Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1864-09-21 · Heft 38 (21.9.1864) · page 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
5 (1864)
Issue
Heft 38 (21.9.1864)
Date
1864-09-21
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2446951-2447141-2447179--02882-2458247
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

502 Das Judenthum hat uns mit zahlreichen und wirksamen Mitteln für unfern Kampf gegen die Sünde bewaffnet. Unsere heilige Sprache ist so rein und keusch, wie keine andere menschliche Redeweise. Für Mbiffe Dinge und Gedanken, welche die Scham verletzen, hat das Hebräische keinen Ausdruck und muß Umfchrewungen zu Hilfe nehmen, welche mildern und verhüllest, während andere Sprachen dieselben Dinge und Gedanken in rohester Weise aussprechen. Die Liteymrr des Judenthums ist mit sehr wenigen Ausnahmen eine heilige Literatur, welche nur die heiligsten und erhabensten Gegenstände behandelt, Gegenstände, die des menschlichen Geistes, der da ist ein Funke des Gotteslichtes, würdig sind. Eine obscöne Sprache und eine unsittliche und frivole Literatur sind zwei mächtige Faktoren der Sittenverderbniß; ihre Opfer zählen täglich nach Tausenden. Durch zahlreiche, geheiligte Werke, welche das Judenthum seinen Kindern vorschreibt, läßt es in ihrem Leben keinen Raum für das Böse. Durch die Erfüllung seiner Religionsgesetze ist Israel gezwungen, auf alle jene Genüsse zu verzichten, welche nichts Anderes sind, als die Lieferanten des Todes. Die Sittenverderbniß kann es nicht erreichen, der Auflösung kann es nicht verfallen; denn es ist eingeschloffen in dem Heiligthume des Höchsten, an dessen Pforte die Schlange ohnmächtig ist: das ist das Geheimniß seiner langen Dauer inmitten der Gräber so vieler Nationen. Das Judenthum hat köstliche Vorschriften, wundervolle Lehrerl und Verordnungen, um in der israel. Familie all die frommen Tugenden, all die edlen und heiligen Sitten, all die guten Werke und all die reinen Gefühle zu erhalten, welche das Leben des Menschen auf der Erde und seine Unsterblichkeit im Himmel bedingen. Unsere Weisen sagen : „Ordne deinen Willen dem Willen Gottes unter (Aboth Cap. 2, §. 4). Dieser göttliche Wille ist in unserem Gesetze offenbart; er findet auch einen mächtigen Wiederhall in unserem Gewissen, in unserer Vernunft, in allen reinen und edlen Gefühlen unserer Seele. Das Judenthum verlangt indessen von uns nicht ein asketisches, einsames, finsteres und trauriges Leben, nicht Selbstqual oder gar Unthätigkeit. „Welches ist der rechte Weg," sagen unsere Weisen, „den man wählen muß? Derjenige, welcher gut ist für den Menschen und ihm Ehre bringt bei seinen Mitmenschen," — ein Betragen, welches heilsam für uns und nützlich für Andere ist. Gott verlangt Nichts, was dem Menschen schädlich ist, Er will durch Seine heiligen Gebote erst unser wahrhaftes Leben begründen O.-w 'ru. Die Erhaltung der Gesundheit und des Lebens ist dem Juden eine heilige Pflicht (Joreh Deah Cap. 345, § l); nur wenn es sich um Götzendienst, Mord und Blutschande handelt, ist der Mensch verpflichtet, eher zu sterben, als in diese schweren Verbrechen zu willigen. Der Talmud enthält zahlreiche Vorschriften zur Erhaltung der Gesundheit, namentlich Ermahnungen zur Mäßigung, Nüchternheit und Sparsamkeit. Die Ausübung des Religionsgesetzes muß vor jeder gefährlichen Krankheit zurückweichen. Unsere Religion gebietet uns, unser Brod durch rechtschaffene, regelmäßige und versittlichende Arbeit zu gewinnen. Viele unserer großen Talmudlehrer betrieben ein Handwerk oder arbeiteten im Tagelohn. Rabba sprach zu seinen Schülern: „Kommet nicht zu mir im Frühjahr und im Herbst; denn das ist die Zeit der Feldarbeiten" (Berachot 35 d). „Ernährst du dich von deiner Hände Werk, Heil dir und wohl dir," heißt es im 128. Psalm. Rabbi Juda pflegte zu sagen: „Wer seinen Sohn kein Handwerk lehrt, erzieht ihn zu einem Räuber." (Kiduschin 30lr.r Die Sparsamkeit ist eine von unfern Lehrern uns häufig empfohlene Tugend. Die Thora empfiehlt, nicht zu häufig Fleisch zu essen (Chulin 84 a). Die Reichsten selbst müssen sich in der Tugend der Sparsamkeit üben, denn es können Unglücksfälle eintreten, die selbst das größte Vermögen zu vernichten im Stande sind. Der rechte Weg ist der der Mitte (Maimonides, Hilchoth Deoth). Selbst die nothwendigsten körperlichen Genüsse sollen nur dazu dienen, den Körper im Dienste Gottes zu kräftigen und in diesem Sinne sagen unsere Weisen: wan -pwpo ^21 und alle deine Werke seien Gott geweiht! Die Trägheit wird in unfern heiligen Schriften als ein großes Laster streng getadelt. Jede Spekulation, welche unsere Mittel überschreitet und deren Mißlingen uns oder Andere, die uns ihr Vertrauen geschenkt haben, zu Grunde richten kann, ist ein Ver> brechen, denn das heißt, Gott versuchen. Diejenigen, welche sich dem Hazardspiele hingegeben, werden vom Talmud für unwürdig erkärt, vor Gericht Zeugniß abzulegen. In der That, wer mit Leidenschaft nach Reichthum strebt und sich dabei unerlaubter Mittel bedient, gelangt dahin, daß endlich die Stimme seines Gewissens erstickt wird. Es ist unserer geistigen Begabung unwürdig, unser Dasein mit thörichten Dingen auszufüllen, unser Glück und unfern Ruhm im Besitze eitler und vergänglicher Sachen zu suchen, gleich dem Kinde, welches seine Glückseligkeit in einem Spielzeug findet, das kaum eine Stunde dauert; aber während das Kind, um sein Spielzeug zu erlangen, nur Bitten uns unschuldige Thränen anwendet, schrecken viele Menschen häufig auch vor solchen Mitteln nicht zurück, welche Gesetz und Sitte verurtheilen. „Wer ist reich? derjenige, welcher mit seinem Loose zufrieden ist; wer verdient Ehre? derjenige, welcher die Menschen ehrt" (Abot 4, 1). Die Bescheidenheit ist eine von denje-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.