenbar auf Kränkung des sehr verdienten hiesigen Herrn Rabbiners berechnete Schmähung. Angenommen derselbe würde wirklich nichts Anderes thun, als eine „derartige Frömmigkeit" pflegen, d. h. auf pünktliche Befolgung des Ceremonialgesetzes hinwirken, so wäre das doch immerhin Etwas dem Nichtsthun Anderer