Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 6 (1865)
- Issue
- Heft 1 (4.1.1865)
- Date
- 1865-01-04
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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geführt hat. Dieser edle Greis hat mehr gethan, als er versprochen hatte und erwarten ließ. Er hat nicht allein die eingekerkerten Israeliten befreit, er hat durch seine mühe- und gefahrvolle Wanderung nach der Hauptstadt des Landes den Anbruch einer neuen Zeit für unsere Glaubensgenossen in Marokko herbeigeführt. Die ganze Reise des würdigen Greises glich einem Triumphzug, welchen die Glaubensfreiheit, die Menschenliebe und die bessere Erkenntuiß hielten. So wurde auch das Auftreten des würdigen Baronets von der gesammten europäischen Presse deurtheilt, so daß sein Bemühen nicht allein in Marokko, sondern auch in der ganzen Welt einen wahren Kiddusch haschem h, rvorbrachte. Viele Ehre wurde ihm dafür schon hicnieden zu Theil, aber der Haupttheil bleibt ihm mfbewahrt für das künftige Leben. — In Preußen hat sich wenig ereignet. Der ss. 12 der Verfapung harrt noch immer seiner Erfüllung. — In Bayern ward der frühzeitige Tod des allgeliebten Königs Max II. auch von unseren Glaubensgenossen lief betrauert. Doch zeigt sich der junge König nicht allein als der Erbe der Krone, sondern auch der erhabenen Gesinnung seines edlen Vaters. Auch in Württemberg hat der Thronwechsel keine Aenderung hervorgebracht. Die Emancipation, in der letzten Negierungszeit des verstorbenen Königs verliehen, wird unter König Karl stricte durchgeführt und gewinnt auch in socialer Beziehung täglich mehr Boden. Die Bestrebungen um die Revision der isr. Kirchenverfassung haben bis jetzt zwar ihr Ziel noch nicht erreicht, dürften jedoch bei fortgesetzter energischer Durchführung mit göttlicher Hilfe nicht wirkungslos bleiben. — In Frankfurt a M. sind unsere Glaubensgenossen endlich vollständig emancipirt — In Hamburg hat die vollständige Emancipation die Auflösung der Gemeinde als Corporation nach sich gezogen; in Frankfurt a. M. würden ähnliche Folgen der (orthod.) Religionsgesellschaft zu großem Heile gereichen. — In Italien beginnen unsere Glaubensgenossen sich der neugewährten Rechte zu erfreuen; bereits ist in Neapel, wo früher Niemand sich öffentlich zum Judenthume bekennen durfte, eine jüdische Gemeinde begründet worden. Wir haben jedoch aus diesem Lande ein sehr trauriges Ereigniß zu registriren. Es ist die wider obn Willen der Eltern stattgehabte Bekehrung eines zehnjährigen jüdischen Knaben zum Christen- Lhum. Auch dieses Ereigniß hat nicht verfehlt, den allgemeinen Tadel zu finden Ein Schrei der Entrüstung ging ebenso wie beim MorLara-Fall durch ganz Europa; allein.Mortara und Coen haben bis jetzt noch nicht dem Judenthume zurückgegeben werden können. — In der Schweiz wird jetzt wohl endlich durch dm neuerdings mit Frankreich abgeschloffenen Handelsvertrag die Emancipation allgemein durchgeführt werden; die freie Schweiz hat sich lang genug gegen diesen Akt der Gerechtigkeit gesträubt. — In Polen ist die Revolution von der russischen Regierung völlig niedergewocfen; unsere Glaubensgenossen sind dadurch aus sehr prekärer Lage befreit. — In Dänemark befindet sich ein Jude im Ministerium. In den Do naufürstenth ümern ist es den Juden versagt, Grundergenthum von Privaten zu erwerben. Dagegen sind sie eingeladen worden, bei der Versteigerung von Staatsdomänen mitzubieten. Eine eigenthümliche, aber wenig gerechte Manier , in welcher die Negierung für die Ausbesserung ihrer Finanzen sorgt! — In Amerika betheiligen sich unsere Glaubensgenossen, sowohl im Norden, wie im Süden, an den Kämpfen, welche die ehemals vereinigten Staaten gegen einander sichren. Namentlich ist es die Union, für die unsere dortigen Glaubensgenossen begeistert sind, und diese Begeisterung beweisen sie thatsächlich. In religiöser Beziehung scheinen die Zustände auf der anderen Seite unserer Erdkugel sehr betrübend zu sein. — In Jerusalem wurde vor einigen Monaten die neue Prachtsynagoge zur allgemeinen Freude vollendet. Der Bau von Armen- und Pilgerwohnungen schreitet rüstig voran und gewinnt immer mehr an Ausdehnung. — In Tunis haben einige betrübende Judenverfolgungen stattgefunden. Wie uns Jemand berichtet, der die dortigen Zustände aus eigener Anschauung kennt, so ziehen einige Israeliten dadurch, daß sie dort als Steuerpächter fungiren, den Haß der Bevölkerung auf sich. Bekanntlich waren es die Steuern, welche die jüngste Revolution in Tunis zum Ausbruch brachten. Möchten doch unsere Glaubensgenossen ein so gefährliches Gewerbe aufgeben oder doch stets mit der größten Vorsicht verfahren! — Der Nothruf unserer Brüder aus Abessynien scheint nunmehr auch Beachtung finden zu sollen. Der begeisterte Aufruf des Herrn Rabb. I)r. Hildesheimer zu Eisenstadt hat neuerdings die allgemeine Aufmerksamkeit dorthin gelenkt. Hoffentlich wird bald zur That geschritten werden und Ersprießliches für diese unsere fernen Brüder geschehen. — Das sind die wichtigsten Ereignisse des verflossenen Jahres. Es geht daraus hervor, daß trotz einiger betrübender Vorkommnisse die bürgerlich-sociale Stellung der Juden einer immer erfreulicheren Entwickelung entgegen geht. Auch in religiöser Beziehung hat im Allgemeinen das von den Gesetzestreuen Erstrebte einen gedeihlichen Fortgang gewonnen. Wir schließen wohl am besten mit dem, was das Londo-