Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 5 (1864)
- Issue
- Heft 40 (5.10.1864)
- Date
- 1864-10-05
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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533 vor deinem Angesicht vorüberziehen lassen; aber du wirst nicht Mein Antlitz sehen können, denn kein Mensch kann Mich sehen und leben." (2. Moses 17, 4; 28, 18 — 20.) Und Moses vertraut auf Gott und fährt fort, zu triumphiren, indem er gehorcht. Das Werk der Befreiung ist vollendet; Moses hat das Volk Israel aus Aegypten geführt und die ersten Gefahren und die ersten Leiden der Wüste überwunden. Sie schreiten in die gebirgige Gruppe der Halbinsel Sinai vor; von Thal zu Thal kommen sie an dem Eingang eines breiten, von hohen Bergspitzen umgebenen Thalbeckens an. Jene Spitze, welche die weiteste Aussicht bietet, ist bedeckt von gewaltigen Felsblöcken, wie wenn der Berg durch ein Erdbeben wäre umgekehrt worden. Ein tiefer Spalt theilt die Spitze in zwei Gipfel. Die untengelegene Ebene ist der genau bezeichnet«: Platz für das israelitische Lager. Das Bestehen einer solchen Ebene im Angesicht-eines steilen Berges stimmt ganz mit der biblischen Erzählung, um einen starken Beweis zu liefern, nicht nur, daß dies der Ort der Scene, sondern auch, daß diese Scene durch einen Augenzeugen beschrieben ist. Das langsame und feierliche Herannahen an diesen Ort, wie an ein natürliches Heiligthum, scheint eine passende Vorbereitung für das folgende Ereigniß zu sein. Eine Linie von hochangeschwemmtem Boden am Fuße des Gipfels erinnert an die Gränzen, welche, nach dem 2. Buche Moses, das Volk abhalten sollten, den Berg zu berühren (Kap. 19, 12). Die Ebene ist nicht ungleich, gebrochen und gerade geschlossen, wie fast alle, welche sich in dieser Gruppe finden; sie bietet eine lange und tiefe Biegung, in welcher das Volk sich aufstellen und seitwärts halten konnte. Der Hügel, welcher sich wie ein unermeßlicher Altar im Angesichte des ganzen Voltes erhebt und sich am Himmel abspiegelt von einem Ende der Ebene bis zum andern, ist in seiner einsam stehenden Größe das Abbild jenes Berges, welcher „nicht berührt werden sollte," und von dessen Höhe herab „die Stimme Gottes" weithin im ganzen Stamme gehört werden konnte, der auf diesem Punkte durch das Zusammentreffen aller benachbarten Thäler noch vergrößert wurde. Hier ist in Wahrheit unter allen Partien der Halbinsel ein abgeschlossenes Heiligthum wie am Ende der Welt, fern von Tumult und der Verwirrung irdischer Dinge.*) So war schon vor 3300 Jahren und so ist noch jetzt der Ort, wo Moses dieses Gesetz von Gott empfing und es dem Volke Israel gab, welches noch heute die erste Basis des Glaubens und die Sittenregel der christlichen Völker ist. *) Sinai und Palästina in Verbindung mit ihrer Geschichte, von Arthur Stanley, Dechant von Westminster, S. 42, 43. London, 1862 (englisch). Die Hebräer waren in dem Augenblicke, da der Dekalog das Fundament ihres Glaubens wurde, in einer Krisis sozialer Umbildung und nahe daran, aus einem Hirten- und Nomadsnstande in den Stand des Ackerbaues und der festen Niederlassung überzugehen. Es scheint, daß in einer solchen Epoche die politischen Einrichtungen eines Volkes, die Grundlagen seiner Regierung seine natürlichste und wichtigste Angelegenheit seien. Der Dekalog bleibt dem aber ganz fremd und enthält nicht die entfernteste Anspielung daraus. Es ist ein ausschließlich religiöses und Sittengesetz^ das sich bloß mit den Pflichten gegen Gott und gegen Seinesgleichen beschäftigt und übrigens, durch sein Stillschweigen hierüber, alle Regierungsformen zuläßt, welche der innere oder äußere Zustand der Gesellschaft gebieten oder erzeugen kann. Es ist dies etwas Großartiges, wie es sich nirgends in den ursprünglichen Gesetzen entstehender Staaten wiederfindet, und worin sich offenbar die göttliche Quelle desselben enthüllt; der Dekalog wendet sich an die Natur und an die sittliche Bestimmung des Menschen; er will dessen Seele und innere Freiheit regeln und überläßt seine äußere und bürgerliche Stellung allen Wechseln des Ortes und der Zeit. Ein anderer Charakter dieses Gesetzes ist nicht weniger originell, nicht minder erhaben; es stellt Gott und die Pflichten gegen Gott an die Spitze des Lebens und der Pflichten der Menschen, es vereinigt auf das Innigste die Religion und die Sittenlehre und betrachtet sie als unzertrennlich. Mögen die Philosophen sie scheiden, indem sie sie studiren, mögen sie in der menschlichen Natur das Princip oder die besonderen Prinzipien der Moral an sich und seitens der Religion betrachten, das Recht hat die Wissenschaft; aber das ist eben nur eine wissenschaftliche Arbeit, eine Scheidung der Seele, welche sich nur an einen Theil ihrer Fähigkeiten wendet und sie nicht in der Gesammtheit und Wirklichkeit ihres Lebens auffaßt. Das ganze und lebendige menschliche Sein ist natürlich zugleich moralisch und religiös; das Sittengesetz, das es in sich findet, bedarf eines Urhebers und Richters; dafür ist Gott die Quelle und der Bürge, das Alpha und das Omega der Moral. Mag der oder jener Metaphysiker Gott vergessen, indem er doch das Sittengesetz anerkennt, mag der oder jener Mensch die Sittlichkeit erkennen und achten, während er der Religion fremd bleibt, es geht; der menschliche Geist kann sich mit einer so kleinen Dosis Wahrheit begnügen. Der Mensch vergißt und verstümmelt sich selbst so leicht! Sein Gedanke ist so leicht unvollständig, inkonsequent, verdunkelt und irregeleitet durch seine Leidenschaft und und seine Freiheit! Aber das sind nur Ausnahmszustände des Geistes, wissenschaftliche Abstraktionen; die Menschen verfallen allgemein und für die Dauer nicht darein: im natürlichen Leben und in der Praxis des