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Der Israelit · 1864-10-26 · Heft 43 (26.10.1864) · page 11

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Journal
Der Israelit
Volume
5 (1864)
Issue
Heft 43 (26.10.1864)
Date
1864-10-26
Page
– (sequence 11)
Language
German
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571 del, zu welchem alle Juden gedrängt wurden, gar Manchen zur bittersten Armuth geführt, der — als Handelsmann ungeschickt — aber, wenn er eine seinen Anlagen entsprechende Bildung und Beschäftigung gefunden hätte, zum wohlhabenden Manne geworden wäre. Armuth erweckt zwar eine demüthige Gesinnung — und diese ist Gott wohlgefällig aber die bittere Noch kann unter Umständen auch den ehrenhaftesten Charakter der Art ändern, daß an die Stelle der Geradheit, der Biederkeit, der Ehrenhaftigkeit ein — wohl immer schwer zu tadelndes — aber unter Umständen doch zu entschuldigendes Gegentheil tritt. Man wollte diese Zustände bezüglich der Juden ändern. Der menschenfreundliche Fürst des Landes, allen Andern seines Gleichen in rühmlichstem Beispiele voranleuchtend, that die ersten Schritte dazu. Er entfernte manche der die Juden beschränkenden Gesetze; er gewährte ihnen das Bürgerrecht, während sie in andern Staaten nur als Schutzjuden geduldet wurden. Es bedurfte angesehener jüdischer Männer, die durch ihren Einfluß ihre Glaubensgenoffen für die neuen Ideen empfänglich machten. Die Familie W. zeigte sich vor allen Andern dafür begeistert und auch dazu geeignet. Hatte doch das Haupt der Familie, Herr A., neben seinem weltlichen Wissen auch gründliche thalmudische Studien unter zwei Celebritäten von Thalmudlehrern gemacht, und dieses Wissen kam ihm jetzt, um das Mißtrauen bei seinen gegen neue Einrichtungen sich bedenklich zeigenden Glaubensgenoffen zu verscheuchen, trefflich zu Statten, denn er wußte darzuthun, daß auch die durch Frömmigkeit und eklatantes Wissen anerkanntesten Thalmudgelehrten Her alten Zeit dem Prinzips huldigten, daß zwar der Juden vorzüglichste Beschäftigung das Thorastudium sei, daß er aber dennoch auch eine seinen Anlagen entsprechende Ausbildung und Beschäftigung finden sollte. Andere Männer, mit thalmudischem Wissen ausgerüstet, standen ihm dabei in der Art hilfreich zur Seite, daß sie eine Sammlung der hierauf bezüglichen Stellen aus dem Thalmud veranstalteten, die geeignet waren, theils die Vorurtheile gegen den Thalmud bei den Andersglaubenden zu entfernen, theils die eigenen Glaubensgenossen über ihre Ausgabe im bürgerlichen Leben aufzuklären. Diese Bestrebungen verschafften der Familie W. bei ihren christl- Mitbürgern ein ungewöhnliches Ansehen; man ehrte sie, wie keine andere, und das spornte sie noch mehr an, für die sociale Bildung ihrer Glaubensgenossen mit aller Kraft zu wirken Die Erziehung der eigenen Kinder sollte das Vorbild dazu geben. Was das Judenchurn äußerlich kennbar machte, sollte vermieden werden. Das war ja der Vorwurf, der unter andern von christl. Seite dem Judenthum gemacht wurde, daß seine Eigenthümlichkeiten seine Bekenner hinderten, an der deutschen Nationalität Theil zu nehmen. Namhafte Gelehrte, wie Voß, Hebel, Wegner, die die Familie zuweilen besuchten, übten besonders auf die Heranwachsende Jugend einen großen Einfluß aus, der zwar der äußeren Bildung sehr förderlich ward, aber dem jüd. religiösen Leben den bedeutendsten Abbruch that. Unter den Heranwachsenden Söhnen glänzte vor allen andern durch seltene Begabung, durch Herzensgüte, durch Anhänglichkeit an den angestammten Glauben S. Nach dem Wunsche seines Vaters sollte er die juristische Laufbahn betreten, und er that dies mit solchem Erfolg, daß er schon nach wenigen Jahren die Hoffnung hegen konnte, einst einen Lehrstuhl an der Hochschule zu betreten. Eine Apologie, die er noch als Student gegen die maßlosen Angriffe des judenfeindlichen Professors F. richtete, zeigte seinen Glaubensgenoffen, was sie von diesem talentvollen und strebsamen jungen Manne zu hoffen hatten; denn nicht nur, daß er diese gehässigen Angriffe in ihrer Nichtigkeit und Grundlosigkeit auf's Schlagendste widerlegte, sondern er wußte auch die isr. Sittenlehre in der Reinheit eines Glanzes darzustellen, die den Gegner frappirte. Und diese edle Geistesrichtung, die ihn die seinem Volke zur Last gelegten Gebrechen nicht in der eigenthümlichen Gesetzgebung dieses Volkes, sondern in der intoleranten Gesetzgebung der mittelalterlichen Zeit erkennen ließ — denn in dem Volkscharakter, sagt Voltaire, spiegelt sich des Volkes Gesetzgebung ab — sie blieb ihm auch noch in der Zeit, als die Kraft seines Geistes auf jene Höhe gekommen war, wo Viele seines Gleichen mit weit geringerer Begabung, die demüthige Gesinnung, die das Charakteristikum eines wahrhaft großen Geistes ist, verlierend, in frevelnder Vermessenheu den Himmel erstiegen zu haben glaubten und mit mitleidigem Lächeln auf diejenigen herabzublicken pflegten, die diesem ihrem kühnen Geistesfluge nicht folgen konnten. S. hatte ferne juristischen Studien vollendet. Eine Abhandlung, die er über die Frage schrieb: „Wer schlimmer sei, der Hehler oder der Stehler," hatte die gelehrte Welt auf den tiefen Denier, auf den vielseitig gebildeten Gelehrten aufmerksam gemacht. Er stand auf dem Punkte, für eine vakante Professur an der juristischen Fakultät zu H. ernannt zu werden. Da, da zeigte sich auf einmal der finstere Geist der Unduldsamkeit in seiner ungerechtesten Parteileidenschaft. Männer, die sonst zu S.'s persönlichen Freunden und Verehrern gehörten, traten prinzipiell gegen diese Ernennung auf. S. war in das Stadium getreten, wo die Versuchungen mit Macht an den Menschen herantreten, und wo es der Zusammenraffung aller in ihm vorhandenen Kraft bedarf, um den Schwerpunkt der Seelenruhe nicht zu verlieren. In seiner religiösen Ueberzeugung war er nicht schwankend; die rrn Judenthum wohnende Wahrheit hatte ihn angesprochen; seine humanen Gesetze

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