Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 5 (1864)
- Issue
- Heft 52 (28.12.1864)
- Date
- 1864-12-28
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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ein, und sah täglich zu, daß ihr Alles zukam, was sie bedurfte und sich geziemte. Es mochte bereits so ein halbes Jahr vergangen sein; noch war der Mann nicht zuruckgekehrt und hatte auch nichts von sich hören lassen Da trat eines Tages der Bruder in das Zimmer der Schwägerin und sprach: „Meine liebe Schwägerin! Du siehst, daß bereits über ein halbes Jahr seit der Abreise meines Bruders verflossen ist, und weder ist er zurückgekehrt, noch hat er Nachricht seitdem von sich gegeben. Nicht anders! Mein Bruder ist auf seiner Reiie verunglückt, liegt irgendwo gestorben, vielleicht auch begraben, ohne daß mir je wieder etwas von ihm vernehmen. Darum halte ich für das Beste, wenn Du, statt ferner einsam und verlassen als trauernde Wittwe zu leben, mir von nun an ganz angehörest' wenn ich Dich nach der Vorschrift des Gesetzes zum Weibe nehme und ins frohe Leben wieder einführe." „Mein Schwager!" versetzte die Frau, „wie dürfte ich Das! Wie sollte ich so treu- und lieblos gegen meinen lieben Mann handeln und ihn aufgeben, bevor ich die Gewißheit von seinem Tode habe! Nein, das darf ich, das darfst Du nicht. Wer treulos handelt, sagen die Lehrer des göttlichen Wortes, der verfällt diesseits und jenseits der Strafe des Himmels. Diesseits wird sein Leib mit einem häßlichen Aussatz geschlagen, und jenseits wird seine Seele in der Hölle gerichtet. Auch sagt mir mein Herz, daß ich meinen geliebten Mann Wiedersehen und mich seiner im Leben wieder freuen werde." Der Bruder entfernte sich schweigend und sah nach wie vor wieder täglich zu, daß seiner Schwägerin nichts abgehe. Aber schon nach einer Woche kam er mit demselben Gesuche, und als die Frau ihn abermals und so zum drittem und viertenmale, wenn auch sanft, doch ernst abwies, so faßte er einen tiefen Haß gegen sie, und er beschloß, sie zu verderben. — Er stellte zwei falsche Zeugen auf, welche die Frau anklagten, als habe sie die Treue gegen ihren Mann gebrochen und sich in eine heimliche Verbindung mit einem fremden Manne eingelaffen. Der Gerichtshof ließ die Frau vorladen und stellte ihr die beiden Zeugen gegenüber, und die Zeugen mußten ihr ins Gesicht die Anklage wiederholen. Sie thaten es, sagten sogar, daß sie die Frau, der Vorschrift gemäß gewarnt, und ihre Aussagen waren in allen Untersuchungen und Prüfungen so übereinstimmend, daß der Hof nicht umhin konnte, er mußte die Arme, trotz aller Verneinung und trotz ihrer Erzählung dessen, was sich zwischen ihr und ihrem Schwager zugetragen, zum Tode verdammen und zwar dem Gesetze gemäß zum Tode durch Steinigung. — „Gott kennt meine Unschuld," sagte die Frau ruhig, „Er wird mir beistehen bis an mein Ende." So ward denn die Frau vor die Stadt geführt, dort von einer Höhe in die Tiefe gestoßen, und zugleich ein Steinhaufen auf sie hinabgeworfen, so daß sie unter demselben Tod und Grab zugleich finden sollte. — Da geschaht daß am dritten Tage nach der vollbrachten Steinigung ein Mann mit seinem Knabe vorüberzog, um denselben nach der Stadt zu bringen und ihn dort einer Schule zu übergeben Vater und Sohn waren müde von dem Wege und setzten sich in der Nähe des Steinhaufens nieder, um ein wenig auszuruhen. Da fing tnr Knabe, der dem Steinhaufen näher saß, plötzlich an: „Vater! hörst Du nicht jammern und klagen?" Der Vater horchte auf, trat näher und unterschied nun deutlich, daß die Jammertöne aus dem Steinhaufen kamen. Er fing sogleich an, wegzuräumen, und sein Knabe stand chm redlich bei. Schon drangen die Töne deutlicher hervor, und Vater und Sohn arbeiteten um so eifriger, und bald lag die Frau frei vor ihnen da, zwar sprach- und fast regungslos, aber doch noch am Leben. Nachdem der Mann ihr mit frischem Wasser Gesicht und Schläfe gewaschen und auch etwas Wein, von dem er gerade eine Flasche mit sich führte, eingegoffen hatte, kam sie wieder zum Bewußtsein und erhielt auch bald ihre Sprache wieder. Der Mann erfuhr allmählich von ihr, was mit ihr oorgegangen, und eine innere Stimme sagte ihm, daß die Frau unschuldig sei. Es zeigte sich zu seiner Freude, daß sie zwar starke Quetschungen und auch Verwundungen am ganzen Körper und selbst am Kopfe erhalten hatte, daß jedoch keine gefährlich schien. Auch gelang es dem Manne, die Arme nach einem nahen kleinen Orte zu bringen, wo er den Beistand eines Wundarztes für sie fand. „Hier," sagte er zu ihr, „magst Du bleiben und Dich ganz erholen, bis ich morgen oder übermorgen zurückkehre, und dann will ich sehen, was ich für Dich thnn kann; Gott hat mich nicht umsonst zu Deinem Lebensretter gemacht." „Und wohin gedenkst Du mit dem Knaben zu gehen?" frug die Frau voll inniger Dankbarkett und Zutrauen. Er theilte ihr sein Vorhaben mit. „Willst Du mir Vertrauen schenken," sagte die junge Frau, „und mich in Dein Haus aufnehmen, so kann ich bei Deinem Kinde schon die Stelle eine- Lehrers vertreten. Wohl habe ich den dazu nötbigen Unterricht selbst erhalten, und Du hast zuvörderst nicht nöthig, Dein Kind in die Fremde zu geben * Dem Manne gefiel der Vorschlag um so mehr, als die Frau bereits sein volles Vertrauen besaß. — „Wohlan," sagte er, „so wollen wir mit Gott zurückkehren." Zu Hause angekommen, wies er der Frau mit ihrem Zöglinge eine eigne Üeine Wohnung an, die