Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 5 (1864)
- Issue
- Heft 50 (14.12.1864)
- Date
- 1864-12-14
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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660 Maier wirklich „die Religionsgrundsätze und Ritualgesetze der Juden" find, so sind die Israeliten Württembergs in ihren Ehesachen vor dem Obertribunal gut vertreten, und die Wahl ist eine glückliche zu nennen!? saxleutl sat! Frankreich. (Jüdische Briefe von Albert Cohn. III.; aus dem „Univ. Jsr." Fortsetzung.) Von Wiesbaden reiste ich über Frankfurt, Mainz und Forbach nach Frankreich. In Metz, kbo ich mich einige Stunden aufhielt, um meinen Paß visiren zu lassen und den Wagen zu wechseln, wurde ich unangenehm überrascht, da mich Jemand in französischer und deutscher Sprache fragte: „Rieu ä aebeter, risn ä vsvckro? Nichts zu kaufen, nichts zu verkaufen?" Ich hatte gehofft, diese Art von Handel hinter mir gelassen zu haben und in dem Lande der Freiheit nur das Ehrenhafteste anzutreffen. Erst viel später fing ich an zu begreifen, daß der Wechsel im socialen Leben der langsamste und der schmierigste sei, daß, wie zu Moses Zeiten, neue Generationen kommen muffen, um neue Wege einzufchlagen. Freitag, den 1. Juli, kam ich in dieser ungeheuren Stadt an, welche man Paris nennt, ohne Freunde, ohne Bekannte, geführt von einem Deutschen, welchen ich zum Reisegefährten gehabt hatte. Ich kehrte in einem kleinen Gasthofe in der rus Vlvievve ein; acht Tage später zog ich in den englischen Hof rue Nontumi-trs; hier wohnte ich bis zu meiner Abreise nach Italien im October 1836. Hier sollte ich ein neues Leben anfangen, sowohl in Bezug aus die Richtung niemer orientalischen Studien, die ich nach den Nathschlügen der Gelehrten L^lvestro äe 8ao^, Ot. Huati ernvis, DuA. Lurvout et Oe8§ravKe8 Relvauck, V. Zaudert einrichtete, sei es in Bezug auf die Tätigkeit, welche ich den Angelegenheiten der israelitischen Gemeinde widmen wollte; diese war zu jener Zeit noch weit von dem Punkte entfernt, zu dem sie heute gelangt ist. Die jüdische Bevölkerung von Paris ist seitdem von 6000 auf 30,000 Seelen gestiegen, ebenso ist die sociale Stellung unserer Glaubensgenossen eine andere geworden; auch die Anstalten für Unterricht und Mildthätigkeit haben sich bedeutend entwickelt. Der hochachtbare Oberrabbiner war damals schon kränklich. Er las zwei oder dreimal des Jahres einige Worte vom Papier ab, die gut geschrieben und sehr wohl durchdacht waren, die aber Niemand verstand. Herr Deutz, Oberrabbiner des Centralconsistoriums, war ein Mann von großem talmudischem Wissen und von vorzüglichem Verstand; leider war ihm ein großer Theil der Gemeinde in Folge eines Familienunglückes entfremdet, das er nicht hatte verhindern, und dem er nicht hatte Vorbeugen können. (Bekanntlich war der Neffe dieses ehrwürdi-, gen Mannes jener elende Verräther Deutz, welcher sich hatte taufen lasten und dann in die Dienste der Herzogin von Berry, der Schwiegertochter des vertriebenen Königs Karls X. und der Mutter des vertriebenen Thronerben, getreten war. Der Elende verrieth seine Herrin, die ihn mit Wohlthaten überhäuft hatte und lieferte sie den von Louis Philipp entsendeten Häschern aus; er ward so ein doppelter Verräther, an seinem Glauben und an seiner Herrin. Man kann sich leicht vorstellen, welchen Chillul Haschem diese Vorgänge namentlich in Frankreich hervorbrachten, und wie unangenehm den Parisern das nahe verwandtschaftliche Verhältniß sein mußte, in welchem der nichtswürdige Apostat und Verräther zu ihrem Oberrabbiner stand. Red.) Dieser gelehrte Greis lebte ganz isolirt. Ich besuchte ihn von Zeit zu Zeit und unterhielt mich, da er in Koblenz geboren war, deutsch mit ihm. Die französische Sprache bereitete mir anfangs noch große Schwierigkeiten; ich wollte mich gern in der Gemeinde und überhaupt bei meinen Glaubensgenossen nützlich machen. Ich erbot mich daher, unentgeltlich in der Synagoge zu predigen und in den Schulen Religionsunterricht zu ertheilen, hielt mich jedoch verpflichtet, hinzuzrrfügen, daß ich mich oft der deutschen Sprache bedienen müßte, da mir manchmal der französische Ausdruck fehle. Das Consiftorium bedauerte, mein Anerbieten nicht annehmen zu können, da nach einer Verordnung es nicht erlaubt wäre, in der Synagoge anders als französisch zu predigen. Damals erschien in Paris eine Zeitung, unter dem Titel Os. Regeneration, in deutscher und französischer Sprache, unter der Leitung des gegenwärtigen Hrn.Nedacteurs des „Univ. Jsr."; in dieser veröffentlichte ich eine kleine Arbeit gegen die zarphatischen (französischen) Briefe, welche damals einiges Aufsehen erregten; der Verfasser derselben, der gelehrte Mathematiker D«rgueiu, wollte in dieser Weife einen Wechsel in der intellektuellen und literarischen Lage unserer Glaubensgenossen yerbeiführen. Aber weder die Lebensweise, welche er führte, noch die Art, in welcher er schrieb — er suchte nämlich unsere Gebräuche und Gewohnheiten lächerlich zu machen — waren dazu geeignet, chm Parteigänger zu verschaffen. Die Bekanntschaft mit Munk verschaffte mir eine wirkliche und dauernde Erquickung. Fast 30 Jahre sind seitdem verflossen, und nichts hat diese Freundschaft unterbrechen oder verringern können. Diese Freundschaft, auf gegenseitiger Zuneigung beruhend, ist sowohl für die Gemeinde und ihre Anstalten, als auch für die Wissenschaft des Judenthums im Allgemeinen von Nutzen gewesen. Ehe ich jedoch weiter gehe, will ich in diesen Blättern, die vorzüglichsten Dokumente in Bezug auf die Wiederherstellung einer jüdischen Gemeinde zu Paris niederlegen. Die Archive des Consistoriums und des Comite's für Wohlthätigkeit enthalten nur wenig über diese erste Niederlassung, welche in ihrem Anfang sehr schwach war. Da ich aber das Glück gehabt habe,