Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1864-10-26 · Heft 43 (26.10.1864) · page 12

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
5 (1864)
Issue
Heft 43 (26.10.1864)
Date
1864-10-26
Page
– (sequence 12)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2446951-2447141-2447183--02956-2458325
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

572 gegen Arme und Nothleiderrde seine Seele mit Bewunderung erfüllt. Wie sollte er den Gedanken hegen können, einer Religion untreu zu werden, die er liebte und verehrte? Wie sollte er durch solch' eine Untreue sich von Denen trennen, die ihm die Liebsten, die Theuersten auf Erden waren? (Denn was man auch sagen mag: Des Menschen Individualität ist eigentlich sein religiöses Denken und Fühlen. Wenn diese Gefühls- und Denkweise durch Annahme einer andern Glaubensmeinung geändert wird, dann zerreißt das Band, das die Glieder einer und derselben Familie, eines und desselben Volksstammes zusammenhält.) Ja, winkten auch im jenseitigen Lager die glänzendsten Lorbeeren, welcher Ehrenmann kann es mit seiner Ehre vereinbar finden, als Ueberläufer in dasselbe zu ziehen, um dort äußerlich eine Glaubensrichtung zu vertreten, von der er nicht überzeugt ist, ob sie für die wahre gelten kann? Verdiente der Mann nicht unsere ganze Verachtung, der um schnöden Gewinn oder um hoher Ehre willen das Liebste, was er nach Göthe's Ausspruch besitzt — seine Ueberzeugung — hergibt? Und selbst auch dann, wenn manche Wahrheiten des eigenen Glaubens aus irgend welchem Grunde nicht ganz faßlich wärm, die der anderen wären es aber ebmsowenig, verdiente ein Uebertritt weniger Tadel? Wäre er ehrenvoller? Mit Nichten! Männer aber, die auf einer so hohen Geiftesstufe stehen, wie S. stand, könnm diese Ueberzeugung, die nicht Sache der Spekulation, sondern der Annahme positiver Wahrheiten ist, nicht leicht erlangen! Sollte er aber darauf verzichten, die ehrenvolle Bahn zu betreten, die ihm winkte und die dem Manne, der mit Liebe an seiner Verufsthätigkeit hängt, allein Befriedigung und weitere Förderung in seinem Streben gewähren kann? Wenn Ehrenhaftigkeit und Nützlichkeit mit einander im Kampfe liegm, dann muß die Entscheidung jedenfalls zu Gunsten der ersteren getroffen werden. Die Liebe ist das mächtigste Gefühl, das des Menschen Brust bewegt; aber selbst dieses mächtigste aller Gefühle muß der Ueberzeugung vor der Wahrheit einer Sache zum Opfer gebracht werden. S. widerstand leider — so ehrenhaft auch sonst sein Charakter war — der lockenden Versuchung nicht. Seine gelehrten Freunde äußerten oft gegen ihn, was einst Lavater gegm dm Philosophen Mendelssohn geäußert: „O, ich kann es nicht verhehlen, ich liebe Sie innig; aber ich würde Sie noch weit mehr lieben, wenn Sie unserem Glauben angehörten." Doch wirkte vor Allem auf seine Entschließung eine Unterredung, die er mit dem Fürsten des Landes selbst hatte. „Ach," sagte dieser eines Tages zu ihm, „was meine persönlichen Ansichten betrifft, so würde Ihrer Ernennung zum Universitätsprofeffor nicht das geringste Hinderniß im Wege stehen; aber wir leben noch in einer Zeit der Vorurtheile. Es sind Vorurtheile, über die ich mich selbst nicht wegsetzen darf, ohne mich der Gefahr auszusetzen, die Glaubwürdigkeit meiner religiösen Ueberzeugung bezweifelt zu sehen." S. entnahm aus diesen Worten, auch er solle nach des Fürsten Beispiel dem Vorurtheil ein Opfer bringen. Der Würfel war gefallen! Er kam, mit neuem Entschlüsse erfüllt, in's elterliche Haus zurück. Die Widersetzlichkeit, die Bedenken, die von dieser Seite erhoben wurden, wußte er mit der ihm zu Gebote stehenden glänzenden Beredsamkeit zu entfernen. Der Akt wurde vollzogen! S. gehörte dem Judenthum nicht mehr an. Nicht lange und er stand aus dem Lehrstuhle der juristischen Fakultät in einer als deutscher Musensitz renommirten Hochschule. Von nun an stand die Familie W. auf den: Gipfel menschlichen Glanzes. Gesundheit, Schönheit, Reichthum, Ansehen, Kindersegen und Alles, was zur Verherrlichung des menschlichen Lebens dienen kann, hatte sie erreicht. Selbst des Professors Eheverbindung mit einer angesehenen christl Familie trug dazu bei, den Glanz zu erhöhen. Aber wie die Pflanze sich nur so lange weiter entwickelt, so lange ihr der nährende Saft aus dem mütterlichen Schooße der Erde zugeführt wird, so wächst auch der Mensch nur so lange, als ihm der Boden bleibt, aus dem er die sittliche Kraft zieht, die sein Wesen nährt. Dieser Boden — der Glaube, das aus ihm entspringende Sittengesetz, das des Menschen Lebensthätigkeit regelt, heiligt und weiht, war gewichen — der höhere Lebenszweck ihren Augen entrückt. Ein französischer Autor sagt: Du mspris äs 1a rsliAion ov passe rapiäsrnsnt ü sv äautsr; sveore UN pas st on ns 1a sroit plus. „Von der Religionsverachtung geht man schnell zum Religionszweifel über; noch einen Schritt und — man glaubt sie nicht mehr." Der Glanz des Reichthums, der die Familie umgab, die Ehrenbezeugungen, deren Gegenstand sie waren, mochten blenden durch die strahlende Außenseite; aber hinter derselben war schon das Gift des Todes wirkend, langsam schleichend, aber mit dem Da hinwelken des Glückes endigend Des Professors Schritt war in der Familie nicht ohne Nachahmung geblieben. Andere Glieder glaubten sich zu erheben und ihre Glücksaussichten zu vermehren, wenn sie ein Gleiches thäten. Eitle Täuschung! „Das Glück," sagt Salomo, „kaum hast du den Blick darauf gerichtet, so ist es fort. Reichthum schafft sich Flügel; wie ein Adler durchfliegt es die Lüfte." Darum nicht im Neichthum liegt die dauernde Größe des Menschen, nicht im hohen Rang, selbst, wenn ihn wirkliches Verdienst eingeräumt hat,

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.