Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 5 (1864)
- Issue
- Heft 46 (16.11.1864)
- Date
- 1864-11-16
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2446951-2447141-2447186--02991-2458363- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
604 Michael Coen ist durch einige Näschereien seiner Familie und seinem väterlichen Glauben entführt worden. Man hat ihn gefragt: „Was willst du lieber: das Judenthum oder einen Lebkuchen?" und das Kind hat nach Kinderart sich für die Leckerbissen entschieden. — Es hätte nur des einfachen Zuspruches der Eltern bedurft, um das thörichte Kind den Seinigen zurückzuführen. Man hat den Eltern nicht gestattet, ihr Kind wiederzusehen. Darob ist die Mutter fast wahnsinnig geworden; die einundzwanzigjährige Schwester des Knaben ist vor Kummer gestorben; die ganze Familie hat nach Livorno auswandern müssen, woselbst sie von den Almosen ihrer Glaubensgenossen lebt. Man hatte geglaubt, daß die Mortara-Angelegenheit wider den Willen der päbstlichen Regierung vor sich gegangen, und daß man nur dem Gewichte des Geschehenen nachgegeben habe; man hatte ferner geglaubt, daß nach dem Sturme, welchen der Raub des jungen Mortara in der ganzen civilisirten Welt hervorgerufen, sich Aehnliches nicht wiederholen würde. Man hat sich getäuscht. Coen war noch nicht getauft; bei ihm fand das berühmt gewordene non possuwus keine Anwendung. Uns bleibt nur ein Trost; der nämlich, daß der allgütige Gott Cultur und Gesittung derartig voranschreiten lassen wird, daß sie das Recht der Schwachen der Gewalt des Mächtigen gegenüber kräftigen, und daß man bald darüber staunen wird, wie derlei in unserer Zeit noch möglich war. Man hört vielfach in gewissen Kreisen darüber raisonniren, daß so viel Lärm von „ein Paar Judenjungen" gemacht wird. In diesen zwei Judenjungen jedoch sind die heiligsten Rechte der Menschheit verletzt und — was das Bedauerlichste ist — unter dem Deckmantel des Gesetzes und der Religion verletzt worden. — Literarischer Erricht. PV2 Brief über das Pamphlet ki2Z, geschrieben von Herrn Nissim Schidlof in Kollin, herausgegeben von Herrn Israel Pollak in Eisenftadt, Fürth, Sommer, 1864. Eisenstadt, im Tischri 5625. Das Votum der Hundertsechsundsechzig in der Kompert'schen Prozeßangelegenheit gehört der Geschichte an, es läßt sich nicht daran rütteln durch die Bestechungskünste feiler Federn, es läßt sich nicht verwirren durch das Geschrei frivoler Spötter, Nichts vorschreiben von den angeblichen Pächtern der Cultur und Aufklärung, Nichts aufdringen von denen, die sich als die Alleinbesitzer von Wissenschaftlichkeit, Humanität und Erleuchtung alle Tage selbst ausschreien. Die ernste Stimme, erhoben von den Edelsten unseres Volkes in Angelegenheit einer unserer wichtigsten Glaubenslehren, sie hat ihr praktisches Ziel nicht verfehlt; es ist dieser Glaubenssatz mit einem Eifer vertheidigt worden, welcher wahrlich nicht die letzte Errungenschaft dieses Kampfes ist; denn die „Aftergebildeten" unserer Zeit fingen schon lange an, diese heilige Wahrheit, als wäre es im 19. Jahrhundert ganz natürlich und selbstverständlich, zu verleugnen; und wenn in dm Zeiten des jungen Deutschlands die informatorischen Jünglinge des jungen Judenthums noch Anstrengungen in der Publicität für nöthig hielten, um ihre Abrogation der Hoffnung auf die Ankunft des Messias aus den Gebeten zu rechtfertigen, so war es jetzt so weit gekommen, daß man auch dieß für eitel überflüssige Arbeit hielt, daß die Kinder der Zeit nur ein gnädiges Lächeln für dieses alte „Mährchen" reservirten, vielleicht einen so recht derben Witz, wenn bei Tanz- und Weingelagen die Erwähnung der Hoffnung Israels einmal in so unsaubere Gesellschaft gezogen wurde. Es wurde G. s. D. mit dem unermüdlichsten Eifer, mit der verdienstvollsten Rücksichtslosigkeit, mit der größten Gleichgültigkeit gegen vermeintlichen Schimpf, Beleidigung und Jnvective, welche die einzigen aber bequemen Rüstzeugs der Lüge sind, dieser heilige Grundsatz wieder einmal recht kräftig und energisch vor der Oeffentlichkeit vertreten, und das ist die erste Errungenschaft dieses Kampfes. Allein auch einige Früchte anderer Art, aber nicht weniger kostbare, hat diese ernste Streitsache erzeugt, ich meine die literarischen Arbeiten, welche sie heroorgerufen. Es sind die beiden Broschüren „Offen und ehrlich" und die jetzt angezeigte. Was erstere betrifft, so ist dieses herrliche Erzeugniß eines unserer begeistertsten, gelehrtesten und charaktertüchtigsten Parteimänner schon längst in Aller Händen, und hat dasselbe auch schon in diesen Blättern eine ihrer würdige Beurtheilung gefunden. Sie unterscheidet sich von der gegen- > wärtigen, hebräisch geschriebenen der Form nach eben i durch die Verschiedenheit des Sprachidioms und dem Inhalte nach dadurch, daß erstere, den Faden der vorliegenden Angelegenheit niemals abreißend, stets praktisch apologetisch verfährt und muthig alle Lügengewebe zerreißt, welche durch Verdrehung der Quellen und durch die Hoffnung auf die Leichtgläubigkeit des Lesers allein möglich sind; die vorliegende Schrift aber wendet sich mit der größten Ruhe und Objektivität allen jenen Behauptungen zu, welche in dem Pamphlete riL^ geltend gemacht sind, allen jenen vermeintlichen Argumenten aus Talmud und Gloffatoren, welche jene zur Glorificirung der Wiener Gemeindevertretung und jüdischen Geistlichkeit fabricirte