Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1864-09-21 · Heft 38 (21.9.1864) · page 6

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
5 (1864)
Issue
Heft 38 (21.9.1864)
Date
1864-09-21
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2446951-2447141-2447179--02886-2458251
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

506 der Bürger israelitischer Religion und der Bürger der Landgemeinden sind aufgehoben." Die gesetzgebende Versammlung beschloß, diese Senatsvorlage zu schleuniger Berichterstattung an die Versaffungscommisstorr zu verweisen. Altona, im September. Am 23. v. M. feierte Altona die zweihundertjährige Wiederkehr des frohen Tages, an dem es zum Rang einer Stadt emporgestiegen. Um diesen Freudentag in würdiger Weise zu begehen, wurde auch in unserer Synagoge ein Festgottesdienst abgehalten, der eine große Anzahl festlich gekleideter Leute in die Räume des feierlich erleuchteten Bethauses zog. Nach der Absingung und Recitirung der Psalmen 107, 24, 127, 118 von V. 21 bis Ende, betrat unser ehrwürdiger Oberrabbiner Herr A A. Ettling er die Kanzel und gab durch seine treffliche, tiefergreifende Rede der würdigen Feier den Schlußstein der Vollendung. Sie werden mir gestatten, verehrter Herr Redacteur, eine kurze Skizze derselben hier wiederzugeben. — Am Eingänge wies der Redner daraufhin, wie der Allmächtige die Schöpfung zum Wohle und Glück der Menschen ins Dasein gerufen, wie Er uns solches durch Seinen Diener Jesaias verkündet mit den Worten: sch ivtt 712 '2 TiiL' rolNd .itti2 i.iri, wie daher Jeder, der die Bebauung und Urbarmachung der Erde fördere, Ihn verherrliche und gleichsam zur Realisirung Seiner erhabenen Abficht beitrage. So hätten auch die Begründer Altona's unwirthliche Wüsteneien und öde Steppen in sichere Wohnsitze umgewandelt, die jetzt vielen Tausenden zum schützenden Obdach dienten. Anknüpfend an die Worte des Psalmisten: TiN'Tl v'U27i lOttv ptt ritt? .-in'.-i rittv 7U2 die in der Lhat, in wörtlichem Sinne genommen, eine Anwendung auf die Geschichte unserer Vaterstadt finden, erörterte der Redner nun kurz die Bedeutung der Erinnerungsfeier. Unverkennbar äußerte sich in dem raschen und herrlichen Emporblühen unsrer Stadt, die vor wenigen Jahrhunderten noch ein unscheinbares Dörfchen gewesen, von Niemandem beachtet, ja sogar von den Grenznachbarn verachtet und niedergehalten, das wunderbare Walten der göttlichen Vorsehung, die Hand des Herrn, „der Stein, den die Anbauer des „Völkerwohls verachtet, sei jetzt schon zum Eckstein geworden, dazu bestimmt, als eine Hauptstütze das Ge- „bäude von Deutschlands Gesittung und Wohlfahrt „an seiner Grenzmarke mitzutragen". Dank gebühre daher dem Schöpfer für die Vergangenheit unserer Stadt, in der wir seine waltende Macht erkennen, um so mehr, da Altona in seiner an mannigfachen Erlebnissen so reichen Geschichte, die vier Gefahrsperioden, für die unsere göttliche Gesetzgebung besondere Dankopfer angeordnet, glücklich überstanden habe. Aus Wüsteneien und unsichern Steppen seien blühende, duftende Gärten geworden, eine Pflanzstätte der Wissenschaft, ein Ausgangspunkt des Handels. Nicht minder sei unsere Vaterstadt gleichsam aus Gefahren der Gefangenschaft gerettet hervorgegangen, als vor anderthalb Jahrhunderten ein grimmiger Feind ihr Vernichtung drohte,*) wie sie auch sonst noch manchen Bedrängnissen des Krieges getrotzt. Die Wogen des Neides und der Mißgunst, mit der die Grenznachbarn unsere Stadt zu verschlingen drohten, seien fruchtlos an dem harten Schilde der Arbeitsamkeit und des Gewerbebetriebes ihrer Bürger abgeprallt, wie auch die verzehrenden Gluthen des Feuers, die, so oft sie in ihren Adern gewüthet, sie nur noch schöner und prächtiger aus der Asche erstehen ließen. Aber auch zum Vertrauen für die Gegenwart und zur Hoffnung sowie zum Gebet für die Zukunft könne und solle die heutige Festfeier erwecken. Habe auch Altona gleichsam durch Freiheit den Grundstein zu seiner Existenz gelegt, indem seine ersten Bewohner zum großen Theil aus Leuten bestanden, die als Opfer religiöser Intoleranz aus anderen Ländern hatten flüchten müssen und hier einen heimathlichen Herd gefunden, in Folge welcher Freiheit auch unsere israelitische Gemeinde schon vor einem Jahrhundert durch ihre Größe und die Koryphäen talmudischer Gelehrsamkeit, die ihr als Seelsorger Vorständen, in ganz Deutschland glänzet, so sei doch noch Großes zu erreichen und werde auch sicherlich erreicht werden. Sei doch jetzt schon der Stein, den ein Bauender verachtet, zum Eckstein geworden. Schließlich ermahnte der Redner, doch'nicht etwa in dünkelhaftem Uebermuthe zu glauben, als sei Wohlstand und Glück naturgemäß und bedürfe der göttlichen Hilfe nicht, könne ja doch Nichts auf Erden, von dem winzigen Grashälmchen bis zu den stärksten und kräftigsten Geschöpfen, bestehen ohne den Willen und den Schutz der göttlichen Vorsehung. Die Annalen der Geschichte böten uns der Beispiele gar manche, wie weltbezwingende Reiche der Vergessenheit anheimgefallen, wie ungeheure Städte in Staub und Asche versunken. Vielmehr möge man die Worte des Psalmisten beherzigen: 1OL7' tt> "1 Ltt , 12 1'^12 ibllp »E tl'2 7U2' ttd ^-1 Ott 1Q1L7 ipr? ttin ->'p „Wenn Gott nicht das Haus baut, „vergeblich ist der Künstler Mühe; wenn Gott nicht „die Stadt beschirmt, vergeblich ist der Wächter Fleiß." — Die Feier endigte mit der Absingung des 33. Ps. und O^IP Pin; dann verließen sämmtliche Anwesende tiefergriffen das Gotteshaus. — Um dem Wunsche sämmtlicher Zuhörer nachzukommen, erscheint obgedachte Rede auf Kosten des löbl. Cultus-Vorstandes demnächst im Drucke. *) Bekanntlich wurde Altona in d,m großen nordischen Kricae vom schwedischen General Stmbock jm Jahre 1713 erobert und hart bedrückt.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.