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Der Israelit · 1864-11-09 · Heft 45 (9.11.1864) · page 4

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Journal
Der Israelit
Volume
5 (1864)
Issue
Heft 45 (9.11.1864)
Date
1864-11-09
Page
– (sequence 4)
Language
German
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593 eine strenge Bewahrung des jüdisch socialen Elements als Grundbedingung des zu bewährenden sittlich religiösen Charakters. Hier sind zwei verschiedene Wege. Wer den einen wandelt, muß den andern meiden. Was die staatliche Gesetzgebung in ihren humanen Fortschritten zu vereinen strebt, das trennt ja wieder diese Anforderung des jüd. religiösen Lebens. Ob dem so sei: Limilituäo rnoi-um iaoit aroioilias, sagt ein berühmter Römer. Was zieht den Menschen zum Menschen? Etwa die gleichmäßigen Nahrungsmittel, die Uniformität der Kleidung, die Gemeinschaftlichkeit der Genüsse? Alles dieses mag momentan anziehen; eine dauernde Freundschaft vermag es nicht zu begründen. Die wahre und dauernde Sympathie, welche Menschen für einander empfinden, beruht auf der gegenseitigen Achtung, auf der gegenseitigen Wahrnehmung großer und edler Charakterzüge, also auf dem sittlichen Charakter. Lessing bekümmerte sich weder um die Speisen, welche Moses Mendelssohn genoß, noch um die Ceremonialgesetze, welche dieser auf das Gewissenhafteste beobachtete, und doch liebten sie sich mit einer Innigkeit, welche Bewunderung einflößte. Es war der hohe sittliche Charakter, der Lessing bei Mendelssohn ganz des Juden vergessen ließ. Ja, es mochte ihm gerade dieser dem religiösen Glauben entsprossene sittliche Charakter mehr Bürgschaft bieten, als ein bloß auf Vernunftrecht gebautes Sittlichkeitsgefühl. So find es gerade diese auf Heiligung des Lebens abzielenden Gesetze, welche scheinbar den Menschen vom Menschen zu trennen scheinen, und gegen welche die Humanisten in erbitterter Weise zu Felde ziehen könnten, welche den Menschen mit dem Menschen vereinen; sie sind es gerade, welche die Existenz der Staats-, welche die Existenz der Menschengesellschaft ermöglichen. Sie sind ein Band der Einigung; sie sind ein Band der Ordnung; sie treten den zerstörenden Einflüssen des Lebens hemmend entgegen. So mag der religiöse Jude sich dem bürgerlich socialen Leben anschließen; aber er muß einer Verletzung jener religiösen Vorschriften ausweichen, die die Eigentümlichkeit feines Lebens und feine Aufgabe als religiöse Genossenschaft bilden. Und wenn auch schwache Seelen mitleidsvoll über eine solche in unseren Tugen unerhörte Beschränktheit lächeln mögen, der vernünftige, der Lieferblickende Staatsmann wird einen dem religiösen Glauben entsprossenen sittlichen Charakter höher schätzen, als ein aus völligem Unglauben oder aus völliger Unwissenheit hervorgegangenes Anschmiegen an christliche Lebensweise, und er wird mit dem alten Römer sprechen: „Es kommt beim Menschen nicht darauf an, wie viel Felder er bebaut, wie viel Gewinn er erzielt, von wie Vielen er begrüßt wird, in welchem werthvollen Bette er auch liegt, aus welchem glänzenden Gefäße er auch trinkt, sondern wie gut er sei." — Ja, die Achtung, die Liebe, die Freundschaft unserer intelligenten andersglaubenden Mitbürger erwerben wir uns nicht dadurch, daß wir dieselben Speisen, wie sie, genießen, daß wir Sabbate und Festtage verletzen (denn auch darum werden sie sich wenig bekümmern, unter welcher Form wir unfern Gott verehren), sondern dadurch, daß wir, unserm Stammvater Abraham nachahmend, voranleuchten als ein Vorbild strenger, unbestechlicher Gerechtigkeit als ein Vorbild des unerschütterlichen Gottvertrauens, als ein Vorbild der Friedfertigkeit, der uneigennützigen Dienstfertigkeit, der hingehendsten Menschenliebe! Dann wird die Welt — wenn sie wahrnimmt, zu welch' edlen Menschentugenden diese eigentümlich jüdischen Gesetze führen — mit dem Wort der heiligen Schrift sprechen: p-> >.^!i viri O2ri „Nur diese große Nation ist weise und verständig." Nur dieses Volk faßt das Leben richtig auf; es lernt aus seiner Vergangenheit für seine Zukunft; es wendet die geeigneten Mittel an, um die Lebensaufgabe in der würdigsten Weise zu lösen. Zu verkennen ist nicht, daß der Israelit im bürgerlich socialen Leben durch die Eigenthümlichkeit seiner Religionsgesetze mancherlei Schwierigkeiten begegnet; aber dieselben werden von einem gläubigen Gemüthe, das gerade in der Vermehrung der zu überwindenden Schwierigkeiten ein um so größeres Verdienst erblickt, überwunden. Zeitungsnachrichten und Correspon- -enzen. Deutschland. Mainz, den 30. October. Wir haben in voriger Nummer berichtet, daß der Correspondent des „Jew. Chr." sich mit der Beweisführung des Herrn Rabbiner Kalischer zu Thorn nicht einverstanden erklärt habe. In der neuesten Nummer der genannten Zeitschrift macht Herr Esra Benvenista in Paris, welcher längere Zeit im heiligen Lande lebte, darauf aufmerksam, daß die Angaben des genannten Correspondenten sämmtlich auf Jrrthümern beruhen und daß die von demselben als mißlungen bezeichneten Unternehmungen sich im Gegentheil der schönsten Erfolge erfreuen. — Mannheim, 24. Oct. Die Wahlen für den Ortsschulrath sind heute hier mit jener der Israeliten zu Ende gegangen. Wie seit Einführung der Emancipation allenthalben im Lande die Bethei-

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