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Der Israelit · 1864-11-09 · Heft 45 (9.11.1864) · page 6

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Journal
Der Israelit
Volume
5 (1864)
Issue
Heft 45 (9.11.1864)
Date
1864-11-09
Page
– (sequence 6)
Language
German
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594 Frankreich. Unter der Rubrik „Jüdische Briefe" veröffentlicht Herr Albert Kohn im „UlrUvers Israslile" eine Reihe c.n seinen Sohn gerichteter Briefe, die auch für unsere Leser von großem Interesse sein werden, weil sie nicht nur die Lebensgeschichte des berühmten Mannes, sondern auch ein Bild der verflossenen Jahrzehnte und eine Schilderung der religiösen Zustände geben, die sowohl von historischem Werthe ist als auch zur Belehrung für die Zukunft gereicht, und namentlich, weil sie das Resultat der Bemühungen des Verfassers um unsere Brüder im Orient zusammenfassen. Wir lassen nunmehr den Verfasser selbst reden: I. „Da ich kaum von meiner sechsten Pilgerfahrt zurückgekehrt bin, verlangst Du, mein lieber Sohn, daß ich die Resultate meiner verschiedenen Reisen im Orient zusammenfassen soll. Mündliche Mittheilungen sind flüchtig und lassen keine Spur zurück; das Leben selbst ist kurz und verlangt von uns beständig, daß wir uns sammeln, um denjenigen, welche nach uns kommen, die Resultate unserer Erfahrungen hinterlassen zu können, damit sie nicht gezwungen seien, bei jedem neuen Unternehmen die Versuche zu wiederholen, welche ihre Vorgänger bereits mit größerem oder geringerem Erfolge angestellt halten. Du hast Recht, und was ich bis heute nicht gethan habe, da mich eine gewisse Furchtsamkeit, welche es immer vorzog, zu bandeln, als das von mir unter göttlichem Beistände Vollbrachte zu besprechen oder gar zu beschreiben, zurückhielt — ich werde es nunmehr versuchen, da die Erfüllung Deines Wunsches meiner väterlichen Liebe ein Antrieb mehr hierzu ist. Ich werde ein wenig von mir selbst sprechen müssen, denn ich sehe kein anderes Mittel, wahrhaft zu fein, und die Wahrheit ist nach dem Ausspruche unserer Weisen das Siegel Gottes. Es gibt überdies nur zwer Arten von Demnth; die erste, welche jeden Ruhm der Vorsehung zuschreibt und sich selbst nur als das Organ Gottes weiß, glücklich in dem Gedanken, als Werkzeug in der Hand des Allmächtigen zu dienen; die zweite ist diejenige, welche sich das Ansehen gibt, nur Thatsachen zu berichten, und deßhalb von sich selbst nur in der dritten Person spricht. Man müßte Moses oder Julius Cäsar sein, um für sich eine dieser Arten von Bescheidenheit in Anspruch nehmen zu dürfen. Nach dieser kleinen Vorrede schreite ich unmittelbar zur Erzählung einiger i Thalsachen, welche mich betreffen, und welche mich all-! mählich dahmgeführt haben, mich mit den heiligen In-! tereffen des Judenthums, sowohl im heiligen Lande, als im Orient überhaupt zu beschäftigen. j Beim Ausgange des jüngsten Versöhnungstages j waren es fünfzig Jahre, daß ich zu Preßburg in j Ungarn von wenig wohlhabenden, aber aufrichtig frommen Eltern geboren wurde; schon in früher Jugend fühlte ich eine besondere Vorliebe sowohl für Frankreich, wie für den Orient. Meine Zuneigung für Frankreich, welches mein Vaterland und das deinige, mein theurer Sohn, geworden ist, erklärt sich leicht. Mein seliger Vater war der Enkel eines Mannes, der aus Frankreich stammte; fern Großvater, Nabbi Abraham Elsaß, hatte unter Ludwig XIV. Huningen (im Elsaß), eine alt-jüdische Gemeinde, verlassen müssen, da der König nach der Eroberung des Elsaß alle jüdischen Bewohner aus Huningen vertrieb, weil er daselbst eine Festung anlegen wollte. Mein Urgroßvater kam nach einer langen Reise nach Preßburg in Ungarn, einem Lande, das sich immer gastfreundlich gegen unsere Glaubensgenoffen bewiesen hat. Er verheiratete sich dort und erhielt nach der Gewohnheit jener Zeit als Beinamen den Namen des Landes, aus welchem er kam, einen Namen, welchen noch mein seliger Vater, Rabbi Schimschon Elsaß, trug.— Meine Zuneigung für Palästina erwuchs aus der religiösen Erziehung, die ich namentlich von meiner seligen Mutter empfing, einer geborenen Reckendorf. aus Trebitsch in Mähren, wo mein Großvater, Nabbi Zebi Chajim Reckendorf, Nosch Jeschibah und mein Urgroßvater, Rabbi Bär Neckendorf, Nosch Medinah, gewesen waren. — Eine Erinnerung aus meiner frühesten Kindheit, ich war damals kaum sieben Jahre alt. welche mir recht lebendig geblieben ist, ist folgende: An einem! Samstage im Sommer war ich während dcS Mincha- , Gottesdienstes, ungefähr um vier Uhr Nachmittags, in der Synagoge eingeschlafcn. Da ich nicht heimkam, suchte mich meine arme Mutter überall; endlich beim Abendgebet, um renn Uhr Abends, fand man mich schlafend vor der heiligen Lade; als man mich fragte,! ob ich mich nicht gefürchtet hätte, antwortete ich: „O l nein, ich bin ja bei Gott gewesen". — Im Alter von! zwölf Jahren begab ich mich nach Wien, wo ich von 1826— 1834 die verschiedenen Classen des Gymnasiums und der philosophischen Facultät an der Universität absolvirte; als ich neunzehn Jahr alt geworden war, sollte ich einen festen Entschluß im Bezug auf die Wahl meines Lebensberuses treffen; alle jungen Leute meiner Vaterstadt, die sich dem Studium gewidmet hatten, waren Medieiner geworden; das war damals das einzige Studium, welches den Israeliten freistand. Um meinen Eltern zu gefallen, würde ich dieselbe Laufbahn erwählt haben; aber es war mir nicht möglich, einen tobten Körper zu seciren; mehrere Male war ich in den Anatomie-Saal gegangen, und jedesmal fühlte ich, daß cs mir unmöglich war. Ich bat meine Eltern, mich meinen Liebhabereien folgen zu lassen, indem ich ihnen die Versicherung gab, daß ich es schon zu Etwas bringen würde. Ich widmete mich von da an mehr und mehr dem Studium der

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