Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1864-11-09 · Heft 45 (9.11.1864) · page 8

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
5 (1864)
Issue
Heft 45 (9.11.1864)
Date
1864-11-09
Page
– (sequence 8)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
91% known words query
IRI
…/2446951-2447141-2447185--02982-2458353
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

596 dargebotenen Spenden doppelt werth machte und doppelt frerüng annehmbar erscheinen ließ. Fast Alle dieser monatlicken Besucher waren dem Austheilenden bekannt, er wußte ihre Namen und Verhältnisse und erkundigte sich nicht selten, wie es den Ihrigen gehe. „Ich bezahle nur meine Schuld n," pflegte er von diesen Austheilungen zu sagen, und gewiß, noch nie ist Jemand von so zahlreichen „Gläubigern" mehr verehrt und aufrichtiger geliebtworden, als dieser altjüdische Mann von echtem Adel. Das zeigte sich auch in wahrhaft rührender Weise bei seinem letzten Ehrengange hinaus zum Friedhofe. Seiner Bahre folgte die Hälfte aller Armen Danzigs, und sie bildeten sicher einen imposanteren Leichenzug, als manche lange Wagenreihe mit prächtigen Pferden und reich gallonirten Dienern und Kutschern, zumal wenn diese ihre Herrschaften zu Hause gelassen haben. — In dem Perlbach'schen Hause (das Geschäft ist eine der größten Vernsteinhandlungen) werden bei den Bernsteinarbeiten viele arme jüdische Mädchen beschäftigt, für welche die schöne Bestimmung getroffen ist, daß sie, wenn sie eine gewisse Zeit daselbst geblieben sind, eine kleine Aussteuer und Mitgift erhalten, und manch armes jüdisches Ehepaar verdankt allein dieser hochkerzigen Einrichtung die erste Begründung seiner Existenz. Eine Eigenthümlichkeit ganz besonderer Art waltet in der „Mattenbuder" Gemeinde ob. Dieselbe zählt nämlich während der Sommermonate just noch einmal so viel (sehr fleißige) Synagogenbesucher und reicke Beitragspender als im Winter; und diele Wundererscheinung hat ihren Grund einfach darin, daß mit dem Beginn der wärmeren Jahreszeit, so wie nur die Weichsel vollständig eisfrei geworden, eine große Anzahl reicher jüdischer Kaufleute aus Polen herüber nach Danzig kommt, welche fast alle in der Mattenbuder Vorstadt Wohnung nehmen. Dieselben vermitteln nämlich fast ausschließlich den für den ganzen Preußischen Handel so ungemein wichtigen Getreidetransport von Polen die Weichsel herunter nach Danzig, und so umfassend und ausgedehnt sind diese Handelsunternehmungen, daß jene Polen mit Ausnahme kurzer Rückfahrten beständig bis zum Winter in Danzig verweilen. Seit vorigem Jahre freilich hat der Preußisch- Polnische Getreidehandel durch die Polnische Insurrektion ganz gewaltig gelitten, und die dänische Blokade, so ohnmächtig sie auch diesmal im Großen und Ganzen war, hat auch nicht eben dazu beigetragen, den Verkehr wieder zu beleben. In enger und unmittelbarer Verbindung mit diesem sommerlichen Gemeinde-und Bevölkerungszuwachs aus Polen steht eine andere, nicht minder merkwürdige Erscheinung, mit deren Erwähnen wir unsere Danziger jüdischen Skizzen schließen wollen. Das Getreide aus Polen kommt nämlich aus langen und gewaltig breiten Flößen die Weichsel hinunter nach Danzig geschwommen, und diese Flöße werden gerudert und bedient von einem ganz eigenthümlichen Völkchen, „Flissen oder Dschimken" genannt, die in ihrer ganzen äußeren Erscheinung den echt slavischen Typus repräsentiren, und über deren Charakteristik und Lebensart, wie sich solche während ihres Sommeraufenthaltes Ln Danzig kundgibt, sich allein ein ganzes Buch schreiben ließe. Diese sonderbare Schiffsmannschaft nun wird wieder geleitet und beaufsichtigt von Polnischen Juden, die freilich meist den ärmeren Klaffen angehören und im Dienste der eigentlichen Besitzer jener Getreideladungen stehen. Da sie die Aufficht über das an den Ufern der Weichsel oft zu hohen Pyramiden aufgeschichtete Getreide keinen Augenblick außer Acht lassen dürfen, wohnen und übernachten sie im Freien, entweder auf den Flößen selbst oder an dem Gestade unter kleinen zeltartigen Strohhütten, gerade so wie ihre slavischen Ruderer, die Flissen. Da nun, bei vorjähriger guter Ernte und in normalen politischen Zeitverhältniffen jene Ge- Ireideflöße zu vielen Hunderten die Weichsel bedecken, so entwickelt sich bei einbrechender Dunkelheit an den Ufern des Flusses ein eigenthümlich bewegtes Leben, und man genießt, wenn man an einem warm en Sominerabende hierher geht, einen Anblick, wie man ihn so wechselvoll bunt und anziehend wohl selten wiederfinden möchte. Die ganze weite Uferstrecke entlang brennen und leuchten unzählige Feuer, um welche herum die tiefgebräunten Gestalten der Flissen lagern, mit der Zubereitung ihres ärmlichen Mahles beschäftigt. Halbnackte Jungen (die Flissen haben fast immer ihre Familie bei sich) balgen sich in der Nähe herum, und die Frauen auf dem Wasser singen nach einer jener schwermüthigen Melodien ein alt-slavisches Volkslied. Nicht weit davon an einem andern Feuer ertönen die munteren Klänge einer halb verstimmten Geige, zu denen die jüngeren Bursche mit frohem Jauchzen einen Nationaltanz aufführen. — Musik und Tanz ist der einzige höhere Genuß, den das Leben dem Flissen bietet. — Auf einmal erblickst Du, um besondere Feuer gelagert, lange bärtige Gesichter; das sind die jüdischen Aufseher und Hüter der Getreideladungen. Ihre eigenen Speisen sich zubereitend sitzen sie da oder sie stehen aufrecht, und wie Dir alsoann ein leises Schaukeln des Oberkörpers andeutet, verrichten sie in stiller Andacht ihr Abendgebet. Hierzu eine Beilage. Verantwortliche Rrdaction: vr. Lehma,». — Dnlag der Le Ronx'schen Hosbuchhandlnng. — Tampf»Schnrllprefsendruck von I. SottSlebr« in Nainj.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.