Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 5 (1864)
- Issue
- Heft 40 (5.10.1864)
- Date
- 1864-10-05
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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530 gar nicht gelebt hätte, wie wenn seine Augen sich geschlossen hätten noch an demselben Tage, an welchem sie zuerst das Licht der Welt erblickten. Nicht die Zahl der Jahre gibt dem Leben seinen Werth, sondern die Art und Weise, wie der Mensch seine Tage mit bedeutenden und edlen Thaten kennzeichnet. Gar Manchem war es nur kurze Zeit vergönnt, auf Erden zu weilen, und er hat gelebt für alle Zeiten. Rabbi Abon, der Sohn des Rabbi Chija, erreichte nur ein Alter von 28 Jahren; als seine Freunde und Verwandte um den Dahingeschiedenen trauerten, da sprach Rabbi Sera: „Einst miethete ein König viele Arbeiter, um seinen Weinberg zu bestellen. Unter ihnen ersah der König Einen, der sich durch Fleiß und Geschicklichkeit auszeichnete. Da hieß ihn der König, von der Arbeit abzulassen und ihn auf einem Spaziergänge zu begleiten. Als am Abend die Arbeiter kamen, um ihren Lohn zu empfangen, da ertheilte der König seinem Begleiter denselben Lohn, wie den Andern. Die übrigen Arbeiter wunderten sich darob und sprachen: „„Wir haben uns abgemüht den ganzen Tag, und dieser da hat nur 2 Stunden gearbeitet und soll denselben Lohn empfangen, wie wir?"" Der König aber sprach zu ihnen: „„Was betrübt ihr euch? Dieser da hat in 2 Stunden mehr geleistet, als ihr den ganzen Tag."^ Also hat auch Rabbi Abon bar Chija in seiner kurzen Lebensdauer mehr geleistet, denn eilt Anderer in 100 Jahren." — Das Leben ist nicht Selbstzweck, es ist nur Mittel zum Zweck; es ist das Mittel, uns zu vervollkomrnen und dem Willen unseres Gottes nachzuleben und Seine heiligen Gebote auszuüben. „Wer ist der Mann, der Leben wünscht? der da die Tage liebt, Gutes zu schauen," der da die Tage liebt, d. h. der seine Tage nicht verschwendet, nicht unnütz verbringt, sondern jeden einzelnen dazu anwendet, daß er ihm eine Sprosse werde an der Leiter, auf deren Spitze er das Gute zu schauen vermag. Zu diesem Zwecke bitten wir Gott um Leben. II. Haben wir nunmehr erkannt, was eigentlich Leben heißt, so handelt es sich jetzt darum, genau darzulegen, wie und in welcher Weise das Leben sich uns gestalten soll. Unsere Weisen zeigen uns hiezu den Weg: 7>b7iL'2 ->"ri 82.-I "7-b L7I2 7127^7 V"N 1777178 N7Qb WIN pH L12'L7711 P'Z.771;!2 O2'^2 7>'IQ1 O27271 71222 17,7771 O'7121p 2K78 '2 1P7 I2'i^O7>/2 O7I8L721 7l"7> 827» ObipTi "Ni 12M 12 i'2ü72i „Als Rabbi Elieser krank war, und seine Schüler ihn besuchten, sprachen sie zu ihm: „„Unser Lehrer, lehre uns die Pfade des Lebens, damit wir durch sie die ewige Seligkeit erreichen!"" Und er sprach zu ihnen: „„Achtet wohl auf die Ehre eurer Gefährten und haltet zurück eure Kinder, sowohl vom Geschwätz, wie vom ungeeigneten Nachdenken und lasset sie weilen zu den Füßen der Gelehrten, und wenn ihr betet, so merket, vor wem ihr steht — dadurch werdet ihr erlangen die ewige Seligkeit."" „Nehmet euch in Acht, daß ihr die Ehre eueres Mitmenschen nicht verletzet!" ist die erste Lehre deL, Weisen; es ist das derselbe Gedanke, welches deb Psalmist mit den Worten bezeichnet: „Bewahre Deine Zunge vor Bösem und deine Lippen vor trügerHcher Rede!" Einer der edelsten Vorzüge des Menschen ist derjenige, welchen ihm der allgütige Gott in der Sprache verliehen hat. Die Sprache ist das Kleid, ja noch mehr, das Wort ist der Körper des Gedankens; der Mensch muß seine Gedanken in Worte kleiden; er kann nicht denken ohne Worte, selbst wenn er seine Gedanken nicht ausspricht. Den eigentlichen Werth der Sprache empfinden wir aber erst dann, wenn es sich handelt um Mittheilung und Austausch der Gedanken. Durch die Sprache ist es möglich, daß das erfahrene Alter die unerfahrene Jugend heranbildet, daß der große Denker die Menge belehrt; sie ist das bindende Mittel zwischen Mensch und Mensch; denn ohne sie wäre eine menschliche Gesellschaft, eineineinandergreifende menschliche Thätigkeit nicht denkbar; deßhalb ward der Thurmbau sofort unterbrochen, als die Menschen aufhörten. eine Sprache zu sprechen. Die Sprache hat uns Gott verliehen, damit wir unsere Wünsche und Hoffnungen auszusprechen vermögen, damit wir lernen und lehren, damit wir edle Gedanken und Gefühle mittheilen und aufnehmen können. Und dieses köstliche Gut — wie oft, wie vielfach wird es mißbraucht: zur Verleumdung, zur Lüge, zum Spott, zum Zank, zum Fluch, zur Beschämung des Nebenmcnschen, zu unanständigen oder gar sündhaften Reden! Der Vorzug des Menschen vor dem Thiere wird derart entwürdigt, daß der Mensch unter das Thier hinabsinkt. O wie elend ist der Mensch, der das erhabene Gottesgeschenk also mißbraucht, der Freude daran findet, seinen Mitmenschen zu schaden, ihren guten Ruf zu untergraben, in Zank und Streit mit ihnen zu leben, der sich selbst zu ehren vermeint durch seines Mitmenschen Schande! „Nehmet wohl in Acht die Ehre eurer Gefährten!" sprach der sterbende Weise zu seinen Schülern. Das ist der Inbegriff alles Guten. Glücklich der, dem die Ehre des Mitmenschen so hoch gilt, wie die eigene! Da er seine Mitmenschen ehrt, so wird man ihn wieder ehren; man wird ihn lieben, man wird ihn achten; er wird theilnehmen an dem Geschicke seiner Mitmenschen, wird sich mit ihrem Glücke freuen, ihr Unglück lindern, ihrem Kummer Trost spenden, und das Alles wird ihn beglücken, wird sein Herz mit Freude und Wonne erfüllen; und, was er Fremden erweist, mit wie viel größerer Sorgfalt wird er es den Mitgliedern seiner Familie erweisen!