Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1864-11-23 · Heft 47 (23.11.1864) · page 5

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
5 (1864)
Issue
Heft 47 (23.11.1864)
Date
1864-11-23
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
99% known words query
IRI
…/2446951-2447141-2447187--03007-2458380
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

61S die eine Lebensfrage im heutigen Judenthum bildet, wir meinen die Frage der Lehrerbildung. Die Klage über Lehrermangel überhaupt, und über ungenügende jüdische Kenntnisse vieler Lehrer insbesondere, ist eine allgemeine. Dutzende von kleineren und mittleren Gemeinden sind ganz ohne Lehrer, und größere sind mit dm oft mit großen Opfern angestellten Lehrern nur halb versorgt. Die Gründe dieser trüben Erscheinung liegen nahe. Bemittelte Eltern widmen ihre Kinder einem bester belohnten Berufe, als der des Lehrers meistens ist; Unbemittelte können aber die Kosten für die Ausbildung nicht aufbringen. Aber auch Diejenigen, welche die erforderlichen Opfer zu bringen geneigt und fähig sind, finden nur selten Gelegenheit zu genügender Ausbildung, besonders in den spezifisch jüdischen Fächern. Dazu kommt noch die leidige Thatsache, daß die jüdischen Schulamtszöglinge während ihrer Bildungslaufbahn meistens ohne religiöse Ueberwachung sind und so sich nicht selten nicht nur der väterlichen Religion, sondern sogar den Grundsätzen der Tugend und Sittlichkeit entfremden, um dann in den Gemeinden, die ihnen ihre theuersten Güter anvertrauten, viel Unheil anzurichten Allen diesen Gebrechen will die hiesige Anstalt abbelfen; sie bietet jungen Leuten Gelegenheit, fast ohne Aufwand sich zu Lehrern, zu jüdischen Lehrern auszubilden; sie bietet den Eltern, die ihr ihre Kinder anvertrauen, Garantie, daß deren Religiosität und Sittlichkeit auf's strengste überwacht wird; die Gemeinden werden künftig misten, unter westen Leitung die Männer gebildet und erzogen worden sind, die sie zu Lehrern ihrer Kinder anstellen. Dabei ist es doch an sich schon keine Kleinigkeit, etner großen Anzahl meist unbemittelter Jünglinge 6 Jahre lang ohne Beschämung und ganz ohne jeden Entgelt Kost, Wohnung. Erziehung, berufliche Ausbildung, Unterricht in und zu verschaffen; wenige Wohlthätigkeitsanftalten dürften wohl ein so edles Ziel durch so edle Mittel verfolgen. Unter solchen Umständen müßte man über den Cynismus staunen, mit welchem der saubere Correspondent der allgem. Z. d. I. und ein anderer eben so wackerer Ritter in einem bayr. Blatte diese Anstalt und deren edlen Begründer mit ihrem ekelhaften Geifer zu besudeln suchten, bevor jene noch völlig in's Dasein getreten war, wenn man nicht wüßte, daß diesen Leuten Alles ein Dorn im Auge ist, was auf Erhaltung unserer heil. Religion abzielt und nicht zufällig ihrer selbstsüchtigen Eitelkeit schmeichelt oder ih-! ren Geldsack füllt; wenn es nicht bekannt wäre, daß diesen Menschen der Sinn für Edles und Schönes so sehr abhanden gekommen ist, daß es der süßeste Genuß für sie ist, alles Erhabene und Heilige, das den bessern Menschen mit Ehrfurcht und Bewunderung erfüllet, in den Schlamm ihrer Gemeinheit herunter zu ziehen. Natürlich, die hiesige Anstalt will jüdische Lehrer im vollen Sinne des Wortes bilden — bedarf es mehr, um einen Philippson und Consorten in Wuth zu bringen? Könnte man doch das Geld, das diesem Zwecke zugewendet wird, lieber der Welt für Gebetbücher mit gefälschter Uebersetzung ausschwindeln. Doch, sie mögen sich heiser schreien; die Arbeiter an dieser Anstalt werden sich nicht beirren lasten und bemüht sein, rüstig an der Lösung ihrer heiligen Aufgabe zu arbeiten, und das Bewußtsein, solche giftige Feinde zu haben, wird sie in dem Entschluß bestärken, zu zeigen, daß es möglich ist, im jüdischen Wissen wohl ausgerüstete und dabei den Anforderungen des pädagogischen Standpunktes der Gegenwart in ihrer allgemeinen Bildung entsprechende Lehrer zu erziehen. Die Israeliten Bayerns aber werden wissen, wo sie ihre wahren Freunde zu suchen haben, sie werden eine Ehre darin finden, der Empfehlung der K. Regierung entsprechend, diese größtentheils auf freiwillige Gaben angewiesene junge Anstalt nach Kräften sowohl materiell als moralisch zu unterstützen. In erster Hinsicht möchten wir insbesondere die Besitzer von Büchern, sie seien jüdischen oder allgemeinen Inhalts, auf die Bibliothek aufmerksam machen, welche für die Anstalt, deren Lehrer und Zöglinge gegründet wird; sie finden wohl keine bessere Gelegenheit, die da und dort leider als lästiges Möbel betrachteten, im Staube modernden jüdischen Bücher den Motten zu entreißen und ihrer heiligen Bestimmung wiederzugeben. Wir schließen mit dem Wunsche, daß diese wichtige Anstalt die Unterstützung und das Vertrauen finde, welche ne verdient, und daß der Segen des Himmels ihr Gedeihen schenken möge. Oesterreichischer Kaiserstaal. Wien, 10. Nov. Von Seite der Regierung wurden die nöthigen Maßregeln eingeleitet, die geeignet sind, eine Trennung der jüd. Vols schule von der kirchlichen Aufsicht herbeizuführen. Es wurde die entsprechende Behörde beauftragt, sich Einsicht von dem Welen und dem Programm der jüdischen Volksschulen zunächst in Böhmen und Mähren zu verschaffen, um daraus zu entnehmen, in wie weit die fernere Beaufsichtigung der Schule dem Ortsrabbiner und in wie weit der Gemeinde anzuvertrauen sei. Aber, wer hätte dies vorausgesehen — diese Maßregel findet den heftigsten Widerstand im Lehrerpersonal der jüdischen Volksschule selbst. Die Lehrer befürchten, gleichzeitig auch in ihrer Existenz, in ihrer Aufnahme und Entlastung von der Gemeinde oder dem Rabbiner (was übrigens in vielen Fällen fast gleichbeoeutend ist) abhängig zu werden, und eifern nun gegen die Trennung der Schule von der Kirche. Biele Lehrer Mäh-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.