Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 5 (1864)
- Issue
- Heft 47 (23.11.1864)
- Date
- 1864-11-23
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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622 Paris, im November. Hier erschien unlängst eine Broschüre unter dem Titel „Leben des Judas", welche voll von Gehässigkeiten gegen unsere Glaubensgenossen war. Sowohl die isrsvlite als auch das Pariser Rabbinat ließen die Absicht merken, gegen dieses Pamphlet den Rechtsweg zu beschreiten. Als Autor und Verleger davon Kunde erhielten, beeilten sie sich, die ganze Auflage dem hiesigen Rabbi- Late auszuliefern, da Beide nicht gesonnen waren, die gerichtlichen Folgen zu tragen. Man ersieht hieraus, wie erfolgreich manchmal energisches Vorgehen ist. (Archiv. Jsr.) Nizza, den 2. November. Als Kaiser Napoleon unlängst den russischen Majestäten hier seinen Besuch abstattete, empfing er Niemanden als die Mitglieder des allgemeinen Raths und des Stadtraths. Der Präfect stellte bei dieser Gelegenheit Herrn Abraham Colombo, welcher Mitglied des Stadtraths ist, dem Kaiser in seiner doppelten Eigenschaft, als Präsident des Handelsgerichts und als Präsident der jüdischen Gemeinde, vor Der Kaiser unterhielt sich wohl eine Viertelstunde mit Herrn Colombo, fragte ihn nach dem Zustande des Handels unseres Departements, nach den Verhältnissen unserer Gemeinde und nach der Anzahl der zu Nizza wohnenden Israeliten. Darauf drückte der Kaiser Herrn Colombo die Hand, ernannte ihn zum Ritter der Ehrenlegion und decorirte ihn sofort eigenhändig. — Ueber diese Auszeichnung waren nicht nur die Israeliten, sondern auch die Nichtjuden an höchsten Grade erfreut, da Herr Colombo eine allgemein geachtete Persönlichkeit ist. Zu den an unserem Friedhofe nothwendig gewordenen Verbesserungen haben Herr Camondo ausConstantinopel 500 Frs., Herr Sebag aus London 100 Frs. und Frau Baronin von Hirsch aus München 150 Frs. gespendet. Die Wohlthätigkeit und die den Tobten schuldige Achtung ist bei den Israeliten aller Länder dieselbe. (Archiv. Jsr.) Afrika. Tunis, den 28. October. Es ist wiederum ein Unglück anzuzeigen: Der muselmännische Fanatismus, welcher von den Localbehörden geduldet, ja ermuthigt wird, hat sich gegen unsere Brüder auf der Jmel Gerby entfesselt. Ihr Unglück ist unermeßlich, und eine ganze Bevölkerung, welche alle Schrecken einer entsetzlichen Barbarei erduldet hat, ist nunmehr der Verzweiflung und dem traurigsten Mangel preisgegeben. Die arabischen Stämme Akroa und Urzhauima haben die reiche und bevölkerte Insel Gerby beraubt. Nachdem sie versucht hatten, die Märkte zu plündern, von wo sie der Widerstand der Muselmänner zurückgetrieben hat, haben sich diese Wilden auf die schwächsten, auf die jüdischen Stadttheile, gestürzt, haben Alles beraubt und vernichtet. Es geschah am 10. d. M., am Versöhnungstage; Die Synagogen wurden beraubt, entweiht, beschmutzt; die Thorarollen wurden zerrissen und verbrannt, die Männer wurden mit Füßen getreten und verwundet, die Frauen und Mädchen auf das Empörendste mißhandelt. Meine Feder sträubt sich, alle die grauenhaften Unmenschlichkeiten zu erzählen, deren Schrecken diese Unglücklichen haben erdulden müssen. Der Gouverneur der Insel weigerte sich, den Unglücklichen Hilfe zu senden. Fünf Tage und fünf Nächte währte die Plünderung; sie hörte nicht eher auf, bis den Israeliten von Gerby ihr letzes Kleidungsstück geraubt war. Der französische Agent zu Gerby ist der Einzige, welcher den Unglücklichen eine Zufluchtsstätte angeboten hat. Unser würdiger Consul, Herr von Beauval, hat ihm sofort seine Anerkennung hierüber ausgesprochen. Außerdem hat er uns autorisirt, zu Gunsten der Unglücklichen eine Collecte zu veranstalten, an deren Spitze er sich mit 300 Piastern stellt. Ich hatte Unordnungen voraus gesehen, aber ich hatte nicht geglaubt, daß sie in diesem Augenblicke eintreten würden, da die Regierung, gestützt auf einige kleine Siege, das Land für beruhigt erklärte — zumal auf der Insel Gerby, welche häufig von englischen Schiffen besucht wird. Diese Thatsachen sind geeignet, jedes Vertrauen in die Zukunft abzuschneiden. Bei diesen traurigen Zuständen muß sich die brüderliche Gemeinschaft im großartigsten Maßstabe zeigen. Die „Alliaueo iLraölito" ist berufen, hiervon eine Probe zu geben, mehr noch durch das Gewicht ihrer Stimme als durch die Reichhaltigkeit ihrer Mittel. Man zittert bei dem Gedanken, daß im Jahre 1864 nur wenige Meilen von unfern Küsten, an den Pforten unserer Algerischen Colonie, solche Scenen des mittelalterlichen Vandalismus fick haben erneuern, solche entsetzliche Gewaltthaten haben vor sich gehen und unbestraft bleiben rönnen. Man darf nicht länger dulden, daß die Söhne unseres Volkes der Willkür mörderischer Horden preisgegeben seien. Es ist Zeit, daß in der ganzen Wett die Bibel, der Ursprung unserer Civilisation, ebenso geachtet werde, wie das Evangelium und der Koran. Garsin, Deyutirter der französischen Colonie. (Archiv. JSr.) Hierzu eiue Beilage. Verantwortliche Redaktion: Dr. Lehmann, - Verlag der Le Rvux'lchen Hosbuchhandlunq. — Danivl-Echnellvresiendruck von I. Eat.slebe» i:: Main».