Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 5 (1864)
- Issue
- Heft 44 (2.11.1864)
- Date
- 1864-11-02
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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584 Die älteste jüdische Gemeinde Danzigs, deren Mtglieder und Repräsentanten noch jetzt ihr früheres Anrecht als einen gewissen (freilich jetzt werth- und inhaltlosen) Vorzug geltend machen, führt den speziellen Namen Danziger Gemeinde, und die versteckte Lage ihrer Synagoge, zu der man nur durch einen langen schmalen Gang, weitab von der Straßenfront gelangen kann, gibt uns noch heute sprechender, als die lebendigste Schilderung, ein Abbild der religiösen Unduldsamkeit, unter welcher, wie überall in den finsteren Zeiten des Wahns und des Aberglaubens, auch hier die Juden seufzten. — Zwei geistige Monumente aus jener Zeit, das eine mehr komischer, das andere tief ernster Natur, haben sich hier bis auf heute erhalten. Man findet nämlich in der Danziger Gemeinde Beinamen einzelner Individuen (bei einigen find sie zu wirklichen Familiennamen geworden) deren humoristische Bezeichnungen, meist von Verrichtungen dienstthuender Personen begleitet, nichtsdestoweniger einen mit den Verhältnissen jener Zeit zusammenhängenden historischen Hintergrund haben. — Wie bereits oben erwähnt, hattm nämlich bis zu Anfang dieses Jahrhunderts nur wenige Juden die Begünstigung, in der Stadt Danzig selbst ihren Wohnsitz zu nehmen, und sie mußten ein solches Privilegium theuer bezahlen. Wollten diese nun einzelne Bewohner der Vorstädte oder auch Fremde an diesem Vorrechte theilnehmen lassen, so konnte dies nur dadurch geschehen, das sie vor Gericht erklärten, sie hätten den „Reb so und so" als Diener (oder Lehrer und dergl.) zu sich ins Haus genommen. Letzterer wurde dann als zur Familie gehörig angesehen und erhielt von Seiten des Gerichts und Behörden gleichen Schutz mit dm bereits Ansässigen. Wie häufig nun dieser Ausweg, oder besser gesagt Umweg, beschritten wurde, zeigen uns eben jene noch heute zahlreich genannten Beinamen, und es mögm die betreffenden jüdischen guusi-Herrschaften nicht selten in Verlegenheit gerathen sein, unter welchem Titel sie ein neues Bedienungs- und Familienmitglied vor Gericht einsühren sollten, wie mir denn lange Zeit die historische Begründung z. B. des Namens „Reb Aaron Kutschenspring er" nicht wmig Kopfschmerzen gemacht hat. Das andere Erinnerungszeichen ist ein kurzes jüdisches Gebet, welches an jedem Jom Kippur Abende in einigen Danziger Synagogen nach den übrigen Gebeten eingeschaltet wird. Dasselbe bezieht sich auf die glückliche Verhinderung einer letzten Judenverfolgung in Danzig, zu der Zeit, da das gräßliche „Hep! Hep!" (als zur Zeit der Kreuzzüge in Süddeutschland die Judenverfolgungen begonnen, trugen die fanatischen Glaubenseiferer Fahnen mit der Inschrift Lst kvräit» ^Jerusalem ist verloren), der Pöbel, der diesen Fahnen folgte, setzte die drei Anfangsbuchstaben zusammm und machte daraus das Mordgeschrei „Hep!"), «och einmal in Deutschland die Runde machte. Das Nähere hierüber ist Folgendes: Es existirt in Danzig eine Klaffe der Bevölkerung (mehrere Tausend,) auS den niedrigsten Arbeitsschichten bestehend, welche an innerer und äußerer Rohheit sich getrost mit den uncivilisirtesten Stämmen wilder Völkerschaften messen kann. Es sind das die sogenannten Sackträger, welche das Getreide von den Schiffen in die Speicher und beim Einladen wieder hinunter in die Schiffe tragen. — Unter diesen namentlich war zu jener Zeit der Glaubmshaß gegen die Juden eifrigst geschürt worden, und ihre Rädelsführer hatten den Beschluß gefaßt, am Abende des Versöhnungstages die jüdischen Beter beim Ausgange aus den Synagogen zu überfallen und niederzumetzeln. Am Tage vor dem verhängnißvollen Feste ging nun, so wird erzählt, ein junges jüdisches Mädchen, die schöne Tochter eines angesehenen Kaufmanns, über den Markt und kaufte sich Obst von einer Hökerin, die durch ihren Mann, einen Sackträger, von jenem grausigen Vorhaben Kenntniß hatte. Die Verkäuferin, von Mitleid mit dem hübschen Kinde bewegt, flüsterte dem Mädchen einige ihm seltsam klingende Worte zu, die das Kind im Scherze seinen Eltern wiedererzählte. Der Vater, welcher sofort die schreckliche Bedeutung dieser Worte erkannte, zögerte keinen Augenblick, die drohende Gefahr den Behörden mitzutheilen, und namentlich durch das energische und umsichtige Handeln des Stadthauptmanns, der zur rechten Zeit an den bedrohten Stellen Militär concentrirte, gelang es, den entsetzlichen Plan der rohen Menschenhaufen, die sich wirklich an dem gedachten Abende zusammenrotteten, zu Schanden zu machen. — Ich habe nicht erfahren können, was von den Einzelnheiten dieser Begebenheit, die in ihrem Hauptmoment jedenfalls historisch ist, der Wirklichkeit, und was der bloßen Sage angehört. Die „Danziger" Gemeinde, die übrigens an Wohlhabenheit und äußerem Ansehen durchaus nicht den Rang einnimmt, den sie als älteste Gemeinde DanzigS beanspruchen müßte, hat in Betreff ihrer Einrichtungen und Formalitäten nicht minder wie Einzelner ihrer Mitglieder und Persönlichkeiten vieles Interessante und Merkwürdige aufzuweisen. Als das Merkwürdigste ist mir aber immer während meines dortigm Aufenthalts, wo ich von meinem Studienstübchen aus häufig daS Vergnügen hatte, die eifrigen und durchaus nicht monotonen Debatten des Gemeindevorstandes, (zu welchem auch mein Wirth sich zählte), mit anzuhören, ein Repräsentantenmitglied erschienen, dessen Lunge ich noch heute in Betreff ihrer unglaublichen Leistungsfähigkeit, Stärke und Ausdauer, für eins der allergrößten physiologischen Wunder zu halten geneigt bi». Wenn er in einer viertelstündigen gewaltig laute» Rede, die nur zuletzt in Folge eingetretener Heiserkeit