Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 5 (1864)
- Issue
- Heft 51 (21.12.1864)
- Date
- 1864-12-21
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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678 ausgesprochen haben, ein echter Dichter. Er versteht es, das jüdische Leben in einer Weise aufzufassen, die dass Hochpoetische desselben im rechten Lichte darstellt. Diese „Geschichten einer Gasse" werden dazu beitragen, unseren nichtjüdischen Mitbürgern selbst vor unfern Eigenthümlichkeiten Achtung einzuflößen, in der eigenen Mitte Manchem die verlorene Liebe zum Jüdisch-Volksthümlichen wiederzugewinnen; sie werden zugleich ein culturhistorisches Denkmal des wunderbaren Lebens und Webens innerhalb der G. s. D. nunmehr niedergerissenen Ghetti-Mauern sein. Die rührendste Pietät gegen jeden jüdischen Brauch durchdringt jede Erzählung. Hören wir nur, was der Verfasser über das „Kaddisch-Gebet" sagt: „Es ist dies jene seltsame (?), von Geschlecht zu Geschlecht, von Jahrtausend zu Jahrtausend überkommene Gebet, das, in der Sprache des alten Zion lautend, einen wesentlichen Bestandtheil des täglichen Gottesdienstes bildet. Sein Ursprung ist geheimnißvoll; Engel sollen es vom Himmel herabgebracht und die Menschen gelehrt haben. Um dieses Gebet schlingen sich die weichsten Fäden kindlichen Empfindens und menschlichen Erinnerns; denn es ist das Gebet der Waisen! Wenn Vater oder Mutter stirbt, sollen es die nachgelassenen Söhne täglich, am Morgen und am Abend, im Gotteshause durch das ganze Trauerjahr, und dann am jedesmaligen Todestage , oder, wie er in der Sprache der „Gasse" heißt: „zur Jahrzeit," sprechen, denn es wohnt ihm eine gar wunderbare Kraft inne. Aus dem Munde von Waisen klingend, sprengt es die Gräber und sagt den tobten Eltern, daß ihr Kind ihrer gedenke, dann tritt es unmittelbar vor Gottes Thron und bittet dort um den ewigen Frieden der Dahingeschiedenen, um Schonung und Barmherzigkeit! Fürwahr! wenn es irgend ein Band gibt, stark Und unauflöslich genug, um Himmel und Erde an einander zu ketten, so ist es dieses Gebet! Es hält die Lebenden aneinander und bildet die Brücke in das geheimnißvolle Reich des Todes. Fast könnte man sagen, dieses Gebet sei der Hüter und Wächter des Volkes, von dem allein es gebetet wird; in ihm liegt die Bürgschaft seiner eigenen Fortdauer. Kann ein Volk untergehen und in das Nichts zerstäuben — so lange ein Kind seiner Eltern gedenkt? Welche Stürme, welche Fäulniß und Verderbuiß müßten vorangegangen fein, welche Mächte müßten an dem Baue eines Volkes genagt und gerüttelt haben, der auf dem Felsengrunde der „Familie" ruht? Es mag seltsam klingen Mitten aus dem Taumel der wüstesten Zerstreuung hat dieses Gebet der Erinnerung manches verwilderte Gemüth aufgeschreckt, daß es sich besann und wenigstens für kurze Zeit im Andenken an die todten Eltern sich gleichsam heiligte. Solch ein Gemüth überkommt es dann mit Schauern, wenn es die Wege überschaut, die es bisher gegangen, und sie mit denen vergleicht, die es gegangen wäre, wenn das Auge von Vater und Mutter noch über ihm leuchtete! Eben weil dieses Gebet eine Wiedergeburt des am Menschen Vergänglichen im Geiste ist. weil es ein bloßes Sterben nicht zugibt, weil es die Blüthe, die vom Baume der Menschheit welk abgefallen ist, im Gemüthe wieder auferstehen und sich entfalten läßt, — darum ist es von so heilkräftiger und heiligender Gewalt! Zu wissen: du stirbst, du trittst aus dieser ewigruhelosen, so hinfälligen Hülle in ein geheimnißvolles Jenseits, aber die Erdscholle, die über deinem Haupte rauscht und fällt, deckt dich nicht ganz; es bleiben solche zurück, die wissen, daß du gestorben bist, die, wo sie immer auf dem weiten Erdenrunde, ob im Gewände der Armuth oder im schimmernden Prunke des Reichthums sich befinden, dieses Gebet dir nachsenden; — zu wissen: du nennst keinen grünen Fleck in diesem Lande dein, du läßt ihnen kein Haus, keinen Hof und keinen Acker zurück, daß sie dein gedenken müßten: dennoch bewahren sie dein Andenken als ihr theuerftes Erbe... unbedeutend, verachtet, eine Schaumblase, die du im Leben warst, erheben sie dich, wenn du längst nicht mehr bist, zur Bedeutendheit... sie raffen dich aus dem Staube oer Vergänglichkeit auf —" Von wunderbar ergreifender Wirkung ist die erste Erzählung: „Die Jahrzeit." der wir die vorstehende Characterisirung des Kaddisch - Gebetes entnommen haben. Gute, fromme, brave Eltern haben fünf Söhne verloren, so daß ihnen nur die einzige Tochter Mümele, noch bleibt. Diese, ihr Stolz und ihre Hoffnung wird von einem Buchhalter verführt, der am Versöhnungstag nicht fastet, während sie ihren braven, aber etwas täppischen Vetter „Meyer mit den vier Händen" verschmäht hatte. Der Vater willigt zwar in die Vermählung, verstößt aber dann sein Kind. Die Mutter stirbt vor Gram, bald nachdem die Tochter ihrem Manne in dessen Heimath gefolgt ist. Nachdem dieser das Vermögen seiner Gattin verpraßt hat, verläßt er sie, um nach Amerika zu gehen. Blümele kehrt mit ihrem Söhnchen in die Heimath zurück, wo dann durch Meyers Vermittelung die Versöhnung mit dem Vater dadurch eingeleilet wird, daß das Kind um seine Großmutter „Kaddisch" sagt. In der zweiten Erzählung „die Seelenfängeritt" wirken weit tiefer greifende Confllicte. Rüben Schönmann will mehr sein als die übrigen Bewohner, er hat kein „jüdisch" Herz! Dieses characterisirt der Verfasser mit folgende Worten: „Dieses Wort hat etwas Unsagbares, und es fällt schwer, es auch nur in schwachen Umrissen zum Verständnisse zu bringen Was Manchem nur ein wesenloser Schein dünken mag, das gewinnt in Wirk-