Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1864-12-28 · Heft 52 (28.12.1864) · page 6

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
5 (1864)
Issue
Heft 52 (28.12.1864)
Date
1864-12-28
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/2446951-2447141-2447192--03081-2458459
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

er neben feinem größeren Hanfe befliß, damit sie sich daselbst der Erziehung und Belehrung der Kindes in Ruhe und Stille ungestört widmen könne. Zugleich befakl er dem Verwalter, — denn der Mann war ein begüterter Mann — es der Frau an nichts fehlen zu lasten und sich ganz nach ihren Wünschen IN richten. So lebte denn die Frau in ihrer Zurückgezogenheit ganz ihrem neuen Berufe, ohne dabei ihres Mannes zu vergessen und nicht ohne im Stillen die Hoffnung zu hegen, ihn mit Gottes Hülfe wieder zu sehen. — Da trat eines Tages der Verwalter vor sie und warb um ihre Hand. „Wir können," sagte er, „hier ein paffendes Paar ausmachen und uns in dem Hause sehr gut stehen." — „Ich darf an. keinen andern Mann denken," erwiederte die Frau, „da ich bereits vermählt bin, und auch zu Gott hoffe, meinen Mann wieder zu sehen." — „Dein Mann, wenn er noch lebt," sagte der Verwalter boshaft, „wird sich gewiß eilen, Dich aufzusuchen, um so mehr, wenn er hört, westen Du angeklagt, und wie Du durch ein nur zu sicheres Urtheil des Gerichtshofes verdammt und hingerichtet worden bist. Komm nur her," fügte er mit spöttischer Freundlichkeit hinzu, „komm, gib mir einen Kuß und ziere Dich nicht lange." Würdevoll stieß ihn die Frau zurück und befahl ihm, augenblicklich das Zimmer zu verlassen, um so mehr, als der Knabe bei dem ganzen Austritte zu gegen war. „Gehe," sagte sie, „oder ich laste augenblicklich den Herrn rufen und theile ihm Alles mit." Da verlor der böse Mensch in seinem Zorne alle Besinnung, zog den Degen, den er trug, und hieb nach der Frau. Der Knabe sah seine geliebte Erzieherin in Gefahr, sprang abwehrend dazwischen und ward selbst am Kopfe schwer getroffen und stürzte nieder. Als der Verwalter das Blut des Kindes strömen sah, eilte er davon; aber auch die Frau hatte jetzt alle Besinnung verloren, hielt den Knaben M tobt, und floh fort in ihrem Schrecken. Der Verwalter suchte den nahen Wald ans, um sich in einem Dickicht zu verstecken, dort wurde er, wie es stch spater zeigte, von Räubern augefallen und erschlagen. Die arme Frau lief sott und fort, so wett ihre Füße sie tragen mochten; endlich setzte sie sich erschöpft nieder und fing an bitterlich zu weinen. Sollte fie zurückkehren? Wie konnte sie den Jammer des Vaters um sein geliebtes Kind ertragen! Roch eine Wette saß fie da, ihr trauriges Geschick überdenkend; dann stand fie auf UNd ging weiter, fie wußte selbst nicht wohin. Da gelangte fie an das Äser des MeereS; müd und matt setzte sie sich abermals nieder. Sie mochte eine Stunde da gesessen tzckbe« , den schweren Kopf in die Hand gestützt und mit dem Ge-! danken kämpfend, im Meere ihr Elend zn enden; da i legte plötzlich ein Schiff ans Ufer an, Leute stiegen aus, überfielen die einsam da fitzende Frau uttd! trugen fie davon. Fast lautlos ließ sich die Arme ' davon tragen und auf das größere Schiff im Meere! bringen; fie hatte keine Mage und keine Thräne j mehr, und lautlos und todtenblaß saß sie im Schiffe selbst. Das Schiff fuhr mit seinen Leuten eine Weile ruhig dahin. Doch unversehens erhob sich ein so gewaltiger Sturm und brach über das Schiff herein, daß alle Kunst und alle Anstrengung der Schiffslente umsonst war, und das Schiff sammt den Personen rettungslos verloren schien. „Der Zorn der Götter," ries die Mannschaft — denn es waren heidnische Seeräuber — „hat sich sichtbar gegen uns erhoben, nachdem wir bisher so glücklich waren! Laßt uns loosen, um westen willen unter uns sie zürnen!" — Sie loosten, und das Loos fiel ans die gefangene Frau. „Wer bist Du? und was hast Du verbrochen?" frngen die Leute die Frau. In dem äußern gewaltigen Sturme und in der drohenden Lebensgefahr war der Frau ihre innere Seelenruhe wiedergekommen. und ruhig antwortete sie: „Ich bete den einzigen und ewigen Gott an, den Schöpfer des Himmels und der Erde, und bin mir weiter keiner Schuld bewußt, als daß ich im Augenblick meines höchsten Unglück beinahe an Seiner Güte und Liebe verzweifelte." Und sie erzählte kurz ihre Geschichte. Da wurden die Leute von einem mächtigen Erbarmen ergriffen, und sie sprachen: „Wir möchten Deinen Tod nicht über uns nehmen und Dich nicht den Göttern zur Sühne in das Meer werfen. Darum bete mit uns zu Deinem Gotte, daß Er unser schone und dem Sturm gebiete, von uns abzulassen." Mit tiefer, inniger Frömmigkeit legte die Frau die Hände ineinander, erhob den Blick zum Himmel und betete laut: „Herr mein Gott und Gott meiner Väter, habe Erbarmen mit Deinem Kinde, mit dem schwachen verlassenen Weibe, und zeige, daß Du allmächtig und auch gnädig ünd barmherzig bist!" Und siehe, wie auf den Wink des allmächtigen i Gottes, ließ augenblicklich der Stürm nach, und die! Wetter legten sich, und Rrche kehrte auf das Meer! zurück, Md der Himmel begann sich aufzrchettsrn. Bon stnMmer Ehrfurcht ergriffen, steuerten Ne KMe bald dem Lande zu und ließen die Fra«, da dasselbe ftnchtbar und bewohnt schien, ans Land setzen und fuhren bann weiter. Die gute Frau hatte ihren alten frommen Mnth UNd ihr volles inniges Vertrauen zu Sott wieder erhalten, und sie gSöbte aHs neue, daß fie Ms Gott vertrauen und Be von SMsn Wegen weichen j «olle. — Sie ging eine Strecke landeinwärts. Da

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.