Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 5 (1864)
- Issue
- Heft 36 (7.9.1864)
- Date
- 1864-09-07
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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leidendem von der anderen leben ich und die Leute meines Hauses." — „Es gibt viele Leute," sagte der fromme und gelehrte Mann, „die noch größere Wohlthätigkeit üben. Sage mir ob Du je etwas vollbracht hast, was nicht jeder Mensch zu vollbringen im Stande ist." — Der Metzgerschwieg lange Zeit, endlich sagte er: „Mein Herr und Meister! ich erinnere mich heute einer That, die ich vor langer Zeit gethan." — „Was ist es?" fragte der Weise. „Erzähle mir's, da es noch ftühe und stille ist." — „Es sind schon viele Jahre," erzählte der Metzger, „da stand ich eines Tages in meiner Arbeit beschäftigt. Da zog eine Schaar fremden Volkes vorüber, die viele Gefangene mit sich führte. Unter den Gefangenen war ein junges Mädchen, das bitterlich weinte. Ich trat zu dem Mädchen hin, eS mochte etwa zwölf Jahre alt sein, und sprach: „Meine Tochter, warum weinst uns jammerst Du so?" — „Ach," seufzte das Mädchen und konnte kaum vor Thränen und Schluchzen sprechen, „meine guten Eltern zogen mich auf in der Verehrung des einzigen Gottes, und es ist mir bange, daß diese Heiden, die unfern Ort überfallen, meine Eltern getödtet und mich mit Gewalt hinweggeführt haben, mich zwingen möchten, Gott zu verläugnen und gleich ihnen, Götzen zu dienen. Ach, ich hoffte, eS sollte auf unserem Wege ein guter frommer Mann kommen und mich aus ihrer Hand erlösen." — Die Worte des Kindes rührten mich sehr. Ich erbarmte mich desselben und sprach zu ihm: „Sei ruhig, mein Kind! und vertraue mir; ich werde Dich auslösen." — Ich ging nun zu dem Herrn des Zuges und kaufte ihm das Mädchen um einen hohen Preis ab, der fast über mein Vermögen ging, brachte dasselbe in mein Haus, kleidete es und speiste es und hielt es, wie mein eignes Kind, bis es herangewachsen war." „Nun hatte ich einen einzigen Sohn," fuhr der Metzger fort, „einen Jüngling von ein und zwanzig Jahren. Eines Tages nahm ich denselben allein und sprach zu ihm mit herzlichen Worten: Mein Sohn! nimm meinen Rath an und erfülle mir einen Wunsch, den ich schon lange hege, daß es Dir wohlergehe diesseits und jenseits!" — „Was ist es, mein Vater?" antwortete er, „sage mir Dein Verlangen, ich werde weder rechts noch links davon abweichen." — „Ich wünschte, mein Sohn," sagte ich, „Du möchtest das brave Mädchen, das^ich erkauft und bisher erzogen habe, und das ich wie mein eignes Kind liebe, als Weib heimführen, ich werde für Euch Sorge tragen und Euch reichlich ausstatten. — „Ich bin nur da," entgegnete mein guter Sohn, „um Deinen Willen zu vollziehen." — Ich freute mich außerordentlich, daß mein Wunsch auf keinen Widerspruch stieß, besorgte sogleich alles Nöthige, beschenkte Braut und Bräutigam mit prächtigen Kleidern und allerlei Schmucksachen, stattete sie in meiner Herzensfreude, wie ich versprochen, reichlich aus- und schon auf den nächsten Tag bereitete ich das Hochzeitsmahl und lud alle Bewohner der Stadt dazu ein. Ich hatte Niemand übergangen, arm wie reich, und selbst die Bettler, die ich getroffen, hatte ich eingeladen, und ich setzte diese nun absichtlich zerstreut unter die Einwohner der Stadt, daß sie sich nicht zu schämen hätten. Speise und Getränke waren in Fülle da, Alles aß und trank und war fröhlichen Muthes; nur an einem Tische schien es den Leuten nicht zu schmecken. Ich trat hin und sprach: Meine Lieben! warum seid Ihr nicht mit den Andern fröhlich? Habt Ihr an den Speisen und Getränken irgend Etwas zu tadeln gefunden? — „Behüte Gott!" — antwortete man mir, „wir haben nie ein köstlicheres Mahl gesehen; aber hier der arme junge Mann, den Du zu uns gesetzt hast, weint und seufzt und stöhnt, seitdem er da sitzet, so daß Niemand von uns am Tische vor seinem Seufzen und Weinen zu essen Lust hat." — Ich nahm den jungen Mann bei der Hand und führte ihn hinaus und sprach zu ihm mit freundlichen Worten: Mein Freund! Warum thust Du mir das? Warum störst Du mir meine Freude und betrübst das Hochzeitsmahl meines Sohnes? Drückt dich irgend eine Schuld, bedarfst Du des Geldes, ich will Pir gern yorstrecken, soviel Du bedarfst. — „Ach," sagte er, „mich drückt keine Schuld, und ich bedarf keines Darlehens. Ich weine um des Mädchens willen, das Du mit Deinem Sohne jetzt vermählen willst. Dasselbe ist mit mir iu einer Stadt geboren, seine Eltern, die mit meinen Ellern befreundet waren, hatten das Mädchen mir schon frühe zugesagt und mit mir verlobt. Seitdem dasselbe gefangen und weggeführt worden, zog ich chm umsonst nach, um es aufzusuchen, bis ich es heute als die Braut Deines Sohnes hier gefunden! Ach, noch befindet sich der Verlöbniß - Pakt in meiner Hand." — Bei diesen Worten zog er den Pakt hervor und zeigte ihn mir. — Ich nahm denselben, las ihn durch, und als ich ihn in Richtigkeit fand, sagte ich zu dem jungen Manne: Kannst Du mir ein Zeichen geben, daß das Mädchen dasselbe ist? — „Wohl," sagte der arme junge Mann. „Ich habe das Mädchen einmal in seiner Ettern Haus gesehen, da habe ich ein Muttermal an seinem linken Oberarm bemerkt." — Von der Wahrheit seiner Worte überzeugt, sprach ich nun zu ihm: Beruhige Dich, Du sollst befriedigt werden. — Hierauf nahm ich meinen Sohn allein und sprach zu ihm: Mein Sohn! Du warst sogleich bereit, memem Herzenswunsch nachzukommen; ich habe nun eine andere Bitte an Dich und hoffe, daß Du nicht weniger bereit